RICOLETTAS WELT

Dienstag, 25. August 2009

Der Suzuki-Blues

Filed under: Motorrad — RICO @ 03:12 (3:12 AM)

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Der Suzuki-Blues

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Rico wollte ein Angebot eines nicht näher bezeichneten Discounters für Motorradzubehör- und Bekleidung erwerben, um die zwar umfangreiche aber keineswegs vollständige Kollektion an Ausrüstungsteilen um einen zukünftig unersetzbaren Artikel zu erweitern. Die Rede ist von einem Overall für „drunter“ – also eigentlich einem Underall. Kurz: Funktionsunterwäsche als Einteiler, Testsieger bei Blablabla-Magazin usw.etc.

Er verließ also klammheimlich mit seinem schwarzen Spaßmofa das unbedeutende Hochtal in einem ebenso unbedeutenden Flusstal im schon bedeutsameren Schwarzwald. Wie geplant erstand er besagten Artikel und strebte voller Freude, fröhlich pfeifend der Heimat entgegen.

Irgendwie musste bei der Angabe der Größentabellen ein Fehler passiert sein. Unerklärlicherweise war die Passform sehr – ähh, nennen wir es „körperbetont, sehr körperbetont, extremst körperbetont. Das Dingen war einfach scheißeeng !!

Na gut, dachte sich Rico, das gibt doch wenigstens Anlass genug, das lockere Töurchen am folgenden Tag zu wiederholen. Die sintflutartigen Regenfälle in der Nacht können ihm doch nichts anhaben – und bei schönem Wetter kann doch jeder.

Die Straßen waren schmierig, die Gischt der vorausfahrenden Bürgerkäfige verschmuddelte die Brille, Feuchtigkeit kroch widerlich und unaufhaltsam durch das klamme Leder. Der Umtausch verlief reibungslos, wenn auch nicht ohne dieses bewusste, so vielsagende Grinsen bei der Frage, „hat die Größe nicht gepasst? Ich will sehen, ob wir ihre Größe vorrätig haben.“ Ricos tiefer Seufzer genügte als Antwort.

Rückfahrt. Den Typen, der für das Wetter verantwortlich ist, sollte man am höchsten Baum des Schwarzwaldes ein langsames, qualvolles Ende …

… fast zu Hause. Das letzte Provinzkaff lag hinter ihm, die Stimmung besserte sich. Die beste ehemalige Sozia von allen würde gleich einen leckeren, starken Kaffee kochen und der Nachmittag würde trägem Dolce Vita gewidmet. Lange Gerade, fünfter Gang, gleich kommt die lange Links. „Diesmal werde ich suuuperspät bremsen.“ Gas zu, Runterschalten – klack, klack, klack – die Kupplung laaangsam kommen lassen …

Mist, schon wieder viel zu früh! Egal. Da vorne, die schrottreife Rentnerkiste greife ich mir noch vor der nächsten Heldenecke. Vollgas, Vierter, Fünfter, vorbei – der nasse Belag interessiert mich einen feuchten Dreck! Wieder Runterschalten – jaaahhh, endlich!! Rico spürte, wie das Heck seiner geliebten Suse nach außen drängte. „Ich bin Ivan Lazzarini, Eddie Seel und Mauno Hermunen in einer Person – ach was, ich bin Gott!!“ Ein unbeschreibliches Gefühl.

Merkwürdig. Irgendetwas stimmte nicht. Plattfuß vielleicht? Rico fuhr rechts ran. Das dumpfe Bollern des Einzylinders verstummte. Grinsend fuhr der Rentner vorbei: „Das haste nun von deiner Raserei!“, dachte der. Erschrocken blickte Rico auf den Motor seiner geliebten Wemse. „Sie blutet“, dachte er. Öl rann tropfend von der Unterseite des Motors. „Sie verblutet, sie wird sterben“, panisch schossen ihm die Gedanken durch den Kopf.

Schiebend, rollend und wieder schiebend erreichte Rico die heimatliche Garage. Eine Mischung aus Trauer und Sorge ergriff von ihm Besitz. Vorsichtig, fast zärtlich entfernte er den Motorschutz und einige Abdeckungen. Nichts zu erkennen. Der Ölstand war nicht mehr messbar, der letzte Tropfen verdunstete in einem alten Stück Pappe unter dem Motor …

… dann das erschütternde Telefonat mit der Werkstatt. Suse müsse gleich auf die Intensivstation – der Chefchirurg würde sich zusammen mit seinem Beraterstab gleich daran machen, böse, entartete Teile zu entfernen und umgehend neue, gesunde zu implantieren.

Als der Rettungs- ähh, Abschleppwagen kam, war Rico schon bereit. Liebevoll verabschiedete er die schwarze Geisha mit einem innigen Streicheln über den Endtopf. „Hab’ keine Angst“, flüsterte er ihr zu, „ich bleibe bei dir. Sie werden dir nichts tun.“

Als Suse eingeliefert wurde, kam sie umgehend in den Schockraum. Ärzte und Pflegepersonal kümmerten sich besorgt um sie. Rico ahnte, hier ist die kleine Schwarze in guten Händen. Die Untersuchung dauerte an und man teilte ihm mit, er könne getrost zu Hause auf das Ergebnis warten: „… können wir nichts versprechen. Garantie? Mal sehen. Wenn wir Teile bestellen müssen – sie wissen ja. Und denken sie daran, dass wir ab nächster Woche für vierzehn Tage Betriebsferien machen. Am Besten, sie rufen uns nicht an, wir rufen sie an.“

Endlos tropften die Sekunden, zäh wie Lava schlich die Zeit dahin. Rico starrte das Telefon flehend an. „Vielleicht ist ja der Akku leer? Nein, alles im grünen Bereich. Warum bloß, ruft niemand an?! Wie das dauert!“

Da! Jetzt! Es klingelte – das musste die Klinik sein. Ausgerechnet jetzt, wo Ricos Blase berstend gefüllt nicht länger auf die längst überfällige Erleichterung warten konnte. „Ich komm’ ja schon“, rief er. Hastig die Treppe hochgestolpert, wo ist das verdammte Telefon: „Hallo? Haaallo! So’n Dreck“ – aufgelegt. Im Display des Hörers wird eine völlig unbekannte Nummer angezeigt; wahrscheinlich falsch verbunden.

Rico, sank auf die Couch nieder. Gedanken ratterten durchs Hirn. Momentaufnahmen aus glücklichen Zeiten. Die ersten Runden auf der Kartbahn, der erste Drift – na ja, ein kaum wahrnehmbares Zucken des Hinterrades. Aber immerhin …

Dingelingelingeling! Dingelingelingeling! „Grüß Gott! Die Agentur für Trallala und Hopsassa, mein Name ist Gabriele Rübenschlotzer. Wir haben ein unschlagbares Angebot – wenn sie nur ein paar Augenblicke Zeit hätten …“. „Nein, habe ich nicht!!“ Der freundliche, sympathische junge Mann hatte sich in Sekundenbruchteilen in ein keifendes Monster verwandelt. Die blutunterlaufenen, ausdruckslosen Augen bewegten sich hastig hin und her.

Rico hielt es nicht mehr aus. Er tippte die Nummer der Werkstatt – besetzt. Nochmal! Beep Beep Beep Beep Beep Beep Beep Beep Beep Beep Beep Beep und Beep: Tuut – Tuuuuut – Ahh, endlich frei – Tuuuuut – Tuuu. „Noddelmeyer?“ „Hrgmpf.“ KLICK – Huch, er musste sich in der Aufregung verwählt haben.

… „wie bitte ..? Suzuki? Ja, ich … Welle? Welche Welle? Ritzel – aha … Oralwem? – Ach, O-ring … hm, ja … aber. Wann? Ach was! Och nööö, das ist ja kurios! Aber gerne … ja, klar – freu’ mich. Ja, bis später!“

„Das war die Werkstatt“, jubelte Rico zu Andy. „Ich kann Suse abholen.“ „Ach?“ „Ja, Jochen meint, irgendein O-ring an oder hinter der Ritzelwelle …“ „Hmmm“, sagte sie und gab ihm zu verstehen, dass ihr technisches Verständnis ungefähr auf dem gleichen Niveau wie seines war – nennen wir es interessierte Laien mit mehr oder weniger Basiskenntnissen. Die höflichste Umschreibung, die in diesem Zusammenhang verwendet werden kann, ohne beleidigend zu werden.

Metallisch glänzend wartete die Schwarze ungeduldig auf dem Hof der Werkstatt. In der prächtig strahlenden Sonne wirkte sie, als ob sie ihm vielsagend zuzwinkert: Los, komm! Steig auf, wir rollen ’ne Runde.

Suzuki DR-Z 400 SM

Jochen, der Chefarzt, erklärte noch mal, was die umfangreichen Tests, die Kernspintomografie, das CCT, Labor- und sonstige Untersuchungen zutage gefördert haben: Suse ist kerngesund und es werden keine bleibenden Schäden erwartet. Möglicherweise hat jemand beim Tausch des Ritzels das vorgeschriebene Drehmoment nicht eingehalten – der Blick dabei war äußerst vielsagend …

Später war Rico noch mal bei Jochen, dem Werkstattchef. Er fragte ihn wegen seines Mofas ein paar Löcher in den Bauch, bestellte ’n paar Kleinteile, bekam ein Stück Dichtungspapier für lau und sprach schließlich die Rechnung an. Antwort: „Wir haben doch gar nichts gemacht …“, sprachs und löschte grinsend den Datensatz im Rechner.

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Der erwähnte Chefarzt ist übrigens auch mit einer tollen Geschichte im WWW vertreten:

Von Rastatt nach Kapstadt

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Kapitelübersicht

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