RICOLETTAS WELT

Mittwoch, 26. August 2009

Der Pate im Odenwald

Filed under: Supermoto — RICO @ 03:12 (3:12 AM)

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Der Pate im Odenwald

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Rico hatte einen weitreichenden Entschluss gefasst. Die schwarze Geisha würde ihm zu schade sein, um sie weiter auf der Straße zu plagen. Für die Fahrten zur Arbeit und die kleinen Besorgungen des Alltags würde es ein gutmütiges Arbeitspferd auch tun. Kurzerhand setzte er dieses Vorhaben um und ersteigerte bei einer bekannten Auktionsplattform im Internet eine 28 Jahre alte Honda CB 250 N/T. Zu einem sehr günstigen Preis – einem äußerst günstigen Preis.

Suse würde fortan nur noch in artgerechter Umgebung flitzen und seit Rico die Reifenwärmer auf ähnlich erschwingliche Art erstanden hatte, war seine Ausrüstung im Prinzip vollständig – mehr würde man als Spass– und Gelegenheitswemser nicht brauchen.

Einem sehr hilfsbereiten Menschling war es dann zu verdanken, dass Ricos Eisenpony auch unbeschadet die lange Reise vom Bodensee in das beschaulichbürgerliche Schwarzwalddörfchen überstand – in einem Raumtransporter mit dem wunderlichen Namen „panic mobil“. Bei dieser Gelegenheit lud der Captain des Sternenkreuzers Rico ein, das nahende Wochenende beim Deutschen Supermotopokal in Schaafheim mit ihm zu verbringen – die beste ehemalige Sozia ließ sich bereitwillig überreden.

Wie gewöhnlich übernahm Rico die Navigation und freute sich, als er entdeckte, dass auf ihrem Kurs gleich mehrere kreisförmige Kreuzungen liegen würden. Schaafheim war Rico nur aus Erzählungen bekannt, oder aus Onboardvideos eines begabten Hobbyfilmers, der diese Strecke allerdings noch nicht zu seinen engeren Favoriten zählen möchte.

„Ey, du kommst hier ned rein!“ Der Torwächter des Odenwaldrings bedeutete Rico auf unnachahmlich charmante Art, dass hinter dieser unsichtbaren Linie das Tragen eines Bändchens notwendig sei. „Ein Bändchen?“ Der Torwächter bemühte sich, anhand einer Schautafel mit farbigen Vergleichsmustern Ricos Frage zu beantworten: kein Bändchen? Kein Gucken!

Die Geschichte könnte an dieser Stelle eigentlich zu Ende sein. Sie würde damit aufhören, dass Rico traurig schluchzend im Sternenkreuzer auf die Rückkehr des Captains und die Rückreise zu seiner Heimatgalaxy wartet …

… aber natürlich geht die Geschichte weiter, sonst wäre es ja keine. Während Captain nopa also unbehelligt seines Weges ziehen konnte, ersann Rico eine außergewöhnlich kluge List. So außergewöhnlich, dass Rico sich vermutlich sogar dabei selbst überlistet hätte, wäre er nicht unerwartet plötzlich vor dem V.I.P.– und Pressezelt gestanden. Eine sehr freundliche, junge Dame begrüßte ihn sehr herzlich und fragte wohlwollend, wie sie behilflich sein könne. Sie konnte ja zu diesem Zeitpunkt nicht ahnen, dass Rico sich auf unglaublich infame Weise den Zugang zur Strecke erschwindeln wollte. Rico unterstellte ihr unausgesprochen, dass sie ihm Schwierigkeiten machen wolle und erst als – der beste Admin im World Wide Web schlichtend eingriff, konnte Rico daran gehindert werden, die gütige Fee weiterhin auf so abscheuliche Weise zu attackieren.

Der weitere Vormittag gestaltete sich weiter wechselhaft. Der eben erwähnte Hobbyfilmer war es auch, dem der bärtige Captain und sein Navigator zuerst begegneten, gleich als sie das Kontrollzentrum des Raumhafens nach weiterer eingehender Prüfung passieren durften. Nach einer höchst unterhaltsamen Anekdote zum Thema „alternative Antriebsmöglichkeiten im Motorsport unter dem Einsatz verbrauchsminimierender Hilfsmittel“, die übrigens nicht minder amüsant erzählt wurde, hatte die Crew des panic mobils Gelegenheit, die Strecke genauer zu besichtigen. Ein Ritual, das Rico schon aus Italien kannte und dessen lehrreichen Hintergrund er schnell begriffen hatte.

Auf ihrer weiteren Wanderung begegneten die beiden vielen bekannten und – zumindest für Rico – noch ein paar unbekannten Wemslingen, die mehr oder minder beschäftigt ihre Vorbereitungen trafen. Diese Atmosphäre, das Aroma – eine Mischung aus verbrannten fossilen Brennstoffen, verbranntem Fleisch und verbrannter Haut – waberte über Strecke und Fahrerlager. Neugierige Blicke, kurze Hallos, Händeschütteln, Schwätzchen halten – oh, wie Rico diese berauschende Stimmung liebte.

Den weiteren Tag verbrachte Rico mit seiner Kamera, entdeckte ungewöhnliche Dinge und hielt kleine „Merkwürdigkeiten“ fest: irgendwo hatte er dieses Motorrad und diesen Helm schon mal gesehen? Noch während Rico überlegte, welchen Grund es wohl dafür geben könnte, seine Startnummer mit Tape unkenntlich machen zu wollen – 12 ist doch eine redliche Zahl und an die unzähligen KTMs hatte er sich auch längst gewöhnt – stellte er fest, dass der anonyme Fahrer etwas übermotiviert aus dem Rechtsbogen nach dem Offroad in den folgenden Rechtsknick einbog … und stürzte. KLICKKLICKKLICK! Schlagartig erinnerte sich Rico an Dschingis Khan und seine erbarmungslosen mongolischen Horden, er fasste sich unwillkürlich an seine Schulter.

Die war aber schnell vergessen und so brach auch bald der Abend an. Das geschäftige Treiben ebbte langsam ab und während die Kids fußballspielend die Strecke in Besitz nahmen, widmeten sich Klaus und Rico der Speisekarte des Racinghouse.

Die weitere Beschreibung des Abends erhebt weder Anspruch auf Vollständigkeit, noch können an dieser Stelle alle Details berichtet werden – die Gründe dafür sind mit ein wenig Phantasie aber einfach zu erahnen. Rico wunderte sich über das Angebot von Spareribbs – und deren Mengenangabe in Metern. Wie schon in Italien hörte er später am Abend einige sehr unterhaltsame Geschichten aus der Steinzeit des deutschen Supermoto. Und noch etwas später staunte er über die Schlafkabine des unpanischen Raumschiffes – Rico erlebte seine nächtlichen Träume in völliger Schwerelosigkeit. Das mag auch der Grund sein, warum die Bildqualität des Nachtkinos die sonstige Klarheit vermissen ließ.

Der Sonntag begann, wie es der Name schon sagt, mit Sonne. Sonne satt. So viel Sonne, dass Rico eigentlich mehrere Schutzgläser gleichzeitig hätte tragen müssen, um das gleißende Licht auf ein verträgliches Maß zu dämpfen. Die einzig dazu passende Assoziation sind die Begriffe Netzhaut und Burnout.

Und auch die Geräusche empfand er als eigenartig laut. Der Schmiedehammer in Ricos Kopf lieferte sich ein erbarmungsloses Duell mit Motorenlärm und den fachkundig überzeugenden Kommentaren des erfahrenen Streckensprechers denen sich zu entziehen durch die zahlreichen und flächendeckend verteilten Lautsprecher unmöglich war.

Nachdem das rekordverdächtige Füllungsvermögen seiner Blase Rico ziemlich beeindruck hatte, machten der Kommandant und er sich auf den Weg nach einer üppig sprudelnden Kaffeequelle. Die netten Mädels vom Personal des Racinghouse waren die ersten freundlich blickenden Gesichter, die Rico wiedererkannte. Nach und nach erlangte er Kontrolle über seine Körperfunktionen zurück und versuchte sich an der Bedienung seiner Kamera.

Der Erste, auf den er anlegte, war der Pate, der nun auch offiziell von der Strecke Besitz nahm und die immer zahlreicher werdenden Zuschauer mit einigen entspannten Kostproben seines Könnens verwöhnte.

Der Renntag selbst verlief dann nach dem Motto, alle fahren sich die Seele aus dem Leib und Romain Febvre gewinnt. So kam es also, dass ein 16jähriger Franzose zum König von Schaafheim wurde …

Supermoto kann aber gelegentlich einen sehr unansehnlichen Anblick bieten. Beim Startunfall im Hoffnungslauf der Amateure mussten glücklicherweise nur geringe Schäden am einen oder anderen Ego und am Material zur Kenntnis genommen werden. Viel verheerender war jedoch der Schaden, der entstand, als sich ein maßlos untalentierter Plagiator eines Schirmchens bemächtigte und in einem Akt größter Verzweiflung versuchte, die Aufmerksamkeit auf sich und seinen beschirmten Fahrer zu ziehen. Die erschrockenen Reaktionen unter den zahlreichen Familien müssen an dieser Stelle aus Gründen des Jugendschutzes verschwiegen werden. Fest steht, dass das fachkundige Publikum die beklagenswert armselige Imitation sofort erkannte und diese Peinlichkeit fortan keines Blickes mehr würdigte.

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Kapitelübersicht

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