RICOLETTAS WELT

Freitag, 5. März 2010

Wo liegt eigentlich dieses Castelletto?

Filed under: Supermoto — RICO @ 03:12 (3:12 AM)

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Wo liegt eigentlich dieses Castelletto?

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Als Rico zum Nachtdienst kam, der Letzte von Dreien, blieb ihm noch ein wenig Zeit, um sich im Internet nach den letzten Neuigkeiten im Forum umzusehen. Er fand eine Nachricht und musste schmunzeln. Klaus, der sich im Forum „no panic“ nennt, hatte ihm geschrieben. Seit Ricos ersten schüchternen Schritten auf der Bühne des Supermotoforums hatte Klaus seine Hand ein wenig behütend über ihn gehalten. Nach einigen Schriftwechseln hatten sie schnell begriffen, dass sie den gleichen sonderbaren Sinn für Skurrilitäten und Humor haben. Das gipfelte darin, dass Rico bei einer Veranstaltung – dem letzten Rennen von Rasmus I. beim IDM-Lauf in Freiburg – als Schirmdame für Klaus fungierte, wobei nicht nur die beiden einen Riesenspaß hatten.

von links: Ric%letta (mit dem Schirm), Klaus (nopa, mit dem Helm) und Rasmus I. (mit der #42) - photo by k.

Dass die ungewöhnliche Darbietung der „Ricoletta“ auch über das Forum hinaus für einigen Gesprächsstoff sorgte, muss wohl nicht besonders betont werden.

Rico öffnete die Mitteilung: „Kommste mit? Team GF Frühjahrstraining in Italia? 18.03.2008 – 21.03.2008, das ist der Dienstag bis Freitag vor Ostern. Könnten wir am Montag losfahren und am Samstag zurück. Kannst bei mir mitfahren, bis dahin habsch dem T4. Nopa.

Team G.F. - Race Factory

Team G.F. - Race Factory

Unwillkürlich sah er zum Dienstplan. Mensch, Wemsen in Italien? Das wäre mal ’ne Sache. Der Blick auf die Tafel versetzte ihn schlagartig wieder zurück ins Hier und Jetzt. Dezember 2007– weiter nicht. Egal! Ein Anruf bei Klaus und Sekundenbruchteile später war die Entscheidung definitiv: Rico musste mit!

Genau im richtigen Moment bekam er den Abteilungsleiter zu fassen. Es bedurfte nur weniger Augenblicke und die Urlaubswoche war eingeschoben – und nicht einmal eine der sonst dazu notwendigen Taktiken musste bemüht werden. Ein paar Klicks auf der Team G.F. Homepage später hatte Rico sich angemeldet und seine üble Laune war verflogen.

„Wohin?“, fragte Andy, die beste ehemalige Sozia von allen. „Nach Castelletto“, antwortete Rico vorsichtig und nahm den Telefonhörer fester in die Hand. Sämtliche Antennen standen auf Empfang und versuchten mögliche Abwehrsignale aufzufangen. „Und was soll uns der Spaß kosten?“ Das ist die Stelle, an der für gewöhnlich unumstößliche Entscheidungen getroffen werden. Ein Zögern hätte bedeutet, dass eine endlose Debatte über die schwierige Wirtschaftslage losgebrochen wäre. Der Familiendiesel braucht im Frühjahr neue Reifen, die KFZ–Steuer wird fällig, und die Zahnspange, die Rückzahlung aus der Lohnsteuererklärung steht auch noch aus und überhaupt. Nicht so Andy. In den Jahren mit Rico hatte sie es immer wieder verstanden, großzügig und sehr wohlwollend mit seiner „Spontaneität“ umzugehen. „Wenn du gerne möchtest“, antwortete sie mit sanfter Stimme und Rico wusste, dass demnächst mal mindestens ein Blumensträußchen fällig sein sollte.

Klaus würde ihn besuchen. Vor knapp zwei Wochen hatte Rico auf Anhieb und ohne satellitengestütztes „Hightech–Billichgedöns“ die „Untere Höll“ gefunden. Freudestrahlend hatte er die Einladung zum Chili angenommen. Die paar Kilometer dazwischen störten ihn nicht weiter. Eher schon die Tatsache, dass Klaus nicht alleine wohnt. Frodo und seine beiden Kollegen mögen dem Außenstehenden harmlos erscheinen. Aber Ricos Verhältnis zu Katzen gilt wohl als beispielgebend für die Definition phobischer Störungen. Die Fünf verbrachten einen sehr lustigen Abend und Rico gewann die Erkenntnis, dass die Vorliebe für bestimmte Brauereien nicht unbedingt von einer breiteren Mehrheit geteilt werden muss, das Chili aber aus kulinarischer Sicht über jeden Zweifel erhaben war. Kurz vor Weihnachten würde sich Klaus also seiner Angst vor Andy und Ricos Kindern stellen wollen und einen Gegenbesuch abstatten.

Es hatte weiter geschneit. Die ganze Nacht hindurch und auch den folgenden Tag. Inzwischen war das Dorf, in dem Rico mit seiner Familie seit drei Jahren wohnte genau wie die umliegenden Wälder mit einer Schicht aus Puderzucker geschmückt. Die ländliche Idylle näherte sich immer mehr ihrem postkartenartigen Klischee vom beschaulichen Schwarzwaldfleckchen.

Winter im Murgtal

Winter im Murgtal

„Was hältst du eigentlich von der FMX 650?“, fragte Ansgar. „’Ne Honda?“, fragte Rico zurück. „Weiß nicht. Ich kann mich mal umhören.“ Ansgars Frage am Telefon kam überraschend. Wie immer eigentlich, wenn Ricos Kumpel sich mit einer Sache neu beschäftigte. Und das konnte immer ein wirklich extrem weit gefächertes Spektrum abdecken. Von der Meinung zu Parkettböden aus Wenge über die Frage zu selbst gebauten Ganganzeigen für Motorräder und Vorschlägen zur Eröffnung der Grillsaison – im Januar. Ansgar war als Zivildienstleistender in Ricos Dienststelle beschäftigt und in den vielen Jahren danach waren sie zu wirklich guten Freunden geworden. Er darf getrost als Beweis für die tatsächliche Existenz des „Peter–Pan–Phänomens“ gelten. Ansgar würde wahrscheinlich niemals erwachsen werden. Knapp zehn Jahre jünger als Rico hatte er irgendwann sein Studium geschmissen und sich mit teils sehr lukrativen Jobs über Wasser gehalten. Regelmäßige Arbeit war ihm tatsächlich wenig vertraut.

Was folgte waren lange Ausführungen, denn Ansgar hatte sich natürlich schon vorher bis ins kleinste Detail informiert. Vermutlich kannte er die Honda inzwischen besser als alle Entwicklungsingenieure des Konzerns in Tokio zusammen. „Sieht ’n bissl aus wie ’ne Supermoto“, meinte Rico zögerlich beim Betrachten der Bilder im Internet.

An dieser Stelle sollte etwas nicht unerwähnt bleiben: Das Stichwort „Supermoto“ war der eigentliche Auslöser für alles, was danach folgte. Die unabsehbare Tragweite dessen wurde Rico erst sehr lange Zeit später bewusst.

„Hast du schon mal was von der DR–Z gehört?“ Rico erinnerte sich daran, dass Ansgar früher eine Enduro mit dieser Bezeichnung fuhr: „Hmmm?“ „Ich habe hier eine Suzuki DR–Z 400 SM gefunden“, meinte Ansgar unbeirrt. „Die sollte man sich vielleicht mal ansehen“, fuhr er fort.

Einige Tage später waren er und Rico mit dem Auto unterwegs in die Stadt. An der Seite des Verkaufsraums stand nun also so eine „Zette“, wie dieser Typ von seinen Besitzern liebevoll genannt wird. Schwarze Plastics und die supermototypischen Zutaten entlockten Rico ein unnachahmlich gedehntes „Ohhh!“ Die Sitzprobe bestätigte die Vermutung: leicht und handlich wie ein Fahrrad. In dem riesigen Showroom hatte sich eine kleine Gruppe junger Leute um eine strategisch günstig im Blickfeld platzierte GSX–R in der Suzuki–Kriegsbemalung versammelt. Gleich daneben, wie zum Duell herausfordernd, war eine schwarze Yamaha R1 geparkt. Doch Rico hatte nur Augen für die zierliche 400er, die er aus jedem Winkel fast pedantisch begutachtete, um sich jede noch so kleine Einzelheit einzuprägen.

Das lustlose Desinteresse des „Fachverkäufers“ ärgerte ihn nur kurz. „Eine Probefahrt? Nein, dazu hätte er keine Maschine frei. Inzahlungnahme? Müsste man erst sehen …“. Schnell war Rico klar, dass sich der ignorante Schreibtischheini der Belästigung, die von Ansgar und ihm ausging, routiniert zu entziehen wusste. Er machte sich auch nicht die geringste Mühe, den Eindruck zu widerlegen, dass er die Motorräder, von deren Verkauf er ja naturgemäß eigentlich profitieren müsste, lieber selbst behalten wollte. Schon wenige Tage später, bei einem Händler am anderen Ende der Stadt, hatten die beiden überraschend die Gelegenheit, die FMX und die DR–Z im direkten Quervergleich zu testen. Danach gab es keinen Zweifel mehr: Die Suzuki würde, nein, musste es sein.

Andy war von der Idee zunächst überhaupt nicht begeistert. Sie verstand nicht, was Rico mit so einem „Grashüpfer“ wollte. Er hatte ihr schon öfter mal Bilder von den rassigen Rennern im Internet gezeigt aber ihr Interesse daran reichte nicht einmal für einen Bruchteil des Enthusiasmus, den Rico dafür aufzubringen vermochte. Grashüpfer und Schlammspringer waren dabei noch die freundlicheren Formulierungen.

Anfang August war es dann soweit. Nach etlichen Telefonaten und einen Besuch bei einem Händler, dessen abgelegener Firmensitz im Odenwald vermutlich in keiner Karte zu finden ist, war der Deal perfekt.

Der Silberfisch - HONDA CBR 600 F PC 35i

Der Silberfisch - HONDA CBR 600 F

Rico würde sich von seinem geliebten Silberfisch, einer Honda CBR, trennen und künftig als Querulant auf zwei Rädern unterwegs sein.

Immer wieder fand Rico einen Vorwand, um „mal eben in die Garage“ zu verschwinden. Da stand sie nun, eine schwarze Geisha, die spontan „Suse“ getauft wurde. So wie ein Raubtier seine Beute umkreist und mit Blicken fixiert, so schlich er um die langbeinige Grazie, betrachtete sie ausgiebig und das Glänzen seiner Augen verriet: Er war glücklich!

Hinweisschild zum Waldparkring Walldorf

Hinweisschild zum Waldparkring Walldorf

Und dann das erste Mal: Die Kartbahn von Walldorf gilt bei objektiver Betrachtung nicht unbedingt als die ultimative Herausforderung. Aber für Rico war es die erste Bekanntschaft mit dem faszinierenden Kosmos des Motorradsports. Ein klitzekleines bisschen jedenfalls …

7. September 2006: Das erste Mal ... © by ricolikesbikes

Das erste Mal ...

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Kapitelübersicht

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2 Kommentare »

  1. Prima Artikel, man saugt förmlich die Zeilen auf.

    Kommentar von Dimone — Freitag, 15. Oktober 2010 @ 15:22 (3:22 PM) | Antwort


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