RICOLETTAS WELT

Mittwoch, 26. August 2009

Daumendrücken und Stoppelcross

Filed under: Supermoto — RICO @ 03:12 (3:12 AM)

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Daumendrücken und Stoppelcross

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Von extremer Unterwemsung befallen, diese zeitweise Benachteiligung teilte Rico allerdings mit den meisten anderen Forumisti, sank der Launepegel knapp über den Gefrierpunkt. Genau wie die Temperaturen, die sich auf ähnlich niedrigem Niveau hielten und nicht im Geringsten gewillt waren, auch nur einen Hauch von Frühling zuzulassen.

Einen Tag in der Woche frei, trockenes Wetter und ein Anruf in Walldorf: Eine halbe Stunde später waren die Lady und Rico unterwegs um die erste gemeinsame Ausfahrt zu wagen. Er war überrascht. Seit dem letzten Besuch am Waldparkring hatte sich einiges verändert. Wichtigste Änderung: Die Strecke war etwas umgebaut und mit neuem Belag versehen worden.

Während Rico die Yamaha und sich selbst vorbereitete, versuchte er sich auf die Dinge zu konzentrieren, die bisher immer zu folgenreichen Fehlern geführt hatten. Er würde also nicht von der ersten Sekunde an Attacke fahren sondern sich langsam und behutsam mit Strecke und Motorrad vertraut machen.

Die Schinderei auf dem Hometrainer hatte sich auch gelohnt. Ohne spürbare Ermüdung konnte Rico etwa 30 Minuten durchfahren, bevor er sich die erste Pause gönnte. Das Fahrwerk war so sensibel, dass er förmlich spüren konnte, an welchen Stellen der Belag Grip lieferte oder nicht. Er justierte die Hebeleien und probierte dabei verschiedene Varianten.

Was dann letztlich zum Sturz führte, konnte er nicht sagen. Die Spuren, die er später am Reifen fand, waren eindeutig: überbremstes Vorderrad. Vielleicht hatte es ja schon ausgereicht, den Bremshebel eine Raste in der Griffweite zu ändern … ja, er bremste wie gewohnt und schlagartig knickte die Front ein.

Ein paar Kratzer und ein gerissener Heckfender waren das Ergebnis. Die Protektoren hatten ihre Aufgabe gut gemacht und das Schlimmste verhindert. Einmal kräftig durchgeschüttelt. Die Blessuren an Ricos Ego waren schon bitter genug, aber als der Arzt ihm erklärte, dass der Daumen gebrochen sei, war er kurz ziemlich entmutigt. Mindestens drei Wochen würde der Daumen ruhig gestellt sein müssen und damit würde auch das Training in Freiburg wieder ohne ihn stattfinden.

Rico staunte nicht schlecht. Die kleinen lokalen Mimimis hatten sich über Nacht in ein großes generalisiertes Aua gewandelt. Um so mehr Respekt hatte er vor den Bücklingen, die, nach einem fulminanten Abflug im Samstagstraining, kalt lächelnd am nächsten Tag ein komplettes GP-Rennen bestreiten.

Gepriesen als optimale Trainingsmöglichkeit für die Ü40-Cup-Offroadsaison und glänzende Gelegenheit, die Partytauglichkeit der betagten Teilnehmer nach dem langen Winter zu überprüfen, wurde im Rahmen des Waldäcker Parkfestes auf dem Stoppelacker in Mühlacker eine Motocross-Veranstaltung „ohne Renncharakter“ – so die augenzwinkernde offizielle Bezeichnung – ausgetragen.

Den passenden Hinweis dazu fand Rico auf der Ü-40-Cup-Homepage: „Der Kurs ist absolut 17-Zoll-tauglich und bei genügend Startern wird eine spezielle 17-Zoll Klasse eingerichtet.“ Diese Ankündigung war Grund genug, seinem Erfahrungsschatz in der unbefestigten Landschaft zu neuen Eindrücken verhelfen zu wollen. Bis zum Freitag waren immerhin neun Fahrer in dieser Kategorie gemeldet und so würde Rico in jedem Fall ein Top-Ten-Ergebnis feiern können.

Schon bei der Anreise erinnerte er sich für einen Sekundenbruchteil an das italienische Abenteuer: Da meldete der Verkehrswarnfunk doch, dass jemand auf irgendeiner Autobahn der Republik „ein Kissen verloren“ hätte. Wer kann den so unvorsichtig sein? Rico würde SEIN Kissen NIE aus den Augen lassen.

Und auch die Ausschilderung vor Ort glich der, die er schon in Italien bestaunt hatte. Sparsam und kommunikationsfördernd: „Entschuldigen Sie, bitte. Ich suche …“ Das wortlose Achselzucken hätte Rico nun in jede erdenkliche Richtung interpretieren können. Er ging davon aus, dass seine Phonetik nicht den lokalen orthoepischen Normen entspräche, was sich zu seinem Leidwesen später häufiger bestätigte, und wählte eine andere Taktik. So fand er intuitiv das Fahrerlager #2, bevor er davon erfuhr, dass es auch ein Fahrerlager #1 gab. Egal. Obwohl, so egal nun doch wieder nicht. Dieser Standort hatte Vorteile aber eben auch einen Nachteil … wie sich etwas später herausstellen sollte.

Die Organisation hatte bei der Bestätigung der Nennungen ein scheinbar bisher unbekanntes Verfahren angewandt, welches sich selbst nur höchst widerwillig einem erkennbaren System unterziehen wollte. Die nächste Suche galt also der Rennleitung. An einem Anhänger mit Werbebeschriftung, auffallend unauffällig am Streckenrand abgestellt, war eine junge Frau damit beschäftigt, sehr beschäftigt auszusehen. „Entschuldigung?“ „Sehen sie nicht, dass ich beschäftigt bin?“ „Ähem, ja … ich suche die Rennleitung?“ „Ich BIN die Rennleitung!!“ Rico hatte sich also doch tatsächlich von ihrem äußeren Eindruck täuschen lassen – kurzer Jeansrock und ein Top, das mehr zeigte, als es verbarg. Dass damit möglicherweise die falschen Attribute betont würden, war der jungen Frau möglicherweise nicht aufgefallen. Das gilt natürlich nur im Zusammenhang mit ihrer Tätigkeit als Rennleitung – in anderen Bereichen, nachts, in einem abseits gelegenen Industreigebiet, hätte sie damit sicher größere Erfolge erzielt, dessen war er sich sicher.

Den folgenden Dialog naturgetreu wiederzugeben, würde Rico als frauenfeindlichen Macho entlarven – nicht zuletzt deshalb strebte er auch ein rasches Ende der formellen Abwicklung an. Zumindest war damit aber jeder Verdacht auf einen tiefergehenden professionellen Anspruch endgültig ausgeräumt.

In Ricos Rücken hatte sich inzwischen ein großer Teil der „Pfungstädter Befreiungsfront“ und deren Gefolge ins Fahrerlager #2 geschlichen, dort eifrig Landraub betrieben und somit das zwar unsichtbare aber trotzdem nicht zu übersehende Forumsbanner gehisst.

Die Begrüßung brachte Rico schnell hinter sich und kümmerte sich erleichtert um die Vorbereitung der eigenen Lagerstätte. Die musikalische Untermalung hierzu kam von der überdimensionierten Beschallung des Nachbargrundstücks und war, wenn man Ricos musikalischen Geschmack als Maßstab anlegen mag, schon im mehrstellig negativen Bereich – aber dafür immerhin schön laut.

Forumskollege Brösel hatte sich von einigen Ausrüstungsgegenständen getrennt und so nahm Rico die Vorbereitungen für das erste freie Training in Angriff. Lernen, Eindrücke sammeln, Gaudi haben – mit dieser Zielsetzung hatte er das „Messer zwischen den Zähnen“ zu Hause gelassen und begab sich gemütlich rollend auf Streckenerkundung.

Die Slicks gaben ihm auf dem staubig losen Untergrund kaum Halt und so war es ihm unmöglich, auch nur ansatzweise einen Grenzbereich auszuloten – schaffte es auch nicht, der Yamaha einen gemeinsamen Kurs vorzuschlagen. So waren erste Erfahrung und Lernerfolg schmerzhaft miteinander verknüpft: Wenn man über den Anlieger hinaus in den treibsandähnlichen Untergrund steuert, gibt es blaue Flecken. Aber fehlende Technik, fehlende Kraft und fehlendes Talent glich er mit Eifer und Hartnäckigkeit aus – sogar die mittelgebirgshohen Hügelchen hatten bald ihren Schrecken verloren und es begann sogar richtig Spaß zu machen, sie mutig zu überhüpfen. Da kümmerte es ihn wenig, dass der Rest des Feldes ihn mehrfach mit Lichtgeschwindigkeit überholte.

Die beeindruckende Staubentwicklung zwang den Veranstalter dazu, die Strecke wässern zu lassen und die örtliche Feuerwehr sorgte mit entschlossenem Einsatz für Besserung – kurzfristig. Denn damit entpuppte sich die Strecke überraschend als grandioses Schlammbad, dass, zur großen Freude vieler Teilnehmer und des zahlreichen Publikums, zu ausgiebigen Fangopackungen einlud.

So beschloss Rico, den ersten Tag als aktiver Supermotoheld mit zweifellos weltmeisterlichen Ambitionen, kräfteschonend ausklingen zu lassen. Gemeinsam mit seinem Nachbarn, der im Forum den martialisch anmutenden Namen „Messerharry“ trägt, machte er sich auf die Suche nach Verwertbarem, dass die eingebüßten Kalorien in vielfältiger Form den ausgemergelten Körpern wieder zuführen sollte. Alkoholische Getränke verwandelten sich in Stronzooos Mobilkühlhaus zu grellbuntem Stangeneis und der Gott der Holzkohle forderte die üblichen Opfergaben. Zwischenzeitlich hatte auch der Organisator des Ü-4zig-Cups seine Drohung umgesetzt und war mit jungfräulich glänzendem Sportgerät erschienen. Schmatzend wurden die üblichen Beleidigungen ausgetauscht und Anekdoten zum Besten gegeben. Rico sog diese Eindrücke gierig in sich auf.

Derweil verschaffte sich der eigens engagierte Barde, der entschuldigend oder drohend seine Herkunft mit „Steiermark“ angab, immer wieder schmerzhaft laut Gehör. „Country Roads“ und „Let It Be“ durfte er dabei zu den populärsten Beispielen seines akustischen Verbrechens zählen, wobei seine Tatwaffe, die Gitarre, noch am Besten „in Stimmung“ blieb.

Während einige der mehr oder weniger aktiven Wemser noch gewissenhaft am Ausgleich ihres Flüssigkeitsdefizits arbeiteten, schlummerte Rico bereits selig im Familiendiesel, der für dieses Wochenende mit allem erdenklichen Schlafkomfort ausgerüstet wurde.

Vom Nachbargebäude waberte früh lieblicher Kaffeeduft herüber und so fragte er die fleißigen Mitarbeiter, ob er denn ein Schlückchen des erquickenden Gebräus für sich erwerben dürfe. Höchst erfreut nahm er die Einladung an und entledigte sich bei der Gelegenheit in dem eigentlich für Angestellte vorgesehenen gekachelten Raum der drückendsten Dringlichkeiten. Der Tag fing prächtig an.

Ein kleiner Spaziergang über die Strecke dämpfte seine Zuversicht etwas. Mit ihm war nur Stronzooo mit reinen Slicks angetreten. Dessen mangelhaften Leistungen in Physik machten sich nun wieder bezahlt. Rico konnte nur staunend und heimlich bewundernd anerkennen, was Rainer auf dem losen Untergrund zu leisten im Stande war. Er nahm Harrys Angebot an, den Slicks mit dem Reifenschneider etwas Profil zu geben.

Bei der ungeduldig erwarteten Fahrerbesprechung wurde ein korrigierter Zeitplan vorgestellt, der später noch mehrfach korrigiert wurde, um dann durch den ursprünglichen, nur leicht korrigierten Zeitplan ersetzt zu werden. Die Trainingssitzungen am Vormittag verliefen ohne Zwischenfälle und Rico hatte schließlich ein gewisses Maß an Gleichmäßigkeit gefunden. Gleichmäßig langsam zwar aber eben konstant.

Im Publikum hatte er bekannte Gesichter entdeckt und freute sich riesig über den überraschenden Besuch aus seinem Stammforum, den Alten Säcken. Als später noch Gassini mit seiner hübscheren Hälfte am Streckenrand auftauchte, war der Motivationsschub perfekt.

Der Le-Mans-Start – außerhalb von Le Mans eher selten und beim Supermoto durchaus unüblich – verlangte den Fahrern physisch schon fast alles ab. Das lag aber weniger an deren biologisch bedingten körperlichen Malessen als an der schlechten Sicht, bei der die Motorräder in der großen Entfernung nur noch schemenhaft zu erkennen waren. Rico freute sich über einen guten Start und wurde erst nach der Hälfte der ersten Runde vom bis dahin Letzten überholt. Für den Rest des Rennens fehlte ihm anschließend jede Erinnerung. Er konzentrierte sich darauf, keine Fehler zu machen, freute sich über den Jubel des Publikums und seine gelungene Taktik, das Feld geschlossen vor sich hertreiben zu wollen. Und das, obwohl ihm gegen Rennende seine Hände und Unterarme auf unerklärliche Weise abhanden kamen. Die Anzeige der letzten Runde war ihm da schon fast egal.

Es dauerte eine ganze Weile bis Rico wieder ins Hier und Jetzt zurückkehrte. Er hatte es irgendwie geschafft, die Yamaha auf dem Hubständer zu parken, Helm und Handschuhe auszuziehen. Merkwürdig schwer so ’ne Hand, dachte er sich. Seine Arme brannten, in seinem Kopf pochte es. Er hatte vielleicht das Rennen nicht gewonnen, dafür aber einen viel größeren Sieg errungen. Da war die Platzierung nebensächlich geworden.

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Kapitelübersicht

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1 Kommentar »

  1. „Ü-4zig-Cups“***…hehehe….sehr schön ausgedrückt. Dein Humor isr grandios:)

    Kommentar von Simone — Freitag, 22. Oktober 2010 @ 18:36 (6:36 PM) | Antwort


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