RICOLETTAS WELT

Sonntag, 26. August 2012

Wemsfreiheit 2012

Filed under: Motorrad,Supermoto — RICO @ 03:12 (3:12 AM)

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Wemsfreiheit 2012

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VillarssousÉcot ist eine Gemeinde im Département Doubs in der Region Franche-Comté. Ein kleines verschlafenes Nest mit ungefähr 380 Einwohnern. Gefühlt können es durchaus noch ein paar weniger sein, alle auf einmal hat noch niemand gesehen. Villars liegt im verschlafenen Irgendwo und Nirgendwo der französischen Provinz – genauer: etwa zwischen Mulhouse und Basel. Sehr viel genauer geht es wirklich nicht.

VILLARS S-S ECOT

Rico kannte die Stecke schon von seinem Besuch bei der Wemsfreiheit 2008. Er hatte seinerzeit nicht nur die erste WM-Strecke im Supermoto-Zirkus kennengelernt, er konnte, wenn auch zunächst sehr zögerlich, seine Flugangst überwinden – der Table war wirklich mörderisch, inzwischen umgebaut und etwas entschärft. Und schließlich hatte er mit Ulis legendären Bratpimmeln Freundschaft geschlossen, einer Bratwurst im XXXL-Format, die gesundheitsgefährdendes Suchtpotential hat.

Uli hatte Rico ein Angebot gemacht, dass einmalig und überraschend zugleich war. Nein, nicht eines jener Angebote, bei denen man seinen Körper für’n Fünfer in dunklen Straßen verkauft. Rico sollte Uli zur Wemsfreiheit 2012 begleiten und durfte zudem seine #79-Stahlyamsel über die Strecke treiben. Dafür würde Rico im organisatorischen Bereich hilfreich zur Seite stehen – ein durchaus akzeptabler Deal.

Stiefel, Helme und Lederhaut – nach annähernd drei Jahren nicht ganz freiwilliger Abstinenz von gepflegter Fortbewegung auf motorisierten Zweirädern war Ricos Kondition genau so eingestaubt wie die Reliquien der Schutzausrüstung. Die Sachen wurden gesichtet, auf Vollständigkeit und Passgenauigkeit überprüft – Ergebnis: Keine Beanstandungen und zudem das gute Gefühl, endlich mal wieder vernünftig gekleidet zu sein.

Schnell wurden Nachrichten ausgetauscht und Details besprochen – und dann stand er da: Uli hatte Ricos Adresse problemlos gefunden und nach kurzer aber heftiger Begrüßung wurde der Transporter mit Ricos Gepäck bestückt: Kissen, Schminkköfferchen und andere Unverzichtbarkeiten fanden schnell Platz und die Reise begann.

„Du wirst etwas vergessen“, mahnte SimÖnchen, Ricos bezauberne Freundin. Völlig absurd! Er ließ sich natürlich von derartigen, völlig unbegründeten Einwänden nicht beeindrucken. Und da er mehrfach überprüft hatte, ob sein Kissen tatsächlich ordnungsgemäß verstaut war, konnte er beruhigt sein. Dass sein Geldbeutel mit allen Papieren in der Zwischenzeit lieber zu Hause bleiben wollte, spielte da nur eine unbedeutende Nebenrolle.

Reise, Reise

Reise, Reise

Trotzig bahnte sich der Transporter seinen Weg durch die Fluten. Der Wetterbericht für das Wochenende hatte für den Freitag „etwas Regen“ und für den Samstag „vereinzelte Schauer“ vorhergesagt. Für den Sonntag wurde dafür bestes Wemswetter in Aussicht gestellt. Das „Pay-per-drive“ der französischen Bezahlautobahnen änderte nichts an dem Umstand, dass Stau auch auf dem gepflegtesten Belag keinen Spaß macht. Und von „gepflegt“ konnte dabei auch keine Rede sein, denn der Autobahnabschnitt hielt bestenfalls dem Vergleich mit einem durchschnittlichen rumänischen Feldweg stand. Dafür sorgten die tiefen Pfützen immer wieder für unterhaltsame Einlagen …

MC Villars

MC Villars

Das Fahrerlager wartete schon ungeduldig auf die Beiden und Uli fand sofort den perfekten Standplatz. So konnte zeitnah mit dem Austausch der Begrüßungszeremonien und der üblichen Beleidigungen mit alten und neuen Bekannten begonnen werden. Nach und nach füllte sich der Platz und die Wetternörgelei der Neuankömmlinge wurde mit Androhung von körperlicher Gewalt und/oder Konsum von gekühlten Getränken schon im Ansatz erwidert. Apropos: Neuankömmlinge – hierbei entwickelte „K.“ mit jeweils exakt 34,119 Sekunden eine unübertreffliche Präzision, was die Prognose über die Ankunft der nächsten Teilnehmer anbelangt. Rico saß mittendrin, trank einen Schluck aus der Flasche, grinste und freute sich im Stillen: Endlich normale Leute! Wie sehr hatte er diese Atmosphäre vermisst.

Der Abend verlief dann nach dem üblichen, streng festgelegten Protokoll – die Wemsergemeinde gab sich dem wechselnden Genuss von Gegrilltem und Kräuterlikör hin … mit den ebenso üblichen Folgen. Rico, der sein Lager im Blechhotel von „MarcE“ beziehen durfte, wurde vom Alkohol bald schwindelig und so tat er vorm Schlafengehen das, was er immer macht, wenn ihm vor dem Schlafengehen schwindlig ist. Der Luftmatratze war das egal. Dafür tat sie in der Nacht das, was jeder macht, der klüger ist: Sie gab nach.

Davon bemerkte Rico wenig und nach dem er früh morgens die Kontrolle über die wichtigsten Körperfunktionen zurückgewonnen hatte, freute er sich darauf, endlich wieder eine Rennstrecke unter die Räder nehmen zu können. Vorher stand noch die Einschreibung der Teilnehmer und die Verteilung der „Leibchen der Schande“ statt. Bei der Fahrerbesprechung wieß Uli auf ein paar Spielregeln hin und dann konnte es losgehen.

Fahrerbesprechung

Fahrerbesprechung

Besonders motiviert zeigte sich dabei der Nachwuchs: Tim stand in vorderster Reihe und hatte sich für dieses Wochenende offensichtlich vorgenommen, den Weltrekord im Ausdauerwemsen brechen zu wollen – ach, beneidenswerte Jugend. Bevor Rico sich auf die Strecke wagen würde, wollte er erst noch ein paar Pixel fürs Familienalbum einfangen. Er kannte ja die vielversprechenden Stellen und begann, die Speicherkarte mit Nullen und Einsen zu füttern.

Paparazzo - Foto von Chris Thiele

Paparazzo – Foto von Chris Thiele

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#71 Armin

#71 Armin

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#64 Axel

#64 Axel

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#74 Lars

#74 Lars

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#199 Markus

#199 Markus

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... wenn der Vater mit dem Sohne - #53 Jochen und #10 Tim

… wenn der Vater mit dem Sohne – #53 Jochen und #10 Tim

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#29 Christian

#29 Christian

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#33 Guido

#33 Guido

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#89 Matthias

#89 Matthias

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Dann war es endlich soweit: Völlig gelassen und cool – naja, ein wenig Herzklopfen hatte er schon – stand Rico neben Uli, der gerade die Reifenwärmer abgezogen hatte und die Yamaha mit einem geschickten Kick zum Leben erweckte. Rico zog den Helm auf und war einen Sekundenbruchteil später mit der Yamsel am Streckeneingang. Er konzentrierte sich, versuchte sich noch einmal die wichtigsten Grundsätze ins Gedächtnis zu rufen und mit dem Dreh am Gasgriff waren alle nüchternen Gedanken verschwunden.

Die Yamaha belohnte das gerade erwähnte Drehen mit freudig-ungestümem Drang nach vorne und obwohl Rico die ersten beiden Runden dazu nutzen wollte, sich langsam heranzutasten – immerhin hatte er fast drei Jahre nicht auf einem motorisierten Zweirad gesessen – spürte er schon auf der Gegengeraden dieses unbeschreibliche Gefühl … Herausbeschleunigen aus der Spitzkehre, sauber die Linie treffen, Gas – die Yamaha hob ausgelassen das Vorderrad, was Rico ihr gleich wieder streng verbot. Die Schikane leitet den Teil Richtung Offroad ein. Rico wollte einerseits der ehrwürdigen Dame das Kleid nicht mit dem ordinärem Matsch der französischen Provinz bekleckern, andererseits wusste er auch nicht, ob er nach so langer Zeit ohne Routine im Offroad sturzfrei den asphaltierten Teil überhaupt würde erreichen können, von der mangelnden Kondition mal ganz abgesehen. Er wollte schlicht nichts an dem Motorrad kaputt machen.

Die lange Rechts bergauf war dann schließlich der Prolog zur ersten „schnellen“ Runde. Vollgas, das Vorderrad wird wieder sehr leicht. Zweiter, Dritter … Bremspunkt. Den hatte er etwas optimistisch gewählt, weshalb der Anschluss in die Links vor dem Omega etwas eckig geriet. Die Yamaha wedelte freundlich mit dem Heck und verzieh den kleinen Fehler – beide lächelten. Kleine Unruhe im Fahrwerk im Ausgang des Omegas bergauf – ein beherzter Dreh am Gas sorgte wieder für Ruhe. Saubere Linie im Bergab-Slalom bis zur Gegengerade – hier gibt es mehrere Variationen, die Rico in den folgenden Runden auch genüsslich ausprobierte. Die Spitzkehre geht noch tiefer, und wieder Vollgas, die Schikane flog beiden entgegen – rechts, rechts und der folgende Abschnitt konnte in einem schönen langen Linksbogen, am Offroad vorbei, in einem Schwung gefahren werden. Dann wieder die lange Rechts bergauf und mit einem kleinen Rutscher zurück auf die Start-Ziel-Gerade.

Rico auf der Edelstahlyamsel "Full open" - Foto von Chris Thiele

Rico auf der Edelstahlyamsel „Full open“ – Foto von Chris Thiele

Die Yamaha jubelte, Rico jubelte – er war wieder voll auf Droge. Er wusste nicht, wieviele Runden er gefahren war, als er das erste Mal die stichartigen Schmerzen im linken Unterarm spürte. Er achtete nicht weiter darauf, wollte nur fahren, fahren, fahren … er ging dazu über, die Kupplung nur noch am Ende der Geraden beim Anbremsen zu benutzen und ohne Kupplung zu schalten – problemlos. Dieses betagte Spaßmofa hat beachtlich viel Kraft, Ausdauer und Geduld. Irgendwann waren die Reserven aber aufgebraucht. Ricos Kehle brannte, die Arme wurden schwer und – unerfreulich – die Konzentration ließ nach.

Rico beendete den ersten Turn und war einfach nur glücklich, zufrieden. Unbeschreiblich. Er war berauscht, brauchte einige Minuten, um die Eindrücke und Gedanken im Kopf zu ordnen. In ihm war nur das Verlangen nach mehr … er wollte unbedingt mehr davon. Bei einem netten Geplauder am Vormittag hatte Jochen ihm bereits angeboten, seine brandneue Husaberg mal zu testen. Rico durfte schon einmal eine Maschine von „mechanix“ fahren, in Walldorf, auch schon wieder Jahre her. Im direkten Vergleich mit der Blauen Lady empfand er damals die Husaberg als fast aufreizend einfach zu fahren – lediglich das gelegentliche Rattern am Hinterrad war Hinweis Ricos absentes Feingefühl und die fehlende Antihopping-Kupplung. Rico fühlte sich sehr geehrt. Jochens Angebot, ihm wieder eine Maschine mit der #53 anzuvertrauen, konnte er nicht genug würdigen. Ehrfürchtig und ein wenig stolz stimmte er hocherfreut zu.

#206 Marc

#206 Marc

Die Strecke hatte nachmittags deutlich an Grip gewonnen, was bei Marcs ambitionierter Fahrweise trotzdem zu mehrfachen, auch sehr schmerzhaften Bodenproben geführt hatte. Zu Beginn seines zweiten Turns hatte Rico ihn hinter den Reifenstapeln hockend am Ende der Start-Ziel-Gerade gesehen. Eine leise Stimme mahnte erneut, es nicht zu übertreiben.

Ende der Gegengerade presste „Mad Axel“ sich auf der Bremse an Rico vorbei: Er wusste, an dieser Stelle hatte er wieder Zeit liegen lassen – aber wem nützte es, wenn er mit dem Messer zwischen den Zähnen dagegen hielt? Er lieferte sich ein paar kleinere Zweikämpfe, gab aber „gewonnene“ Positionen gleich wieder zurück, nur um gleich wieder nach „Opfern“ zu suchen. Er blieb umsichtig und versuchte, den richtig schnellen Wemsern nicht im Weg zu stehen. Als er schließlich entkräftet die Strecke verließ, war der Rest seines Blutkreislaufs restlos gegen einen Cocktail aus Endorphin, Serotonin und anderen Glückshormonen ausgetauscht.

Plötzlich war der Abend über Villars hereingebrochen. Rundherum wurden die Grills angeheizt, der Duft von glühender Holzkohle, geschmortem Fleisch und gebratenen Würsten zog durchs Fahrerlager, Hunger und vor allem Durst wurden gestillt. Ausgelassene, gelöste Stimmung. Vielfach hörte man wortreich die Schilderungen des Erlebten, immer wieder Lachsalven. „K.“ hatte Marc mit heilsamen pharmazeutischen Helferlein versorgt und ihn ins Bett geschickt. Die Formulierung, „von seinen Schmerzen erlöst“, wollte Rico beim Schreiben des Textes dann doch nicht so leicht in die Tastatur fließen.

Das spektakulär inszenierte Feuerwerk und die fachgerechte Entsorgung, von überschüssigem Bremsenreiniger, dabei wurde selbstverständlich rigoros auf die strikte Einhaltung der Gebrauchsvorschriften geachtet, boten die Kulisse für die feurige Fahrerlagerparty. Später sollte im Forum der bemerkenswerte Satz fallen, „Solange irgendwo ein Reifen brennt, lebt Supermoto noch!“

Burn, Baby! Burn!!

Burn, Baby! Burn!!

Sich an die Erfahrungen des Vorabends erinnernd, hatte Rico auf den K.O. nsum Konsum alkoholischer Getränke verzichtet. Kettenfett und Jägermeister musste er ebenso bedauernd ablehnen wie das eine oder andere angebotene Bierchen – sein Selbsterhaltungstrieb hatte diesmal äußerst mühsam einen ziemlich knappen Punktsieg errungen.

„Du wirst etwas vergessen.“ — „Nännähnnähnähnähh ‚was vergessen„, brummelte Rico unter der Dusche. Ich werde auch ohne Duschgel sauber, dachte er trotzig bei sich, als er sich erneut an SimÖchens gutgemeinte Worte erinnerte. Das Wasser war heiß und lockerte wohltuend die angespannte Muskulatur. Die Luftmatratze hatte ein hämisches Grinsen gehabt, als Rico sie am Abend zuvor erneut befüllte – morgens war die Luft nahezu vollständig entwichen und seine Knochen fast erstarrt.

Rico öffnete eine Dose mit Fisch, „Heringe in Mango-Pfeffersauce“, was die Tischnachbarn erstaunt, fast entsetzt zur Kenntnis nahmen: „Du kannst sowas schon essen? „Klar, ist lecker und nahrhaft“, muffelte Rico. Tim, inzwischen mit dem Spitznamen „Supermoto-Hooligan“ versehen, hatte sich schon frühzeitig erkundigt, wann es denn endlich weitergehen würde. Er hatte vermutlich nicht nur das Frühstück ausgelassen und gerade ein paar Ründchen gedreht, als er prompt von einem Vertreter des französischen Ministeriums für Sonntagsruhe von der Bahn getadelt wurde.

Wenig später schlüpfte auch Rico bestens gelaunt in die Lederkombi, ließ es sich nicht nehmen, die Yamaha selbst anzukicken und nahm von der Strecke Besitz.

... dem Leben ist schön - Foto von Chris Thiele

… dem Leben ist schön – Foto von Chris Thiele

Trotz der Reifenwärmer schmierte die Yamaha etwas mehr als am Vortag. Nachts hatte es zudem empfindlich abgekühlt und zwischendurch tröpfelte es sogar etwas – harmlos zwar, aber die Regentropfen auf Ricos Brille waren für die mentale Einstellung nicht ganz unbedeutsam. Es spielt sich eben doch sehr viel im Kopf ab, ohne dass es einem gleich bewusst ist. Ricos Runden waren unspektakulär. Er drehte die Gänge nicht ganz aus und bemühte sich, sauber und fehlerfrei zu fahren, was größtenteils auch gelang. Rico war zufrieden und wollte sich noch etwas Kraft für den Nachmittag sparen. Außerdem erwartete ihn ja noch die Testfahrt. Nachdem er sich gestärkt hatte, schnappte Rico sich den Helm und schlenderte rüber zur Husaberg-Wagenburg. Die weiße #53, Jochen und (Mad) Axel warteten schon. Jochen entfernte die Reifenwärmer und beantwortete dabei Ricos Frage nach den Änderungen an der Maschine mit einem trockenen „nichts!“. Das Crossmotorrad hatte er erst am Mittwoch zuvor bekommen. Außer der Bremse und dem Supermoto-Radsatz gab es keine Veränderungen. Das Fahrwerk blieb ebenfalls unangetastet. Axel entledigte sich augenzwinkernd noch schnell einer kleinen Gemeinheit, bevor Rico losgeschickt wurde: „Schnell, bevor die Reifen kalt werden!“

Jochens Fahrstil wirkte auffallend entspannt, fast mühelos – immer sehr sauber und präzise. Daran erinnerte sich Rico gleich wieder. Schon auf der Anfahrt zur ersten Linkskurve nach Start-und-Ziel beschleunigte die Berg zwar brachial aber ohne Tücken. Keine hinterhältigen Spitzen im Drehmoment, alles war einfach beherrschbar, die Hebelei bediente sich quasi selbstständig. Auf der Bremse wirkte die Husaberg sehr zahm, was jedoch ebenso täuschte. Die Verzögerung war heftiger als erwartet und beim Auskuppeln stempelte protestierend das Hinterrad – da war doch mal was?!

Rico auf der #53 Husaberg - Foto von Jacqueline Schmidt

Rico auf der #53 Husaberg – Foto von Jacqueline Schmidt

Die Berg verlangte doch eine Winzigkeit mehr Gefühl als die robuste Yamaha. Der Vergleich lässt sich mit dem Unterschied zwischen einem scharfen Steakmesser und einem Skalpell vielleicht beschreiben.  Das Anbremsen auf der Gegengeraden gelang Rico schon erheblich besser. Ein kleiner unauffälliger Schwenk mit dem Heck und der Eingang zur Schikane war perfekt getroffen. Rico grinste breit in seinen Helm. Das Fahrwerk war viel weicher als bei der betagten Japanerin, bot noch eine Handvoll mehr Grip. Er konnte so viel früher ans Gas gehen – alles funktionierte so spielerisch und unkompliziert. Die Berg fiel fast selbstständig in die Kurven.  Besonders in den engen Ecken konnte Rico sie tiefer drücken und so sammelten beide Runde um Runde, ohne dass Rico auch nur annähernd müde wurde. Im Gegenteil! Er konnte es sich jetzt „leisten“, in den schwierigeren Ecken die Linie zu variieren, die Bremspunkte weiter nach hinten zu verschieben. Zwischendurch war allerdings immer wieder mal dieses kurze „RRRATRATTRRATTT“ vom Hinterrad zu hören – Ricos Feingefühl für die Kupplung fehlte immer dann, wenn er „zuviel wollte“. Und das alles wurde untermalt von dieser unglaublichen Klangkulisse – der Schalldämpfer intonierte grollend-sonor und nicht zu laut, untermalt von einem, Entschuldigung, endgeilen Ansauggeräusch. Keine Frage, die Husaberg ist ein Motorrad für alle sechs Sinne!

Jochen meinte, es sei sicher ein gutes Zeichen, wenn Rico nicht schon nach zwei Runden wieder zurückkehrt. Außenstehende hätten diese Begrüßung möglicherweise als subtil geäußerte Besorgnis missverstanden. Und vermutlich etwas erleichtert stellte er fest, dass die Beiden nicht gestürzt waren – Rico musste wirklich lange weg gewesen sein. Er sprudelte förmlich über, als er seine Eindrücke schilderte. Jochen hörte aufmerksam zu und freute sich, dass das Konzept seiner Maschine auch von „neutralen“ Personen sehr wertschätzend bewertet wurde.

Rico schnappte sich die Kamera. Vor der Pause wollte er noch ein paar Fotos machen, doch nach wenigen Bildern war der erste Akkusatz leer. Also stiefelte er zurück und dachte noch bei sich, dass die Speicherkarte eigentlich ja auch bald voll sein müsste. Zum Glück hatte er eine Zweitkarte eingepackt. Von wegen, „Du wirst etwas vergessen…“!! Zurück zur Strecke! Gerade vier mal konnte er noch auf den Auslöser drücken, bevor die Meldung „KARTE VOLL“ erschien.

„Ha, ist doch überhaupt kein Problem! Natürlich macht es mir überhaupt nichts aus, noch mal zurück ins Fahrerlager zu wandern. Mir doch egal! Die paar Kilometerchen, pfff!“ Ein paar Augenblicke später kehrte Rico zurück, mit vollen Akkus und leerer Karte. Fertig für viele neue Bilder – und kurz darauf Uli fing die Bande ein: Mittagspause!

"Kinder, essen kommen!!"

„Kinder, essen kommen!!“

Zurück im Fahrerlager, wurden die letzten Reste Grillkohle ihrer Bestimmung zugeführt. Bernhard hatten sich über das Wochenende den Titel „Grillmaster der Herzen“ verdient. Er trotzte den Rauchschwaden und behielt mit bewunderungswürdiger Ruhe stets die Übersicht und versorgte die Hungrigen mit heißen Leckereien.

Das Wetter änderte sich beinahe schlagartig. Eine breite Wolkenfront war herangezogen und hatte zunächst die Zelte auf Stabilität geprüft – keine Verluste zu melden! Mit dem Wind kam aber auch der Regen. Nicht nur so ’n paar scheue Tröpfchen wie am Vormittag sondern gleich ein richtiger, fieser französischer Angeberregen, der es sich in den Kopf gesetzt hatte, das Fahrerlager in – Achtung: Vorsicht, Wortspiel! – Windeseile aufzulösen. Genau so unlustig wie das Wortspiel war die Tatsache, dass faktisch fast alle Teilnehmer begannen, ihre Motorräder samt Equipment zu verstauen und sich auf den Heimweg machten.

Regen-Reifen

Regen-Reifen

„Die Regenreifen haben super Grip“, meinte der „Nasenbohrer“- Er hatte sich nach ein paar exklusiven Testrunden am Ende der Start-Ziel-Gerade spektakulär sowohl von dem Motorrad als auch von der Strecke selbst verabschiedet. Abschied war auch das Stichwort für Uli und Rico. Der Bus war gepackt und abfahrbereit. Noch ein paar freundliche Worte zum Abschied – und die Wemsfreiheit 2012 durfte sich als äußerst gelungenes Event einen vorderen Platz in der langen Reihe legendärer Wemserzusammenkünfte sichern.

„Was wollt ihr denn schon hier?“ Die Frage war keineswegs so unfreundlich gemeint, wie der geneigte Leser dies jetzt vermuten mag. Uli hatte Rico den Autoschlüssel in die Hand gedrückt: „Du fährst!“ So war die Rückfahrt zügig und abgesehen vom herrlichen Sonnenschein fast ereignislos. Rico hatte dem freundlichen Mitarbeiter an der französischen Mautstelle zu ein wenig Bewegung verholfen, als im eine der Münzen entglitt und unter demVW-Bus liegen blieb. Der nette Mann bot an, die Münze später selber aufzusammeln – das ist noch Service!

SimÖnchen hatte die sturmfreie Bude dazu genutzt, um sich in Ricos Abwesenheit ein richtig gemütliches Wochenende mit maximalem Behaglichkeitsfaktor zu gönnen. Dementsprechend überrascht war sie, als Rico die Wohnungstür öffnete und seine Freundin im Morgenmantel und mit aparter Frisur begrüßte. „Was wollt ihr denn schon hier?“ war also eine durchaus nachvollziehbare Reaktion, hatte sie doch nicht so früh mit der Rückkehr gerechnet. Beim anschließenden Abschiedskaffee plauderten sie über Erlebtes, bevor sie Uli auf den Weg nach Hause entließen – spätestens bei der Wemsfreiheit 2013 würden sie sich wiedersehen …

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Gruppenbild - Foto von Jacqueline Schmidt

Gruppenbild – Foto von Jacqueline Schmidt

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Wemsfreiheit 2012

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KMS-Racing Weekend in Villars-sous-Écot. 22. & 23.09.2012:

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