RICOLETTAS WELT

Mittwoch, 26. August 2009

Akutes Abdomen

Filed under: Keine besondere Kategorie — RICO @ 03:12 (3:12 AM)

____________________________________________________________________________________

Akutes Abdomen

____________________________________________________________________________________

Das Finale der deutschen Meisterschaft in St. Wendel rückte zunehmend in den Vordergrund. Im Forum herrschte rege Betriebsamkeit und detaillierte Pläne zur Verpflegung, zur Unterstützung der teilnehmenden Fahrer und sonstige Strategien zur Bewältigung des Wochenendes wurden ausgetüftelt. Rico war voller Vorfreude, hatte die Akkus der Kamera und deren Ladezustand mehrfach überprüft, das Reisgepäck schon zusammengestellt und freute sich ein Loch in den Bauch.

Das sollte wiederum das Stichwort für eine ebenso ungewollte wie unabänderliche Änderung seiner eigenen Pläne sein: Es fing zunächst mit „harmlosen“ Bauchschmerzen an. Rico konnte sich später nur noch daran erinnern, wie ihm in der Klinik eine Magensonde gelegt wurde. Eine Erfahrung, die er rückblickend und mit gewohnt zurückhaltender Sachlichkeit als „sehr interessant“ beschrieb. Wenn man die Qual, das heftige Erbrechen und das mit „unangenehm“ noch behutsam umschriebene Fremdkörpergefühl im Rachen vorläufig als nebensächlich betrachtet.

Später, im Einleitungsraum für die Narkose, wurde ihm dafür eine Erster–Klasse–Reise mit sonderbar grellbunten Farben mittels des Erzeugnisses eines nicht näher bezeichneten Herstellers pharmazeutischer Produkte bewilligt. Da konnte nicht mal das Endoskop, das samt Tubus in seine Nase geschoben wurde, für nachhaltiges Entsetzen sorgen.

Schlagartig verblassten die Farben und das Nächste, woran Rico sich erinnern konnte, war das nervende Gehupe des Überwachungsmonitors, der ihn durch seine automatische Alarmfunktion immer wieder lautstark dazu aufforderte, gleichmäßig und ausreichend tief zu atmen.

Einige Zeit später, inzwischen hatte er die Überwachungsstation verlassen dürfen, wurde ihm von einer netten Schwester eine selten kostbare Gaumenfreude angeboten: ungesüßter Kräutertee. Eigentlich sehr traurig, dass Rico die freundliche Einladung so undankbar und noch dazu zwar wortlos aber schmerzwimmernd ablehnte.

Zumindest konnte er sich jetzt über drei neue Körperöffnungen freuen, die er zu gegebener Zeit, weil gut erreichbar, genauer kennen lernen wollte – der passende Begriff für die Suchmaschine: diagnostische Laparoskopie (zu deutsch: Bauchspiegelung).

Er wurde auf die chirurgische Station verlegt und konnte seine Freude kaum verbergen, als ihm die Schwester mit einem Platz in einem Vierbett–Zimmer überraschte: Leider sei die Station ohnehin hoffnungslos überbelegt und auf der Notaufnahme könne er nicht bleiben, erklärte sie entschuldigend. Da lag er nun, neben einem Patienten, der „colonresiziert“ war, einem Anderen mit frisch operierter Bauchspeicheldrüse und einem Weiteren, dessen Art der Erkrankung Rico Anlass zu unzähligen fantasievollen Spekulationen gab. Das bevorzugte Radioprogramm der Herren – SWR4-Baden Württemberg – wurde zwar auch aus seinen Rundfunkgebühren finanziert, stand aber inhaltlich in krassem Gegensatz zu seinem Bedürfnis nach Ruhe und Erholung. Immer wieder dämmerte er weg und glitt dabei durch eigenartige Traumlandschaften – wenigstens die Narkoseärztin hatte es gut mit ihm gemeint.

Visite kurz zusammen gefasst: die Entscheidung über einen günstigen Zeitpunkt zur Entlassung obliegt – trotz Ricos aufmerksamen und wiederholten Hinweises auf die desolate Belegungssituation der Klinik und trotz des vorgeschobenen „wichtigen Termins am Wochenende“ – immer noch dem behandelnden Arzt und sei zu dem nicht verhandelbar. Der ursprünglich befürchtete Darmverschluss konnte aber in der OP ausgeschlossen werden, die Voruntersuchungen mit Ultraschall und die Laborwerte deuteten nun am ehesten auf eine fulminant verlaufende Gastroenteritis hin. Im Hintergrund berichtete der Nachrichtensprecher zeitgleich von den Verhandlungen über die Beitragsanpassung der Krankenkassen.

Andy hatte im Forum seinen Account genutzt, um die „Krankmeldung“ weiterzugeben. Kurz nacheinander erreichten ihn zwei Anrufe, die es dann aber schafften, seine Stimmung, die inzwischen den Nullpunkt weit unterschritten hatte, zumindest kurzfristig wieder ins Gleichgewicht zu bringen. „Nopa“ und „gassini“ ließen es sich nicht nehmen, ihm wenigstens am Telefon ihre Besserungswünsche aufzunötigen. Rico freute sich sehr über die Gespräche, nicht nur, weil sie ihm die Gelegenheit gaben, wenigstens mental für einen Augenblick die freudlose Umgebung zu verlassen.

Erwähnenswert blieben höchstens noch die respektabel ausgedehnten Atempausen eines Mitpatienten, der es immerhin während etwa eines Drittels seines Schlafs schaffte ganz ohne Atmung auszukommen, um aber dafür den Rest der Zeit damit zu nutzen, alle anderen an seiner tiefen Einspannung geräuschvoll teilhaben zu lassen. Oder die zwar freundlich dargereichten aber ansonsten eher verzichtbaren Bemühungen der Krankenhausküche, den Nährstoffhaushalt der Patienten im Gleichgewicht zu halten. Der Rest ist Tagesroutine im Krankenhaus, wie sie täglich Millionen anderer Patienten widerfährt und auch Rico hier keine Ausnahmestellung beanspruchen konnte.

Hartnäckigkeit zahlt sich aber dann doch irgendwann aus. Der Stationsarzt gab schließlich entnervt auf und versprach, wenn die Blutwerte sich stabil im Normbereich bewegten, würde er auch die Wunddrainage entfernen und Rico schleunigst in die Obhut seiner Familie entlassen.

Die neu erworbenen Körperöffnungen erwiesen sich relativ schnell als Reinfall. Einerseits, weil mit ihnen nicht der geringste Spaß zu haben war und andererseits, weil die Hämatome, die sich darunter gebildet hatten, nicht wirklich zu experimentellen Selbsterkundungen einluden.

____________________________________________________________________________________

Kapitelübersicht

Advertisements

2 Kommentare »

  1. …große Güte, was hattest Du denn mit Deinen neuen Körperöffnungen vor???

    Kommentar von Simönchen — Mittwoch, 20. Oktober 2010 @ 12:58 (12:58 PM) | Antwort


RSS feed for comments on this post. TrackBack URI

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s

Erstelle eine kostenlose Website oder Blog – auf WordPress.com.

%d Bloggern gefällt das: