RICOLETTAS WELT

Mittwoch, 26. August 2009

Tiefkühlpizza

Filed under: Supermoto — RICO @ 00:22 (12:22 AM)

____________________________________________________________________________________

Dr. Oetker Tiefkühlpizza –

Der letzte Teil des italienischen Abenteuers

____________________________________________________________________________________

Der Umzug nach Ottobiano verlief dann nach dem üblichen Muster. Rico hielt den Ausdruck eines Routenplaners in Händen, versuchte die kryptischen Zeichen zu deuten und Klaus freute sich, endlich mal wieder einen Kreisverkehr in voller Länge durchfahren zu dürfen. Die kurze Frage nach dem richtigen Weg auf der Piazza eines kleinen Dörfchens am Rande der Zivilisation wurde von drei Jugendlichen mit der gestenreichen Angabe von vier verschiedenen Richtungen beantwortet. Rico bedankte sich pathetisch und gewohnt wortgewandt mit einem freundlichem „Mille Grazie“.

Dass Klaus schließlich doch die Einfahrt und einen netten Platz im Fahrerlager fand, war dann auch mehr dem Prinzip Hoffnung und Ricos scharfer Beobachtungsgabe zu verdanken. Die Atmosphäre in so einem Fahrerlager hat ihre Besonderheiten. Schon vorher, in Freiburg, hatte Rico die Gelegenheit, das lockere und freundschaftliche Miteinander zu bestaunen. Abgesehen von einer Ausnahme – scheinbar muss es die leider wohl immer irgendwo geben – erlebte er auch hier das nachbarschaftliche Beisammensein durchaus als ebenso ungezwungen. Gegenseitige Hilfsbereitschaft ist selbstverständlich und es ergibt sich immer die Gelegenheit zu einem netten Plausch, einer harmlosen Neckerei oder einem kleinen Scherz. Eine sehr entspannte Gemeinschaft, in deren Mitte Rico sich schnell sehr wohl fühlte und deren unverkrampfte Stimmung er überaus genoss.

Das eingeschaltete Flutlicht auf dem Circuito Internazionale di Ottobiano erlaubte einen ersten Eindruck vom Streckenverlauf – grandios. Glücklich und voller Enthusiasmus versank Rico in seinem Schlafsack und träumte einmal mehr von Kurven (ARME HOCH!!), staubigem Offroad und idealen Linien.

Die Fahrerbesprechung am folgenden Morgen begann, wie üblich, mit Jürgens Frage nach vollständiger Anwesenheit. Diese würde mit einer stimmgewaltigen, weithin hörbaren Antwort erwidert. Keine Frage, hier standen Profis zusammen, die schon früh am Abend zu Bett gegangen waren, um hoch motiviert Kraft und Konzentration für die anstehenden Aufgaben zu tanken. Sie alle hatten der übermächtigen Versuchung trotzig widerstanden, den Ausflug nach Italien dazu zu nutzen, um sich bis spät in die Nacht mit dem Austausch von Anekdoten und dem Konsum alkoholischer Getränke zu vergnügen. Alle! Ohne Ausnahme …

Die ersten Fahrübungen in der frischen Luft hatten nichts von dem Glamour, den Rennstrecken ansonsten ausstrahlen. Die kühle Feuchte der Nacht kroch widerstandslos in die Lederkombi und lähmte Ricos geradezu sprichwörtliche Geschmeidigkeit. Damit nicht genug, wurden an den Schlüsselstellen Pylonen aufgestellt, um den Übenden das Leben noch weiter zu erschweren – Supermoto ist definitiv kein Spass und inzwischen hörte man hinter vorgehaltener Hand immer häufiger die Bezeichnung „Drillinstructor“. Der Eindruck eines Bootcamps wurde auch durch die ständigen Ermahnungen – ARME HOCH!! – nicht gemindert. Nein, Supermoto hat augenscheinlich wirklich nicht das Geringste mit Vergnügen zu tun!

Als die Gruppen darauf durchgewechselt wurden, konnte Rico beobachten, wie Mauno Hermunen, Jan Deitenbach und der Rest der Topfahrer in nahezu jeder Runde eben genau die von den Pylonen vorgegebene Line „trafen“ – mit traumwandlerischer Sicherheit. Rico war äußerst beeindruckt, nein, er versank in ehrfürchtiger Andächtigkeit.

Für den Mittag war eine Unterweisung im Offroad vorgesehen. Für Rico bedeutete dies, wiederum mit völlig neuen theoretischen Grundlagen und hoffnungslos anspruchsvollen Lektionen in der Praxis konfrontiert zu werden. Nach einer endlos gedehnten Viertelstunde war er um Jahrzehnte gealtert und so erschöpft, dass er sich selbst von den weiteren Übungen beurlauben musste. Kraft und Koordinationsvermögen reichten einfach nicht mehr aus, Stürze zu vermeiden.

Apfelsaftschorle in unglaublichen Mengen floss durch Ricos durstige Kehle. Nopas gastronomische Kunstfertigkeit und der Nachschub an lukullischen Genüssen mit Gegrilltem und Gebrautem ließ keine Wünsche offen.

Eine mutige Exkursion ins Landesinnere brachte später jedoch eine wichtige Erkenntnis: In ganz Italien gibt es scheinbar keine einzige Pizzeria – zumindest nicht, wenn man müde und hungrig danach sucht. Eine Verkaufstheke in einem Supermarkt brachte vorübergehende Linderung, wenn man auch bei 3,- Euro für ein winziges Stückchen lauwarmer Pizza mit etwas Schinken von einem etwas exklusiveren Vergnügen sprechen darf. Nicht unerwähnt bleiben sollte jedoch die Tatsache, dass das freundschaftliche Angebot zur Teilnahme an dem kleinen Ausflug immerhin die Besichtigung des Zentrums einer typischen norditalienischen Kleinstadt ermöglichte – wenn auch nur vom Auto aus, denn dessen Navigationssystem weigerte sich beharrlich, bei der Suche nach einer Pizzeria behilflich zu sein – in Italien gibt es davon vermutlich auch denkbar wenige.

Am Morgen des vierten Tages war Rico früh erwacht. Die Dusche am Vorabend war unfreiwillig erfrischend, war doch der Vorrat an warmem Wasser für jeden Teilnehmer auf wenige Tropfen beschränkt. Er wunderte sich selbst ein wenig über den Tatendrang, den er auch nach den Anstrengungen der letzten Tage noch immer verspürte. Gestern, am späten Nachmittag, waren das Gefühl für das Motorrad und die Reifen plötzlich buchstäblich greifbar. Rico ertastete förmlich jede noch so geringfügige Veränderung in Haltung und Schräglage. Die Rastenprotektoren wurden endlich ihrer Bestimmung zugeführt und das Vertrauen in die Fähigkeiten von Maschine und Pilot wuchs von Runde zu Runde. Rico war heiß auf das Fahren. Schon in der ersten Runde wollte er dort anknüpfen, wo er tags zuvor aufgehört hatte. Das Ergebnis war ein kapitaler Rutscher, der ihn heftig erschrecken ließ. Dass sich die Strecke mit den kühlen Nachttemperaturen so stark verändern würde, war ihm nicht klar. Ein weiteres „Ich–hab’s–gelernt“ wurde mit einem Ausrufezeichen versehen und konnte auf der Habenseite verbucht werden.

... mit der Schwarzen Geisha in Ottobiano

Die ersten Runden des Vormittags verbrachte Rico dann auch damit, sich auf die bisher gewonnenen Erfahrungen zu konzentrieren. Er probierte verschiedene Linien, variierte seine Sitzposition und schnell war das Vertrauen zurückgekehrt. Beide, die schwarze Geisha und er wussten nun, was sie voneinander zu halten hatten. Wie wohl Rico sich nun fühlte, begriff er erst, als er sich bei Horst vom Team G.F. fragen hörte, wann denn endlich der Offroad geöffnet werden würde. Keine Frage, Rico und Suse waren in den vergangenen Tagen mit kleinen Schrittchen in die angestrebte Richtung gegangen. Als schließlich am Nachmittag der Offroad endlich geöffnet wurde, hatte er allerdings schon nach wenigen Runden genug – die schwindende Kraft ließ ihn in dem anstrengenden Geländeteil jede Konzentration verlieren und so beschloss er, seine Suse und sich selbst zu schonen …

Der letzte Abend in Italien fand seinen Höhepunkt in einem spontan organisierten Fest, bei dem nicht nur Freudentränchen – P. und Artur feierten jeweils Geburtstag und wurden auf unvergleichliche Weise beschenkt – sondern auch unglaubliche Mengen an Dosenbier vergossen wurden. Rico hatte die Gelegenheit mit den „alten Hasen“ aus der Supermotogründerzeit zu plaudern und außerdem kleine Geheimnisse zu erfahren. Er hörte auch, dass man Uhren ohne Ziffernblatt „Armbänder“ nennt und freute sich, sehr nette Menschen ein bisschen näher kennen zu lernen. Ganz besonders aber gefiel ihm ein Kompliment, dass sein Herz ein klein wenig aufgeregter hüpfen ließ. Es galt seiner Suse, der er in den vergangenen vier Tagen auch ein wenig näher kam.

Wann die Feier endete und der neue Tag begann, ist nicht mehr schlüssig zu klären. Jedenfalls hatte der Morgen danach mit dem Abend davor nichts zu tun – dafür war das Dosenbier viel zu lecker! Fest steht jedoch, dass das Panic Mobil irgendwann am Mittag als Letztes den Bogen mit der Aufschrift „Pista South Milano – Circuito Internazionale di Ottobiano“ durchquerte und die Rückreise begann.

Ein schnelles Essen bei einem amerikanischen Spezialitätenrestaurant, dazu ein, abgesehen vom üblichen Stau, erstaunlich unspektakulärer Grenzübertritt und ein kurzer Tankstopp waren die letzten Besonderheiten einer Rückreise ohne sonstige erwähnenswerte Ereignisse. Auf den Schnee am Gotthardnordportal waren Klaus und Rico durch die Nachrichten von zu Hause schon vorbereitet und die routinemäßige Frage des deutschen Zöllners, später an der Grenze, was sich denn im Inneren des Panic Mobil verberge, beantworteten die beiden unisono: „Motorräder!“. Mit einem emotionslosen, knappen „Na, denn …“ forderte der Beamte zur Weiterfahrt auf. Der Narr! Hatte er doch keine Vorstellung davon, welche Heldentaten die Vier in den letzten Tagen vollbracht hatten …

Irgendwann in der hereinbrechenden Dunkelheit parkte Klaus den T4 in die Einfahrt, begleitet vom wachsamen Bellen der Hunde, die der gesamten Nachbarschaft die Rückkehr bekannt gaben. Ricos Nachwuchs stürmte freudig kreischend aus dem Haus und half fleißig beim Entladen. Klaus hatte es eilig und während er noch zurückhetzte, tauchte Rico in sein Bett, umarmte sein so sehr entbehrtes Kissen und fiel in einen tiefen traumlosen Schlaf.

Das erste Erwachen zu Hause, Ostersonntag. Es hatte die ganze Nacht hindurch geschneit und Schnee gehört bekanntlich zu den Dingen, die Rico überhaupt nicht mag.

____________________________________________________________________________________

Kapitelübersicht

Advertisements

Schreibe einen Kommentar »

Es gibt noch keine Kommentare.

RSS feed for comments on this post. TrackBack URI

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s

Erstelle eine kostenlose Website oder Blog – auf WordPress.com.

%d Bloggern gefällt das: