RICOLETTAS WELT

Mittwoch, 26. August 2009

Geduldprobe

Filed under: Supermoto — RICO @ 03:12 (3:12 AM)

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Geduldprobe

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Wie untrennbar oft Erfreuliches und Unerfreuliches miteinander verbunden sind, wurde in jenen Tagen auch wieder bestätigt. Die Untersuchung von Andys Blutwerten erbrachte niederschmetternde Befunde. Die Stimmung war gedrückt und auch der bevorstehende Besuch von Klaus konnte daran nur wenig ändern. Sein Vater war am vorangegangenen Wochenende verstorben und überhaupt war die Zeit der vorweihnachtlichen Besinnung so gar nicht feierlich.

Weihnachtszeit! Rico konnte dem Thema noch nie etwas abgewinnen. Weihnachten ist wie Ketteputzen. Keiner macht es wirklich gerne aber es lässt sich nicht vermeiden. Ricos Nachwuchs sah das natürlich völlig anders. Und da sie das vergangene Jahr über sooo brav waren, müssten die Geschenke selbstverständlich entsprechend üppig ausfallen – und das sah wiederum Rico völlig anders. Und wie alle Jahre wieder konnten Andy, die beste ehemalige Sozia von allen, und er feststellen, dass die Feiertage für beide gleichermaßen anstrengend waren – aus verschiedenen Gründen zwar aber letztlich waren alle erleichtert, als alles überstanden war.

Plätzchen, Kekse, Schokolade – all die süßen Verlockungen hatte Rico höchst erfolgreich ignoriert. Seine Kondition wurde zunehmend besser und inzwischen schaffte er immerhin eine halbe Stunde auf dem Stubenvelo, ohne tot vom Rad zu fallen. Hat die Quälerei sich zumindest konditionell gelohnt, auch wenn rein äußerlich die traumhafte Bikinifigur nicht mal ansatzweise zu erkennen war.

Wieder ein Jahr älter – und noch immer lässt die Weisheit auf sich warten. Viele Menschen hatten sich an Ricos Geburtstag erinnert und ihn in auf verschiedenste Art mit Aufmerksamkeit bedacht. So rückte auch der letzte Tag des Jahres unaufhaltsam näher. Rico und Thomas, sein Nachbar, hatten beschlossen, bei trockenem Wetter das Grillfass auf die Straße zu rollen und ein paar Happen über der Glut zu rösten. Da Klaus nichts weiter plante, hatte Rico ihn kurzentschlossen überredet, den Jahreswechsel bei ihm zu verbringen. Dass schon die Vorbereitungen dazu im absoluten Chaos münden würden, war ihm bis dahin noch nicht klar.

Januar: Die AZP – Aufzündparty – eine Veranstaltung, deren einziger Sinn darin besteht, viele Menschen unterschiedlichster Herkunft bei einem Treffen zusammenzuführen, bei dem die Sinnhaftigkeit der Gespräche in genau umgekehrt proportionalem Verhältnis zum alkoholischen Gehalt der konsumierten Getränke steht. Das Rahmenprogramm bildete ein kleiner Wettbewerb in eine Karthalle im Odenwald und die AZP selbst war, nach Ricos Meinung, auf der Skala der besten Feste ein Top-Ten-Event.

Viele der „wemsenden Hackfressen“ wirkten in natura auf Anhieb sogar durchaus sympathisch und die Begegnung mit den Meisten konnte Rico als Bereicherung verbuchen. In einem leiseren Moment wurde er gefragt, ob er es denn bereuen würde. Rico verstand zunächst nicht und fragte nach. Nein, er bereute nicht einen Augenblick, sich dieser, im wörtlichen Sinne, schrägen Gemeinschaft angeschlossen zu haben. Die Zeichen standen auf Veränderung. In verschiedenen Gesprächen wurde deutlich, dass manche Bereiche des so geliebten Sports einer grundlegenden Erneuerung bedurften. Auch Klaus hatte sich vorgenommen, seiner leidenschaftlichen Begeisterung mehr nachgeben zu wollen.

Rico hatte unterdessen seinen unpanischen Freund dazu bewegt, bei den Alten Säcken anzuheuern. Keine zwei Tage später wusste jeder im Forum, worauf man sich mit dem Neuankömmling, der sich hinter dem Pseudonym „Pirat“ verbarg, eingelassen hatte.

Die hartnäckige Erkältung, die ihn schon einige Zeit plagte, hinderte ihn, seinen Trainingsplan wie gewünscht zu verfolgen. Rico musste sich weiter schinden aber die ungewöhnlich milden Temperaturen des Winters gestatteten ihm wenigstens kleine Runden über die Hausstrecke. Auf der Liste mit den Vorbereitungen auf den Trip nach Italien wurden immer mehr Häkchen sichtbar. Vorfreude und ein unbestimmtes Kribbeln im Bauch überkamen ihn nun immer häufiger, wenn er an das Frühjahrstraining dachte. Nicht mehr lange – sechs Wochen noch – und auch im Forum merkte man, dass die Winterpause bei einigen die Nerven unangenehm reizte. Es wurde Zeit!

Samstagnachmittag. Wieder mal Nachtdienst. Eben aufgestanden ließ er sich mechanisch vom Hometrainer quälen und betäubte seine Müdigkeit mit Tönen aus der Klangwelt von Ronnie James Dio, der unentwegt auf ihn einhämmerte. Rico ließ es widerstandslos geschehen.

Eine kleine Exkursion ins Gelände hatte er mit der Feststellung beendet, dass es wenig Erfolg versprechend ist, wenn ein mäßig befähigter Offroadneuling matschigem Erdreich und physikalischen Grundsätzen begegnet. Zumindest wurde ihm dabei aber klar, dass er mit Intuition alleine und ohne Hilfe keinen Schritt in seiner angestrebten Entwicklung zum künftigen Supermotohelden weiter vorankommen würde. Und weil er inzwischen auch gelernt hatte, gute Ratschläge von den gut gemeinten zu unterscheiden, hatte er sich mit der empfohlenen Literatur eingedeckt und begann damit, theoretische Grundlagen zu studieren. Das würde seine eingeübten Fehler zwar nicht von selbst ausmerzen aber dafür wusste er jetzt, was er ändern musste, wenn er seine Fähigkeiten verbessern wollte.

Unterdessen hatte Klaus seine Anstrengungen um die Veröffentlichung seines Buches weiter intensiviert. Unzufrieden mit der Untätigkeit des Verlegers würde er in Eigenregie an der Umsetzung weiterarbeiten. Besonders geehrt fühlte sich Rico, als er erfuhr, dass „Ricoletta“ auf der Rückseite des Buchumschlages zu sehen sein würde.

No Sports, das legendäre Zitat von Winston Churchill auf die Frage eines Reporters, wie man ein derart hohes Alter erreichen könne. Rico hatte diesen Ratschlag nicht befolgt. Bei einem kleinen Hobbykick kam es dann so: Mit einer gewaltigen Blutgrätsche, die dem unvergesslichen Hans-Peter Briegel zur Ehre gereicht hätte, wollte Rico einen eigentlich ziemlich harmlosen Ball klären und dabei eine Kostprobe seiner brasilianischen Ballkunst zelebrieren. Das Resultat daraus war das unerwartet plötzliche Ende des Spiels, ein eindrucksvoll geschwollener Unterschenkel und eine Gangart, die einem in gleicher Weise lahmenden Pferd den Gnadenschuss beschert hätte.

Der Hausarzt begutachtete den in dolbysurroundtechnicolor schillerndleuchtenden Bluterguss und meinte kurzerhand, dass er eine Thrombose nicht ausschließen könne, was der besten ehemaligen Sozia von allen die Gelegenheit gab, die verordneten Mono-Embolex-Fertigspritzen zwar fachgerecht aber trotzdem durchaus schmerzhaft in Ricos Fleisch zu versenken. Als Krankenschwester versteht sie sich perfekt auf die Pflege leidender Menschen und Rico wurde die Behandlung zuteil, die er verdiente – was durchaus auch doppeldeutig verstanden werden darf. Ein anderer Leitsatz Churchills schwächt übrigens die Aussage „No Sports“ auch erheblich ab: Keine Stunde, die man mit Sport im Sattel (Anmerkung des Verfassers: … einer Supermoto?) verbringt, ist verloren.

Trotzdem wurde Rico dadurch in seinem Trainingskonzept erneut weiter zurückgeworfen. Die Schinderei auf dem Hometrainer würde wieder für eine gewisse Zeit der Rekonvaleszenz ins Stocken geraten – nur noch knapp drei Wochen. Um nicht untätig zu sein, vertiefte Rico das Studium der Lehrbücher und pflegte den Kontakt zu seiner schwarzen Geisha mit liebevollem Eifer – Streicheleinheiten, die beide vermissten.

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Kapitelübersicht

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