RICOLETTAS WELT

Mittwoch, 26. August 2009

Von den Alten Säcken, dem Eisenpony und dem Tatzenbär

Filed under: MC Alte Säcke — RICO @ 03:12 (3:12 AM)

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Von den Alten Säcken, dem Eisenpony und dem Tatzenbär

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Andys Oma, eine liebenswerte, rüstige Rentnerin, hatte sich bei einem Surz den Oberschenkelhals gebrochen. Sie musste operiert werden und vorerst schien es, als ob Andys anfängliche Sorge unbegründet wäre, verlief doch alles problemlos. Doch wenige Tage später, Rico verbrachte das Wochenende mit Klaus in Schaafheim, erhielt Andy die Nachricht, dass sich der Zustand ihrer Oma dramatisch verschlechtert hatte. Am folgenden Montag verstarb sie an den Folgen des bei der OP erlittenen Blutverlustes. Die Beerdigung sollte am darauf folgenden Freitag stattfinden, an dem Tag, an dem die ersten Gäste des „TUDGJ“-Events anreisen wollten. Die Abkürzung hat merkwürdig verstrickte Gründe, deren Erläuterung ein eigenes Kapitel in Anspruch nähme.

Andy und Rico überlegten, ob es besser sei, das Fest abzusagen. Letztlich entschieden sie sich aber dann doch dafür und so feierten die Alten Säcke zünftig durch das Pfingstwochenende.

Besonders Andy machte dabei eine Erfahrung, die sich mit den Begriffen „Basaltfeuer, Kupferkessel, Infusionsbesen und Fremdsprachenkenntnisse“ am vorsichtigsten umschreiben lässt, ohne ihre Gefühle damit zu sehr zu verletzen. Derart mit dem Thema vertraut geworden, waren die Pläne für die nächste Feier schnell gemacht: Die MC-AS-Generalversammlung in Vierzehnheiligen.

Der Mai verabschiedete sich unerträglich schwül. Wieder eine drückend heiße Nacht. In der Ferne konnte Rico die infernalisch zuckenden Blitze erkennen. Olly Tatzenbär, sein treuer Hund, der – altersschwach – unter der Schwüle litt, und er unternahmen, wie üblich, den letzten Spaziergang vor dem Schlafengehen. Die Gewitterfront kam unterdessen immer näher und zu Hause angekommen sorgte Rico dafür, dass alle Fenster gesichert waren, denn der aufkommende Wind war böig und entwickelte sich rasch zu einem kräftigen Sturm. Hagel prasselte aufs Dach und das ohrenbetäubende Trommeln wurde nur von dem tosenden Donner übertönt, während gleißende Blitze die Nacht durchschnitten.

Die Findelhündin mit Adelstitel – Lisa von der Huschelwiese, bemerkte es als Erste. Sie hatte sich Schutz suchend unter dem Nachttisch versteckt, bis sie plötzlich ängstlich aufsprang und nicht mehr zu beruhigen war. Rico entdeckte eine Pfütze auf dem Schlafzimmerboden – eine ziemlich große Pfütze. Na toll, dachte er. Jetzt hat das arme Vieh in Panik auf den Boden gepinkelt. Bei genauerer Betrachtung stellte sich jedoch schnell heraus, dass das Wasser immer mehr wurde und zu dem stetig anstieg. In der benachbarten Waschküche drang die Sturmflut durch den Gully ins Haus …

Was folgte, war simple Schadensbegrenzung. Andy und Rico schnappten sich alle verfügbaren Schöpfgefäße, Wischutensilien und Schrubber, um im Widerstand gegen die Flut nicht ganz wehrlos dazustehen.

Die Sorge der folgenden Tage galt jedoch mehr Ricos Hund, der, wie erwähnt, schon fortgeschrittenen Alters war. Eigentlich war es der Hund seiner Frau. Andy meinte damals immer, „wenn du Nachtdienst hast, brauchen die Kinder und ich jemanden, der uns beschützt.“ Ricos Gegenwehr hielt immerhin gute vier Wochen – dann entdeckten sie im Tierheim einen Welpen, dessen Pfoten so riesig waren, dass Rico zu der tapsig unbeholfenen Art nur ein Name einfiel: Tatzenbär. Aus dem Welpen mit dem viel zu großen schwarzen Fell wurde bald ein stattlicher Rüde, der allein durch seine äußerliche Erscheinung so manchen Bösewicht hätte vertreiben können. Hätte, … denn Olly, so der Name, den er vom Tierheim bekam, war in Wirklichkeit ein ausgemachter Angsthase. Er hatte Angst vor Schafen, vor Pferden, selbst vor dem Wind hatte er Angst. Er mochte kein Wasser, konnte Hitze nicht leiden und musste immer und überall mit dabei sein: Rico ging zur Mülltonne – Olly kam mit. Rico ging einkaufen – Olly musste mit. Rico ging in den Keller – nein, vor dem Keller hatte Olly auch Angst.

Seither war Olly Tatzenbär schon zwölf Jahre alt geworden und in den letzten Tagen hatte sein Gesundheitszustand sehr gelitten. Die Untersuchung beim Tierarzt bestätigte einen schlimmen Verdacht: Olly hatte ein Osteosarkom, einen aggressiven, schnell wachsenden Knochenkrebs. Die Entscheidung, den Hund einschläfern zu lassen, war so unabwendbar wie schwierig. Dem geliebten Tier weitere Schmerzen zuzumuten wollte Rico keinesfalls zulassen – das treue Herz hatte aufgehört zu schlagen …

Rückblende: Beim Frühjahrstraining in Freiburg hatte Rico sich einen Ruf als verwegener Freestyler geschaffen – mit einem seltenen Trick:

No-Grip-Rearwheel-And-One-Foot-Heelclicker-With-No-Bike-Single-Flip-Freehanded-Landing-To-LazyBoy – ohne geile Mucke oder coole Kameraeinstellungen in Slow Motion. Seit dieser ebenso spektakulären wie schmerzhaften Szene war die Liste der Mimimis wieder um einen weiteren Punkt verlängert. Das eindrucksvolle Farbspiel, dass Rico vorübergehend in einen mobilen Regenbogen verwandelt hatte, war nach und nach verblasst.

Das mühsame Training, das seinen Körper in eine schonungslose Kampfmaschine verwandelt hatte, war erneut nutzlos geworden und ebenso unbeirrbar begann Rico mit dem Wiederaufbauversuch. Gleich das erste Wochenende seines sehnlichst erwarteten Urlaubs würde er zusammen mit 59 weiteren hackfressigen Wahnsinnigen in Villars-sous-Écot verbringen, einer Supermotostrecke, die, der Beschreibung nach, eine perfekte Mischung aus Spa Franchorchamps und Laguna Secca sein soll, inklusive Eau Rouge und Cork Screw.

Die ersten Liegestütze erinnerten ihn spontan an seinen alten Bekannten aus der Mongolei – jedoch kein Vergleich zu dem, was ihm in den endlos qualvollen Stunden der Physiotherapie widerfuhr – jeweils 20 Minuten Folter und Terror. Seit der letzten Behandlung, es musste etwa die Zwanzigste gewesen sein, spürte er aber deutliche Besserung und seine Vorbehalte wichen nun zögerlich der Zuversicht. Auch das arme Stubenvelo wurde nun wieder belästigt und ließ die Hechelei geduldig über sich ergehen.

Resultat der Schinderei: der erste Besuch auf der neuen Strecke bei Karlsruhe endete in einem desaströsen Fiasko der konditionellen Art. Rico hatte alles vergessen – Position und Haltung auf dem Motorrad, Blickführung – Begriffe, von denen er noch nie gehört haben konnte. Zur Auffrischung durfte Rico dann im Offroad immerhin zwei Kurven versuchen, bevor er in der Dritten mangels Talent und Routine einfach umkippte. Der Kupplungshebel musste mal wieder dafür büßen. Der Rest des Abends wechselte zwischen Freude über die teilweise gelungenen Drifts und Ärger über den immer wieder an der gleichen Stelle verpassten Bremspunkt. Mit dem Messer zwischen den Zähnen lässt sich keine Strecke lernen – er hatte wirklich alles vergessen.

Einen Tag später, im kühlen Moos am Ufer der Murg mit Familie und Freunden, waren die Gedanken dann bei seinem Eisenpony. Einige Tage zuvor war es auf einer langen Geraden auf dem Nachhauseweg plötzlich verendet. Die Autopsie ergab ein Loch im linken Kolben.

Er würde die Honda ausschlachten und in Teilen verkaufen. Trotzdem gab es auch Grund zur Freude. Das bekannte internationale Auktionshaus hatte Rico zu einer Anhängerkupplung für den Familiendiesel verholfen und mit der Hilfe eines netten Mitmenschen würde er bald mit Suse auf dem Anhänger zu den Strecken gelangen können. Die dringend benötigte Praxis für den Start im Ü-40-Cup, zu dem er sich angemeldet hatte, würde so einfacher zu sammeln sein. Die nächste Gelegenheit dazu würde in Villars sein. Je näher der Termin rückte, um so mehr kribbelte es. Rico fühlte sich an das Gefühl vor der Italienreise erinnert. Und auch das debile Grinsen war wieder da.

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Kapitelübersicht

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