RICOLETTAS WELT

Das Spendending

In meinem Stammforum – beim MC Alte Säcke – hat sich im Frühjahr, genauer im März 2008, folgendes zugetragen: Raimund, ein liebenswerter „Alter Sack“, obwohl Österreicher und obwohl aus Wien und obwohl – ehemaliger – KTM-Treiber, hatte gar nicht so seltenes Pech. Ihm wurde seine schwarze Adventure nachts vor der Haustür von der Straße weg geklaut. Keine Frage, die Verzweiflung bei den Dieben muss groß gewesen sein.

Die Polizei beendete ihre Nachforschungen noch vor dem offiziellen Beginn. „Dös wird a Auftroagsg’schicht’n g’wes’n soin … da hoabt’s koa Chance ned …“ Ohne den Sachstand genau zu kennen, war es leicht vorherzusagen: Die Anzeige wurde in einen kleinen viereckigen Kasten – ein dunkler, unfreundlicher grüner Kasten – zu ihren Artgenossinnen gesperrt. Da musste sie solange oben liegen und warten, bis die nächste Anzeige kommt. Irgendwann käme dann der Herr Kommissar Zufall mehr oder weniger zufällig vorbei und würde unter den vielen Anzeigen eine finden, die aus dem Kasten genommen wird. Die Anderen schauen ihr dann traurig nach …

Was wenige Tage später folgte, war so unglaublich, dass ich nicht umhin kann, Euch den weiteren Verlauf des kleinen Abenteuers ebenfalls zu erzählen. Im besagten Forum der Alten Säcke wurde fast unbemerkt ein kleiner, unschuldiger Thread eröffnet: die Mauschelecke. Melly, die Initiatorin, Administratorin und Chefin des Forums hatte einen Teil des Boards „unsichtbar“ gemacht. Raimund konnte von nun an die darin enthaltenen Themen nicht sehen und wurde von seiner Frau, Lydia, ebenfalls Forumsmitglied seit der Stunde Null, auch gezielt im Unklaren gelassen. Die Idee, eine Spendensammlung durchzuführen und ein Bike zu organisieren wurde zur Diskussion gestellt, innerhalb kürzester Zeit für gut befunden und binnen weniger Tage umgesetzt. Zielsetzung: Zum traditionellen Jahrestreffen in Vierzehnheiligen im schönen Bayern – muss man nicht kennen, sollte man aber mal kennen gelernt haben – sollte soviel Geld gespendet worden sein, dass es ausreichen sollte, für Raimund ein brauchbares Ersatzmotorrad zu beschaffen.

Spontan wurde ein Spendenkonto eingerichtet und schon nach wenigen Tagen war ein beachtlicher Kontostand erreicht, der einigen finanziellen Spielraum gewährte. Ein anderes Mitglied des MC AS hatte seine betagte Yamaha bei einer bekannten Auktionsplattform versteigert und den Erlös als seinen Beitrag zum Spendenbike zur Verfügung gestellt.

Weitere Pläne wurden geschmiedet. Die Art und Weise, wie die Übergabe organisiert und zelebriert werden sollte. Dann, ganz nebenbei, wurde mit Lydias Hilfe auch nach einem geeigneten Modell gesucht. Eine Honda Africa Twin würde es werden. Die üblichen Websites wurden nach passenden Angeboten durchwühlt. Fundstücke vorgestellt, ausgiebig diskutiert und wieder verworfen – bis eines Tages der Volltreffer gelang: ende April wurde in Kärnten eine 18jährige AT ausfindig gemacht, die in allen Punkten den Anforderungen entsprach und für ihr rüstiges Alter in prächtigem Zustand war. Da sie zu dem schon in Österreich zugelassen war, entfielen auch eine Reihe lästiger Behördengänge. Knapp drei Wochen später erhielt die Honda ein Versteck in Wien, wo sie bis zum Transfer nach Deutschland untergebracht blieb.

Bis dorthin hatte Raimund nicht die geringste Ahnung von dem, was die Forumstruppe mit ihm vorhatte. Kurz vor dem Treffen erfuhr er, dass er während des besagten Wochenendes immerhin eine „Leihgabe“ eines befreundeten Motorradhändlers fahren dürfe, damit er nicht ganz auf Entzug käme. Nach unzähligen weiteren konspirativen Mauscheleien war es dann endlich soweit. Die so genannte Ösifraktion hatte die Africa Twin mitgebracht und Raimund erhielt dadurch die Gelegenheit, die robuste Enduro ausgiebig zu testen – noch immer ahnungslos.

Das Treffen von und in Vierzehnheiligen gilt als unübertroffener Höhepunkt der Bikersaison. Das Forum, sonst mit virtuellen Frühstückbuffets, Meinungsbörse, Klamaukpodium und mit gelegentlichen ernsten oder hintergründigen Themen täglicher Bestandteil der Besuche im weltweiten Netz, erhielt nun ein Gesicht. Lässig und unaufgeregt – wie Leute, die schon seit Jahren eng befreundet sind, stand oder saß man gemütlich beisammen, redete Benzin und vernichtete nebenbei den Inhalt der Bierfässer, die von der nahe gelegenen Nothelferbrauerei (Name vom Verfasser geändert) stammten.

Nothelfer

Nothelfer

Der Abend rückte näher und schließlich begann die Übergabezeremonie. Während im Festzelt ausgiebig beweihräuchert wurde, präparierten heimliche Hände draußen die Honda mit Geschenkpapier, Schleife und Spendentafel. Der weitere Verlauf ist mit Worten kaum zu beschreiben. Als Raimund realisierte, dass das Motorrad in seinen Besitz überging und ihn nach Wien begleiten durfte, wechselten sich Tränen der Rührung und eine gewisse Sprachlosigkeit ab

Spendenkübel

Spendenkübel

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Kapitelübersicht

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2 Kommentare »

  1. Franken – nicht Bayern!!! 😉

    Kommentar von Melly — Montag, 3. November 2008 @ 15:05 (3:05 PM) | Antwort

  2. Leider nicht das erste Mal, dass ich mit dem Freistaat und seinen regionalen Besonderheiten – und ich vermeide jetzt mit Mühe den Begriff „Absonderlichkeiten“ (die man wohlwollend allerdings auch als „Originalität“ bezeichnen könnte) – in Konflikt gerate. Für ausgleichende Gerechtigkeit sorgt lediglich die Tatsache, dass ich solchen soziokulturellen Aspekten auch sonst nicht den geringsten Respekt zolle.

    Kommentar von ricolikesbikes — Montag, 17. November 2008 @ 22:48 (10:48 PM) | Antwort


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