RICOLETTAS WELT

Mittwoch, 26. August 2009

Mongolen im Breisgau

Filed under: Supermoto — RICO @ 03:12 (3:12 AM)

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Mongolen im Breisgau

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Rico taumelte durch die Zeit. Klaus hatte ihn mühelos davon überzeugt, dass ein Start beim freien Trainingswochenende in Freiburg quasi zum Pflichtprogramm einer Supermotosaison gehört und so versuchte Rico, sich das fragliche Wochenende freizuschaufeln. Mit allerhand Überredungskunst schaffte er es schließlich, Kolleginnen und Kollegen die lebensnotwendige Bedeutsamkeit klarzumachen – was nicht heißen soll, dass er die Einwilligung zu den benötigten Umstellungen im Dienstplan auch erhalten hätte.

Wenige Wochen vor Ablauf der Meldefrist des Veranstalters war es dann doch noch so weit: Möglicherweise war Ricos Quengelei inzwischen so vielen Kollegen auf die Nerven gegangen, dass sich schließlich eine Mitarbeiterin fand, die bereit war, sich zu opfern und für ihn einzuspringen. Klaus hatte ihm angeboten, für einen Tag seinen Startplatz übernehmen zu dürfen und so waren die Pläne schnell gemacht. Rico beschloss, den nächsten Schritt zu wagen und wollte zum ersten Mal mit Slicks, profillosen Rennreifen, an den Start gehen. In Italien hatte er zumindest zum Schluss so viel von dem Gelernten umsetzen können, dass er schon gespannt auf die bevorstehenden Erfahrungen war – wieder kribbelte es im Bauch. Die gründliche Nachsorge nach dem italienischen Abenteuer hatte sich gelohnt und so war die Umrüstung der schwarzen Geisha an einem Nachmittag erledigt. Suse stand bestens präpariert in der Garage und strahlte stolz grinsend mit Rico um die Wette.

Wie schon wenige Wochen zuvor, war das Wetter eher regnerisch. So hatten Klaus und Rico bei der Abfahrt aus dem idyllischen Schwarzwalddörfchen wieder den gewohnten Eindruck einer Reise, bei der die Scheibenwischer und nicht die Sonnenbrillen für angenehme Sichtverhältnisse sorgen sollten – wobei „regnerisch“ vielleicht nicht die wirklich treffende Bezeichnung für die rekordverdächtigen Niederschläge der vergangenen Tage ist.

Klaus fand auf Anhieb und ohne Ricos legendäre Navigationsfähigkeiten den Weg durch die entlegene, wildromantische Landschaft des mittleren Schwarzwalds. Die Streckenführung würde jeder Straßenbiker mit einem Zungenschnalzen genießen, dafür blieb die Aussicht diskret verborgen, versteckte sich doch das sicherlich grandiose Panorama schüchtern hinter den tiefhängenden Regenwolken. Sie unterhielten sich über den glücklichen Umstand, dass Rico in letzter Minute noch den Startplatz eines abgesprungenen Forumskollegen erhalten hatte, machten einen Kurzabstecher ins lauschig gelegene Hintertal und verbrachten schließlich einen entspannten Abend bei Bier und äußerst delikatem chinesischem Essen.

Rico kroch irgendwann todmüde in den Schlafsack, kuschelte sich in sein Lieblingskissen – nie käme er auf die Idee auch nur eine Nacht ohne dieses Kissen zu verbringen – und hörte im Wegdämmern noch die lächerliche Drohung, der Wecker würde um sechs Uhr die ohnehin viel zu kurze Nacht beenden. Irgendwann am frühen Morgen spürte er dann, wie sich eines von Klaus’ krallenbewaffneten Monstern, mit dem furchtgebietenden Namen „Kasper“, Ricos schwindenden Widerstand zunutze machte und sich in der Höhle zwischen den angewinkelten Knien und der Rückenlehne der Couch eine behagliche Unterkunft ertrotzte. Pünktlich beendete der Wecker die Nacht. Der hatte aber das Prinzip der angebrochenen Sommerzeit bisher hartnäckig ignoriert und so kam es, dass das Panic Mobil nur fast pünktlich den Weg ins Motodromo di Breisgau antrat. Unterwegs, so hatten Klaus und Rico übereinstimmend beschlossen, würden sie bei einer der zahlreichen Gelegenheiten, Bekanntschaft mit den gastfreundlichen Einwohnern des Elztals machen, um sich mit den Zutaten für das Frühstück zu versorgen, um dieses zeitgewinnend und knapp gehalten einfach unterwegs einzunehmen.

Beim Kauf von zwei Brötchen erhalten Sie ein Drittes gratis dazu – Aktionspreis 0,99 EUR.“ Rico hatte den kryptischen Inhalt des Schildes an der Bäckertheke auch eine halbe Stunde nach Verlassen des Ladens noch immer nicht durchschaut und auch Nopas geduldige Versuche, ihm das System dieses Angebots zu erklären scheiterten an Ricos störrischer Weigerung, die Antwort der Verkäuferin begreifen zu wollen. „Was hat die gemeint, mit „ … des gloiche Wäckle koschd dann abba scho mehr …“?

Kühl aber sonnig und trocken begann der Samstag und das Panic Mobil drehte zunächst eine Ehrenrunde durch das Fahrerlager, um die Huldigungen der bereits anwesenden Wemser entgegenzunehmen. Während Rico den Inhalt des Frankfurter Flughafenhangars entlud, drehte Klaus ’ne informative Platzrunde. Ein paar „Hallos“ und geschüttelte Hände später war Rico umgezogen und das vorfreudige Kribbeln wurde unwiderstehlich.

Schon vor der Italientournee hatte Rico öfter Leute gefragt, welche „wies“ und „warums“ es zum Thema Slicks gibt. Diese Leute, die sich offensichtlich damit auch auskennen, haben ihm immer wieder geraten, am Anfang doch zurückhaltend mit Gas und Bremse zu sein. So hatte Rico auch extra einen etwas niedrigeren Luftdruck gewählt, um den Reifen schneller die Gelegenheit zu geben, sich für und an der Strecke zu erwärmen. Wie er später hören sollte, war er nicht der Einzige, der diese Strategie verfolgte, und befand sich damit zumindest mit einem gewissen Markus R. in bester Gesellschaft.

Rico suchte den Zugang zur Strecke, der ihm schon vom IDM-Lauf im vergangenen Herbst bekannt war. Er rollte gemächlich an der Kontrolle vorbei und beschleunigte zaghaft auf die Gerade. Suse benahm sich sehr anständig und wedelte vor Vergnügen ein wenig mit dem Heck. Rico kannte diese Bewegungen vom Offroad, wenn er es mit dem Gasgriff ein wenig übertrieb. Die erste Kurve bremste er sehr früh und vorsichtig an und sah beim Einlenken über die linke Schulter, um sich zu vergewissern, dass er niemandem im Weg stand. Den Linksbogen nahm er, ohne dass ihm etwas Besonderes auffiel und als er gerade dabei war, für etwas Körperspannung und eine vernünftige Sitzposition zu sorgen passierte es. In dem kleinen anschließenden Rechtsknick, der eigentlich gar keine Kurve ist, öffnete Rico den Gasgriff nur ein kleines bisschen mehr. Suse wieherte vor Freude, erschrak sich jedoch über den unvermuteten emotionalen Ausbruch und tat das, was alle hochgezüchteten, nervösen Vollblut–Rennpferde in einer solchen Situation machen – sie keilte heftig hinten aus. Nicht nur das. Sie scheute, bockte und entledigte sich mit einem mächtigen Bocksprung ihres Reiters.

Rico erlebte diesen Moment wie in Zeitlupe. Noch während er spürte, wie das Hinterrad heftig rutschte, tat er das, was alle unerfahrenen, nervösen Vollblut–Anfänger in einer solchen Situation machen – er drehte schlagartig das Gas zu und sorgte so dafür, dass das kopf– und führungslose Hinterrad wieder Halt im Breisgauer Betonboden fand. Genau in diesem Augenblick war ihm klar, der Drops ist gelutscht und so entledigte er sich, unerwartet heftig beflügelt, mit einem mächtigen Bocksprung seines Motorrads. Noch im Absteigen drehte Rico den Kopf nach hinten und sah, wie die Meute auf ihn zuhetzte – blutunterlaufene Augen starrten ihn an und die Lefzen waren gierig nach oben gezogen. Man, sind die aber schnell, dachte er, kurz, bevor er aufschlug … Das stakatohafte Chrrkrrkrr endete mit einem Rumms in Fortissimo – Suse trat im rutschend noch einmal kräftig in den Rücken, bevor beide endlich still auf dem kalten Boden lagen.

Stille – Rico hörte die aufgeregten Rufe der Streckenposten langsam lauter werden, sprang auf und stolperte auf die Geisha zu. Noch während er die Suzuki aufhob und von der Strecke schob, spürte er einen vernichtenden Schmerz in der linken Schulter. Beide standen in der Wiese neben der Strecke, atemlos keuchend. Ein kurzer Blick und Rico wusste, er würde aus eigener Kraft zurück ins Fahrerlager rollen können. Der Lenker zeigte in eine merkwürdige Richtung und der abgebrochene Kupplungshebel ließ eine Bedienung mit zwei Fingern zu.

Suse beendete die Runde und fand im immer dichter werdenden Nebel irgendwie das Panic Mobil. Rasmus blickte verstört und Klaus, dessen Gesicht sich zu einem großen Fragezeichen verformt hatte, fing beide auf. „Kannst Du mir mal den Hubständer rübergeben?“, fragte Rico und Klaus half ihm, der schwarzen Geisha sicheren Stand zu geben. Beine und Hüfte schmerzten pulsierend und er spürte, wie die Blutergüsse sofort zwar langsam aber stetig wuchsen. Beim Versuch die Jacke auszuziehen bohrte eine Armee mongolischer Reiter unter der Führung von Dschingis Khan ihre Lanzen in Ricos Schulter und fügte ihm die Art von Schmerzen zu, bei der nicht klar ist, ob man es für ein Brennen oder Stechen halten soll. Für solche Fälle hatte er sich mit Kältepacks versorgt und während er seine Schulter kühlte, begutachtete er den Schaden am Motorrad. Ein paar Kratzer, verdrehte Hebeleien und Protektoren – nichts, was ihn am Weiterfahren hindern würde. Also begann er damit, den abgebrochenen Kupplungshebel zu ersetzen, den Lenker wieder gerade auszurichten und nach „versteckten“ Beschädigungen zu forschen. Dann war auch schon die Zeit für den nächsten Turn seiner Gruppe und Rico wollte sich fertig machen. Er schlüpfte in die Jacke … vielmehr, er versuchte, in die Jacke zu schlüpfen. Denn als er den Arm nach hinten dehnte, um den Ärmel zu suchen, begegnete im Khans Armee erneut – diesmal hatten sie Verstärkung mitgebracht und die Spitzen ihrer Lanzen hatten sie vorher im Feuer zu glühenden Folterinstrumenten verwandelt. Zornig schleuderte er die Jacke zu Boden und dabei hörte er jemanden eine durchaus repräsentative Sammlung der gebräuchlichsten Verbalinjurien zitieren.

Es dauerte noch einige Minuten, bis Rico schließlich nach und nach klarer im Kopf wurde. Er hatte sich mehrfach selbst abgetastet und seine hochsensiblen Röntgenfinger hatten ihm seinen Erstbefund bestätigt: nichts gebrochen …

Klaus redete in einer merkwürdigen, fremden Sprache. Meinte, man sollte sicherheitshalber einen Abstecher zu einem Krankenhaus machen und gab auch sonst Ratschläge, deren Inhalt Rico zwar leidlich bekannt vorkam, die er aber trotzdem nicht verstand. Die Frühlingssonne stach in Ricos Augen, sein Schädel dröhnte – er suchte seine Sonnenbrille und versteckte sich unter seiner Mütze. Nachdem beide eine in lauwarmen Fett erhitzte Schuhsohle verzehrt hatten, startete die Panic Ambulance nach Bad Krozingen – bekannt für seine Reha–Kliniken und das Herzzentrum.

Klaus suchte den Bahnhof und Rico begriff noch immer nichts von dem, was er ihm sagte. „Dr.-Becker-Klinik“ stand über der Eingangstür und kurz darauf wurde Rico in den Raum geführt, in dem scheinbar üblicherweise die Verhöre stattfinden mussten. Eine freundliche Dame verlangte Versichertenkarte, stellte unendlich viele Fragen, bat Rico um Geld und verjagte Klaus schimpfend, als dieser jede Bekanntschaft mit Rico vehement leugnete. Rico wunderte sich noch, als zwei weitere sehr finstere Gestalten die Klinik betraten. Einer lächelte unentwegt und der andere versuchte, unter einem kleinen Kissen seine Hand zu verstecken.

Ausziehen? Wieso ausziehen? Rico erwachte viele Jahre später in einem Zimmer, das ganz anders aussah als die, die er bisher gesehen hatte. Frauen, ganz in Weiß gekleidet, verlangten lächelnd aber nachdrücklich, dass Rico seine Sachen ausziehen soll. Ihm fehlte die Kraft, Widerstand zu leisten und erst als die Lanzenreiter zu einem erneuten, feigen Angriff aus dem Hinterhalt auftauchten, hörte Rico die besorgte Frage, „… und wenn ich hier drücke, tut es auch weh?“

Rico schwebte in einen anderen Raum. Es war kalt und eigenartige Geräte standen hier. „Aha“, dachte er. „Hier werden also die Verdächtigen gefoltert.“ Wenige Augenblicke später erklärte ihm die Ärztin, dass sein Schlüsselbein eigentlich hätte brechen müssen. Weil es das aber nicht tat, hat es die Bänder die die Schulter umschließen, auf eine beeindruckende Länge gedehnt. „Hmmpf“, antwortete Rico und erklärte damit sehr anschaulich und detailliert, dass er zwar gehört hatte, was die Fremde ihm berichtete, er aber kein Wort von alledem verstand.

Eine Pfütze auf einem Feldweg, der die Landstraße ein Stück begleitete, regte Ricos Fantasie an. Einige Radfahrer waren auf dem Feldweg unterwegs und Rico stellte sich vor, wie sie in den Fluten, die sich durch den Regen der vergangenen Tage gebildet hatten, versinken würden. Sie unterhielten sich über Benzinhähne und Kissen; hin und wieder kam Dschingis vorbei und kitzelte hämisch lachend Ricos Schulter.

Im Fahrerlager sollte das Panic Mobil dann erneut beladen werden – Klaus hatte vorgeschlagen, Rico nach Hause zu bringen. Unter den gegebenen Umständen zwar eine vernünftige und sinnvolle Lösung aber Rico war alles andere als einverstanden. Er wollte doch wenigstens noch den Abend mit den zahlreich vertretenen Forumswemsern verbringen – darauf hatte er sich ganz besonders gefreut. Unerbittlich bestand Nopa auf der Rückreise und traurig fügte Rico sich, leise ahnend, dass Klaus leider Recht haben würde.

Fürsorglich und fast liebevoll kümmerte Klaus sich um ihn. Trotzdem bekam Dschingis Khan immer wieder die Gelegenheit, unaufmerksame Augenblicke zu nutzen und gnadenlos die Lücken in Ricos Deckung zu finden.

„Sieh zu, dass Du ihn heute noch zu einem richtigen Arzt schaffst“, war die Empfehlung, mit der sich Klaus von Andy und dem Rest von Ricos Familie verabschiedete. Die waren ähnlich konsterniert und wussten mit Rico wenig anzufangen.

Tossy. Rico dachte zunächst an einen Hundenamen. Sehr lustig. Nein, Tossy 2 ist die Bezeichnung für die Verletzung, die er bei dem Sturz erlitten hatte. Tossy 2 bedeutet bei den Medizinmännern eine „AC-Gelenkssprengung mit deutl. Hämatombildung und Knochenmarksödem der angrenzenden Knochenanteile. Sehnen und Bänder intakt und gedehnt.

Therapie: Antiphlogistika und Analgetika unter Immobilisation mit Gilchristverband bis Schmerzfreiheit.

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Kapitelübersicht

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