RICOLETTAS WELT

Mittwoch, 26. August 2009

Es wird schon wieder hell …

Filed under: Supermoto — RICO @ 03:12 (3:12 AM)

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Es wird schon wieder hell … –

Race In Town

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Rico saß am Schreibtisch, blätterte in einer Hochglanzbroschüre mit dem bedeutungsvollen Titel „Deutscher Supermoto Pokal – Nendingen/Tuttlingen 5.-7. Juni 2009“ und fand auf der Seite mit der Überschrift „Ü40“ seinen Namen. Etwas weiter vorne im Heft hatten sich die Honoratioren – Oberbürgermeister, Ortsvorsteher, der ADAC-Motorbootreferent – pflichtschuldigst ihrer Laudatio zum „1. Race in Town“ entledigt. In eigenwilliger Weise bemerkenswert waren die Formulierungen des eben erwähnten Motorbootreferenten, der von der „Supermotowelle“ und der Hoffnung für „schönstes Rennwetter“ sprach.

Rico fand Zeit- und Lagepläne und die Listen der Fahrer der einzelnen Klassen. Und tatsächlich stand in der erwähnten Rubrik immer noch sein Name. Er konnte es kaum fassen.

Die Resonanz im Forum verfolgend, freute er sich über die zahlreichen Bilder, die nicht nur von bestechend guter Qualität waren – sie zeigten auch einen Fahrer, der, zumindest auf den Fotos, erstaunlich zügig unterwegs zu sein schien. Doch der Reihe nach.

Als Forumskollege Heizi vor langer Zeit die Frage stellte, wer den Lust hätte, an einem von ihm initiierten Ü-40-Cup teilzunehmen, waren die resultierenden Folgen noch nicht mal ansatzweise zu erahnen. Rico hatte sehr spontan, einigermaßen unbedarft aber um so erfreuter zugesagt. Mit der Yamaha stand ihm ja auch ein passendes Fahrzeug zur Verfügung. Zwar musste er aus verschiedenen Gründen die ersten beiden Läufe auslassen – am Nürburgring war der Daumen noch nicht renntüchtig und für das Wochenende in Schaafheim hatte er keinen Tauschpartner gefunden, der seinen Dienst hätte übernehmen können – aber diesmal waren alle Vorbereitungen planmäßig und reibungslos verlaufen und so konnte das große Abenteuer Supermotorennen stattfinden.

Immerhin hatte er vor diesem Wochenende schon drei Gelegenheiten nutzen können, sich mit der Yamaha vertraut zu machen – und sie sich mit ihm. So konnte er auf immense Erfahrung vertrauen und machte sich auf den Weg Richtung Bodensee.

Schon die Wetterprognosen ließen vermuten, dass die Veranstaltung möglicherweise nicht ganz den erhofft störungsfreien Verlauf nehmen würde. Aber es bedurfte nur einiger persönlicher Nachrichten im Forum und es war ihm gelungen, wenigstens einen passenden Regenreifen für das Hinterrad zu ergattern. Für die wenig gebräuchliche 16,5-Zoll-Felge am Vorderrad musste ein vorgeschnittener Slick die nötige Haftung bereitstellen.

Die Anfahrtsbeschreibung zum Kap der schrägen Hoffnung versprach auch wieder die beliebten kreisförmigen Kreuzungen und so fand der Tross – die beste ehemalige Sozia von allen, eine Freundin  und sein siebenjähriger Sohn begleiteten ihn – direkt zum Wellcome-Center, untergebracht im Treppenhaus der örtlichen freiwilligen Feuerwehr.

Auch die Pfungstadtfraktion war wieder mit großem Gefolge erschienen und Rico wählte einen Platz in nicht zu aufdringlicher Nähe. Ein paar geschüttelte Hände, herzhaft gewürzt mit gehässigen Begrüßungsformeln und kurze Zeit später steckte er seinen Claim im Fahrerlager ab.

Der Rest des Abends verlief wie immer, wenn sich die hässlichsten Hackfressen des Forums zu ihren bizarren Versammlungen treffen und daher soll an dieser Stelle auf die kläglichen Details verzichtet werden, die in erschreckender Weise denen aus St. Wendel ähnelten, wo wenige Wochen zuvor ein IDM-Lauf stattfand.

Auch nopa fand den netten Platz im Fahrerlager nahe der Ü-40-Zentrale, aber die Strecke bot ja im Umfeld mannigfaltige Ausweichzonen und das Fahrerlager war echt weitläufig.

„Was?! Mit den Reifen willst du fahren?“ „Och, das wird schon“, räumte er äußerst überzeugend die Bedenken einiger Fahrer seinen Vorderreifen betreffend aus. „Eine geheime Spezialtaktik, du verstehst?“ Die Mischung aus mildem Lächeln und Stirnrunzeln reichte als Antwort völlig aus.

Die angekündigten Schauer hatten den Wetterfröschen recht gegeben und Rico stand vor der Frage, wie er den Slick am Hinterrad gegen einen passenden Regenreifen tauschen könne. Glücklicherweise erklärte sich Otti – multitalentierte Improvisationstechnikerin, Teamchefin, Managerin von Flos Rennstall und ganz nebenbei seine Mama – sich bereit, Rico beim Wechseln zu helfen. Staunend und mit heimlicher Bewunderung beobachtete er, wie sie geschickt der Yamaha zum notwendigen Nassgrip verhalf. Nebensächlich zu erwähnen, dass er selbst noch nie mit Regenreifen, geschweige denn mit Slicks bei Nässe unterwegs war.

... auf der Suche nach dem Grip (Copyright by Chr. Klee)

… auf der Suche nach dem Grip (Copyright by Chr. Klee)

Das erste Training hatte er also ausgelassen und somit konnte er sich stressfrei auf die nächste Sitzung vorbereiten. Die Mischung aus Slick vorne und Regenreifen hinten sorgte auch im Vorstart für Verwunderung, die aber nicht lange anhielt, weil die Yamaha sich standhaft weigerte anzuspringen. Dass dies ohne den gezogenen Kaltstart viel besser funktioniert, durfte Rico kurz danach erleichtert in die große Kiste mit der Aufschrift „Erfahrungen“ einsortieren. Was er dann erlebte, war seinen Hoffnungen für das Zeittraining eher abträglich. Auf dem nassen Belag fand er nur wenig Grip was ihn zunehmend verunsicherte, zumal der Rest des Feldes erheblich besser mit den Bedingungen zurecht kam.

Bei der üblichen Streckenbegehung am Vorabend hatte er sich schon seine eigenen Gedanken zum Zustand und Verlauf der Strecke gemacht. Inzwischen mehrten sich die Stimmen der Cupfahrer, die wegen der fehlenden Sturzräume und der Enge der Strecke mehr als besorgt waren. Leider gipfelte diese Diskussion in teilweise polemische Anfeindungen, die nun gar nicht zu Ricos Bild von Supermoto passen wollten.

Das Qualifying des Ü-40-Cups stand an und schnell machte sich die fehlende Trainingssitzung des Vormittags bemerkbar. Rico orientierte sich mehr nach hinten und kam selber zu keiner freien Runde – nur gut, dass mit der frühzeitigen Entscheidung, die Veranstaltung ohne Wertung abzuhalten, die größten Gefahrenpunkte entschärft waren.

Freies Training - Race in Town (Photo by K.)

Freies Training – Race in Town (Photo by K.)

Startplatz 26 – angesichts der Umstände und der völlig fehlenden Rennerfahrung eigentlich zu erwarten, aber was Rico störte, war der Zeitabstand zum Nächstplatzierten. Egal. Er hatte sich den widrigen Bedingungen gestellt und freute sich über ein paar anerkennende Bemerkungen des Cup-Oberhaupts.

Rico war viel zu aufgeregt, um sich über das Mittagessen Gedanken zu machen. Die Zeit bis zum Beginn des ersten Laufs verbrachte er damit, den Anderen zuzusehen. Die ADAC-Junioren und der S3-Nachwuchs gingen dabei ebenso herherzt zur Sache wie die Amateure und die Fahrer der Klassen C1 und C2.

... auf dem Weg in den Grid - noch ganz gemütlich (Photo by K.)

… auf dem Weg in den Grid – noch ganz gemütlich (Photo by K.)

Dann war es schließlich soweit. Rico rollte zum Vorstart, gab dem Kontrolleur zu verstehen, dass er die Anweisungen verstanden hatte und stellte den Motor ab. Endlos verstrichen die Sekunden. Er sah sich um, versuchte sich zu konzentrieren und ging im Kopf noch mal den Streckenverlauf durch, der zum wiederholten Male verändert worden war. Der Vorstart wurde geöffnet, 2 Einführungsrunden angezeigt und der Mann mit den roten Flaggen hastete durch die Startreihen, um die Meute auf die Strecke zu entlassen. Zum Ende der Einführungsrunden fuhr Rico zu seiner Startposition und stellte fest, dass der Motor aus war.

... warten auf die Startampel

… warten auf die Startampel

Kickstarter raus – Ampel rot – Rico trat auf den Kickstarthebel – Ampel aus – die Yamaha sprang endlich an und Rico hastete dem Feld hinterher. Schon in der ersten Kurve schmierte ihm fast das Vorderrad weg – der Slick fand auf dem feuchten Belag keinen Halt. So konzentrierte er sich in den folgenden Runden darauf, niemandem im Weg zu stehen und als Überrundeter „brav“ Platz zu machen.

Im Geschlängel beim Lagerhaus fehlte schlagartig der Vortrieb. Rico rollte mit stehendem Motor aus und dies an einer Stelle der Strecke, an der ohnehin sehr wenig Platz war. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als die Yamaha an den Rand zu schieben, um dort den Motor erneut zu starten.

Und so würde Rico vermutlich noch heute auf dem Kickstarter rumtrampeln, wenn ihm nicht irgendwann vorher schlicht und ergreifend die Kraft ausgegangen wäre. Enttäuscht und mutlos schob er das Motorrad zurück ins Fahrerlager, stellte es auf den Hubständer und entschied, dass für heute Feierabend sein sollte. Inzwischen kehrten die Anderen zurück und schickten fragende Blicke rüber. Er hatte keine Lust, der Ursache auf den Grund zu gehen, die Fehlersuche hatte er auf den nächsten Morgen verschoben. Entweder der Motor würde starten oder der zweite Lauf müsste ohne ihn stattfinden.

Der Abend verlief wieder feuchter als erwartet, was aber weniger am wechselhaften Wetter lag. Und „wechselhaft“ ist noch die freundlichste Bezeichnung für das, was in der Wetterküche produziert wurde. Immerhin wurde in diesem Zusammenhang auch der Satz des Wochenendes kreiert: „Awass, do hinne weerds jo schon widder hell.“

Im Festzelt wussten die eigens engagierten Tonkünstler, das erwartungsvolle Publikum standesgemäß zu unterhalten. Glücklicherweise war der Zeitplan gnädig und so würde die erste Sitzung des Sonntags zu erträglicher Zeit stattfinden. Viele nette Menschen fanden sich unter Ricos Pavillon ein und so wurde beim gemütlichen Bierchen bis spät in die Nacht extremverbalisiert – zu Deutsch: Schwätzle gehalten.

Vollgas auf die Gerade - Race in Town (Photo by K.)

Vollgas auf die Gerade – Race in Town (Photo by K.)

Am Sonntag zeigte sich Zeus wohlwollend. Es war warm und freundlich und Rico überlegte sich schon, ob er den weichen Regengummi gegen den mitgebrachten Slick tauschen wolle. „Schauerrisiko am Nachmittag 90%“, war eine Warnung, die er ernst nahm und so fiel die Entscheidung, die Reifenkonfiguration so beizubehalten nicht schwer – aber Alternativen gab es ja sowieso fast keine. Klaus wackelte zu Rico rüber, warf ein paar Gemeinheiten in die Runde und tigerte an die Strecke.

„Schau mal in den Ausgleichsbehälter“, war einer der Ratschläge, die er wegen der Startprobleme bekommen hatte. „Wenn der voll ist, kann der Motor nicht anspringen.“ Der Ausgleichsbehälter war fast leer. Eine kurze Verdachtskontrolle des Tanks und er stellte fest … der Tank war ebenso leer. Merkwürdig. Er hatte doch vor dem ersten Lauf extra noch mal kontrolliert. Na gut, ein paar Tröpfchen Kraftbrause könnten ja nicht schaden. Er füllte nach, trat auf den Kickstarter und der Motor jubelte kraftvoll los, als wolle er seine wiedergewonnene Lebensfreude förmlich in die Welt hinausschreien. Rico sank völlig konsterniert in den Campingsessel. Wie kann man nur sooo dumm sein?, fragte er sich kopfschüttelnd.

Er füllte den Tank und absolvierte entspannt das Warm-up. Die Wetterbedingungen ignorierte er ebenso wie die Frage, ob nun mit oder Offroad gefahren werden solle. Hier gab es zwei Stellen, mit denen er überhaupt nicht zurechtkam: Der Anlieger vor dem Table, in dem er keinen Halt für das Vorderrad fand und der Linksknick vor dem Sprung aus dem Offroad heraus – dort ging es ihm ähnlich. An dieser Stelle hatte er sogar einmal den Motor abgewürgt, als die Yamaha, heftig bockend wie ein Rodeopferd, versuchte, ihn abzuwerfen.

Im Vorstart zum zweiten Lauf wollte der Motor ihm erneut den Dienst verweigern. Würde alles vorbei sein, bevor es überhaupt angefangen hatte? Wieder trat er auf dem Kickstart herum, als er hinter sich er dieses unsägliche Geräusch hörte, das ihm so vertraut war: Chrrrrkkk. Forumskollege Brösel hatte Rico zu Hilfe eilen wollen und hatte dabei jeden Halt verloren.

... endlich! Die Yamsel brüllt (Photo by K.)

… endlich! Die Yamsel brüllt (Photo by K.)

Die Yamaha sprang an, Streckenwart und Rico warfen Brösel einen verwunderten Blick zu und dann war es soweit: Stiefel zu? Brille fest? Tank voll? Motor läuft? Gang drin? – die Ampel erlosch und Rico war mittendrin. Der „Roarrr“ – das Geräusch, das entsteht, wenn das geschlossene Feld aus dem Stand zur ersten Kurve beschleunigt. Dieser Roarrr verursacht schon dem Außenstehenden Gänsehaut. Hier, mitten im Feld, war das Gefühl unbeschreiblich. Ricos Taktik, nichts mit der Brechstange zu versuchen und sich aus allen Rangeleien heraus zu halten funktionierte.

... zukünftiger WM-Kandidat? (Copyright by Chr. Klee)

… zukünftiger WM-Kandidat? (Copyright by Chr. Klee)

SamV kassierte ihn im Offroad und Rico schrie ihm üble Verwünschungen nach. Vor der Spitzkehre und zu Beginn des Geschlängels auf dem Fabrikgelände konnte Rico die Schnelleren gefahrlos vorbeilassen.

Harry, eben der mit dem martialischen Nick, hatte dezent übermotiviert im Offroad die Orientierung verloren und grüßte freundlich die Entgegenkommenden, während er das Zweitaktmonster mit wuchtigen Tritten wieder zum Leben erweckte. Noch knapp drei Minuten zu fahren. Ricos Kondition hielt, wenn man die Taubheit seiner Arme großzügig vernachlässigt. Die Strecke bot keine Zeit zum Ausruhen und die Anzeige behauptete, es seien noch drei endlos lange Minuten zu fahren.

Achim hatte scheinbar etwas die Lust verloren und Rico gelang es, im Offroad an ihn vorbei zu fahren. Bei Start und Ziel wurde die kleine Tafel mit der „1“ in die Luft gehalten – letzte Runde. Holger, mit der magischen 42 gestartet, hatte sich Eingangs der ersten Kurve verschätzt und Rico kam auch an ihm vorbei. Ein letztes Mal durch den Offroad, die Spitzkehre nahm er ganz eng und im Geschlängel wurde die blaue Lady plötzlich breit wie ein Möbellaster. Noch einmal über den bösartigen Gullydeckel, der dem Zaundoc gleich zweimal zum Verhängnis wurde, und ab Richtung Ziellinie. Rico wurde zum ersten Mal nicht als Letzter abgewunken und fühlte sich, als ob er eben Mauno Hermunen und Thierry van den Bosch im Entscheidungskampf um die WM niedergerungen hätte. Ende der Zielgerade stand der Cup-Chef und folterte seinen Hinterreifen mit einem gewaltigen Burnout. Rico feierte mit, indem auch er direkt vor den Zuschauern den Hinterreifen kräftig durchdrehen ließ. Standesgemäß für jemanden, der gerade seine erste Weltmeisterschaft gewonnen hatte.

Afterrace Burnout (Copyright by Marc Stibbe)

Afterrace Burnout (Copyright by Marc Stibbe)

Er sprang von der Yamaha, küsste die beste ehemalige Sozia von allen, die neben der Streckenausfahrt auf ihn wartete, klatschte sich mit den anderen Fahrern ab und umarmte jubelnd die ganze Welt.

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Kapitelübersicht

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