RICOLETTAS WELT

Freitag, 22. August 2008

Dem Supermoto

Filed under: MC Alte Säcke,Motorrad,Rennsport,Supermoto — RICO @ 06:06 (6:06 AM)

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Ein wirklich ganz, ganz kurzer Prolog. Versprochen! Echt ehrlich …

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Es war ein eiskalter Novembertag, trüb und nass. Rico hatte schlechte Laune. Wie immer eigentlich, wenn das Schlafdefizit des Nachtdienstes ihm den letzten Nerv raubte. Es hatte begonnen zu schneien und Schnee gehört zu den Dingen, die Rico überhaupt nicht mag.

Er hatte den Nachmittag zu Hause verbracht, saß wie gewöhnlich in seinem Büro und surfte auf den Wellen des weltweiten Netzes. Dabei beobachtet er regelmäßig, was sich in seinen Lieblingsforen so tut: die Alten Säcke, die wirklich so heißen, und deren kleine, ausgewählte Gemeinde er schon lange kennt. Ein unaufgeregter und sehr bunter Haufen, den ein zentrales Thema beschäftigt und verbindet: Motorrad fahren.

MC Alte Säcke - founded 2001 AD

Dann war da noch das Forum von Supermoto.de – hier geht es ganz anders zu als sonst in einschlägigen Plattformen. Neulinge werden erst mal mit markigen Sprüchen abgeklopft. Hält man dem aber Stand und bleibt hartnäckig, öffnet sich ein sehr bizarrer Kosmos. Die Leute nennen sich zärtlich „Hackfresse“, und wenn man ihnen „zuhört“, wird man mit einer merkwürdigen Sprache konfrontiert, dem Wemsisch. Klingt ’n bissl wie Walisch oder Alkoholisch, ist aber ganz anders.

Wemsisch kann man nicht lernen. Sicher, es gibt einen Wemserduden. Oder einen Wemsersprüchethread. Dabei sind die Grundlagen denkbar simpel. Es gibt beispielsweise nur einen Artikel: DEM. Die Wemserwunderdroge heißt „K%rea“ und der Rest … ähhem, Entschuldigung – dem Rest besteht aus mehr oder weniger geistreicher Inspiration und dem gleichen Maß an Improvisation. Bei Rico wich die anfängliche Skepsis jedoch schnell einem zaghaften Stirnrunzeln, das nahtlos in ein breites Grinsen überging. Gelegentlich hatte er verborgen in dem Forum mitgelesen und dabei seine Umgebung mit plötzlichem, lautem Lachen zunächst erschreckt und später nur noch verwundert.

Husqvarna VM Race Replica 450SM RR

Supermoto – Husqvarna VM Race Replica 450SM RR

Ric%letta, nopa und Rasmus II.

Dass die ungewöhnliche Darbietung der „Ricoletta“ auch über das Forum hinaus für einigen Gesprächsstoff sorgte, muss wohl nicht besonders betont werden.

Rico öffnete die Mitteilung: „Kommste mit? Team GF Frühjahrstraining in Italia? 18.03.2008 – 21.03.2008, das ist der Dienstag bis Freitag vor Ostern. Könnten wir am Montag losfahren und am Samstag zurück. Kannst bei mir mitfahren, bis dahin habsch dem T4. Nopa.

Team G.F. – Race Factory

Unwillkürlich sah er zum Dienstplan. Mensch, Wemsen in Italien? Das wäre mal ’ne Sache. Der Blick auf die Tafel versetzte ihn schlagartig wieder zurück ins Hier und Jetzt. Dezember 2007– weiter nicht. Egal! Ein Anruf bei Klaus und Sekundenbruchteile später war die Entscheidung definitiv: Rico musste mit!

Genau im richtigen Moment bekam er den Abteilungsleiter zu fassen. Es bedurfte nur weniger Augenblicke und die Urlaubswoche war eingeschoben – und nicht einmal eine der sonst dazu notwendigen Taktiken musste bemüht werden. Ein paar Klicks auf der Team G.F. Homepage später hatte Rico sich angemeldet und seine üble Laune war verflogen.

„Wohin?“, fragte Andy, die beste ehemalige Sozia von allen. „Nach Castelletto“, antwortete Rico vorsichtig und nahm den Telefonhörer fester in die Hand. Sämtliche Antennen standen auf Empfang und versuchten mögliche Abwehrsignale aufzufangen. „Und was soll uns der Spaß kosten?“ Das ist die Stelle, an der für gewöhnlich unumstößliche Entscheidungen getroffen werden. Ein Zögern hätte bedeutet, dass eine endlose Debatte über die schwierige Wirtschaftslage losgebrochen wäre. Der Familiendiesel braucht im Frühjahr neue Reifen, die KFZ–Steuer wird fällig, und die Zahnspange, die Rückzahlung aus der Lohnsteuererklärung steht auch noch aus und überhaupt. Nicht so Andy. In den Jahren mit Rico hatte sie es immer wieder verstanden, großzügig und sehr wohlwollend mit seiner „Spontaneität“ umzugehen. „Wenn du gerne möchtest“, antwortete sie mit sanfter Stimme und Rico wusste, dass demnächst mal mindestens ein Blumensträußchen fällig sein sollte.

Klaus würde ihn besuchen. Vor knapp zwei Wochen hatte Rico auf Anhieb und ohne satellitengestütztes „Hightech–Billichgedöns“ die „Untere Höll“ gefunden. Freudestrahlend hatte er die Einladung zum Chili angenommen. Die paar Kilometer dazwischen störten ihn nicht weiter. Eher schon die Tatsache, dass Klaus nicht alleine wohnt. Frodo und seine beiden Kollegen mögen dem Außenstehenden harmlos erscheinen. Aber Ricos Verhältnis zu Katzen gilt wohl als beispielgebend für die Definition phobischer Störungen. Die Fünf verbrachten einen sehr lustigen Abend und Rico gewann die Erkenntnis, dass die Vorliebe für bestimmte Brauereien nicht unbedingt von einer breiteren Mehrheit geteilt werden muss, das Chili aber aus kulinarischer Sicht über jeden Zweifel erhaben war. Kurz vor Weihnachten würde sich Klaus also seiner Angst vor Andy und Ricos Kindern stellen wollen und einen Gegenbesuch abstatten.

Es hatte weiter geschneit. Die ganze Nacht hindurch und auch den folgenden Tag. Inzwischen war das Dorf, in dem Rico mit seiner Familie seit drei Jahren wohnte genau wie die umliegenden Wälder mit einer Schicht aus Puderzucker geschmückt. Die ländliche Idylle näherte sich immer mehr ihrem postkartenartigen Klischee vom beschaulichen Schwarzwaldfleckchen.

Winter im Murgtal

„Was hältst du eigentlich von der FMX 650?“, fragte Ansgar. „’Ne Honda?“, fragte Rico zurück. „Weiß nicht. Ich kann mich mal umhören.“ Ansgars Frage am Telefon kam überraschend. Wie immer eigentlich, wenn Ricos Kumpel sich mit einer Sache neu beschäftigte. Und das konnte immer ein wirklich extrem weit gefächertes Spektrum abdecken. Von der Meinung zu Parkettböden aus Wenge über die Frage zu selbst gebauten Ganganzeigen für Motorräder und Vorschlägen zur Eröffnung der Grillsaison – im Januar. Ansgar war als Zivildienstleistender in Ricos Dienststelle beschäftigt und in den vielen Jahren danach waren sie zu wirklich guten Freunden geworden. Er darf getrost als Beweis für die tatsächliche Existenz des „Peter–Pan–Phänomens“ gelten. Ansgar würde wahrscheinlich niemals erwachsen werden. Knapp zehn Jahre jünger als Rico hatte er irgendwann sein Studium geschmissen und sich mit teils sehr lukrativen Jobs über Wasser gehalten. Regelmäßige Arbeit war ihm tatsächlich wenig vertraut.

Was folgte waren lange Ausführungen, denn Ansgar hatte sich natürlich schon vorher bis ins kleinste Detail informiert. Vermutlich kannte er die Honda inzwischen besser als alle Entwicklungsingenieure des Konzerns in Tokio zusammen. „Sieht ’n bissl aus wie ’ne Supermoto“, meinte Rico zögerlich beim Betrachten der Bilder im Internet.

An dieser Stelle sollte etwas nicht unerwähnt bleiben: Das Stichwort „Supermoto“ war der eigentliche Auslöser für alles, was danach folgte. Die unabsehbare Tragweite dessen wurde Rico erst sehr lange Zeit später bewusst.

„Hast du schon mal was von der DR–Z gehört?“ Rico erinnerte sich daran, dass Ansgar früher eine Enduro mit dieser Bezeichnung fuhr: „Hmmm?“ „Ich habe hier eine Suzuki DR–Z 400 SM gefunden“, meinte Ansgar unbeirrt. „Die sollte man sich vielleicht mal ansehen“, fuhr er fort.

Einige Tage später waren er und Rico mit dem Auto unterwegs in die Stadt. An der Seite des Verkaufsraums stand nun also so eine „Zette“, wie dieser Typ von seinen Besitzern liebevoll genannt wird. Schwarze Plastics und die supermototypischen Zutaten entlockten Rico ein unnachahmlich gedehntes „Ohhh!“ Die Sitzprobe bestätigte die Vermutung: leicht und handlich wie ein Fahrrad. In dem riesigen Showroom hatte sich eine kleine Gruppe junger Leute um eine strategisch günstig im Blickfeld platzierte GSX–R in der Suzuki–Kriegsbemalung versammelt. Gleich daneben, wie zum Duell herausfordernd, war eine schwarze Yamaha R1 geparkt. Doch Rico hatte nur Augen für die zierliche 400er, die er aus jedem Winkel fast pedantisch begutachtete, um sich jede noch so kleine Einzelheit einzuprägen.

Das lustlose Desinteresse des „Fachverkäufers“ ärgerte ihn nur kurz. „Eine Probefahrt? Nein, dazu hätte er keine Maschine frei. Inzahlungnahme? Müsste man erst sehen …“. Schnell war Rico klar, dass sich der ignorante Schreibtischheini der Belästigung, die von Ansgar und ihm ausging, routiniert zu entziehen wusste. Er machte sich auch nicht die geringste Mühe, den Eindruck zu widerlegen, dass er die Motorräder, von deren Verkauf er ja naturgemäß eigentlich profitieren müsste, lieber selbst behalten wollte. Schon wenige Tage später, bei einem Händler am anderen Ende der Stadt, hatten die beiden überraschend die Gelegenheit, die FMX und die DR–Z im direkten Quervergleich zu testen. Danach gab es keinen Zweifel mehr: Die Suzuki würde, nein, musste es sein.

Andy war von der Idee zunächst überhaupt nicht begeistert. Sie verstand nicht, was Rico mit so einem „Grashüpfer“ wollte. Er hatte ihr schon öfter mal Bilder von den rassigen Rennern im Internet gezeigt aber ihr Interesse daran reichte nicht einmal für einen Bruchteil des Enthusiasmus, den Rico dafür aufzubringen vermochte. Grashüpfer und Schlammspringer waren dabei noch die freundlicheren Formulierungen.

Anfang August war es dann soweit. Nach etlichen Telefonaten und einen Besuch bei einem Händler, dessen abgelegener Firmensitz im Odenwald vermutlich in keiner Karte zu finden ist, war der Deal perfekt.

Der Silberfisch - HONDA CBR 600 F

Der Silberfisch – HONDA CBR 600 F

Rico würde sich von seinem geliebten Silberfisch, einer Honda CBR, trennen und künftig als Querulant auf zwei Rädern unterwegs sein.

Immer wieder fand Rico einen Vorwand, um „mal eben in die Garage“ zu verschwinden. Da stand sie nun, eine schwarze Geisha, die spontan „Suse“ getauft wurde. So wie ein Raubtier seine Beute umkreist und mit Blicken fixiert, so schlich er um die langbeinige Grazie, betrachtete sie ausgiebig und das Glänzen seiner Augen verriet: Er war glücklich!

Hinweisschild zum Waldparkring Walldorf

Und dann das erste Mal: Die Kartbahn von Walldorf gilt bei objektiver Betrachtung nicht unbedingt als die ultimative Herausforderung. Aber für Rico war es die erste Bekanntschaft mit dem faszinierenden Kosmos des Motorradsports. Ein klitzekleines bisschen jedenfalls …

Das erste Mal ...

Das erste Mal …

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Der Suzuki-Blues

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Rico wollte ein Angebot eines nicht näher bezeichneten Discounters für Motorradzubehör- und Bekleidung erwerben, um die zwar umfangreiche aber keineswegs vollständige Kollektion an Ausrüstungsteilen um einen zukünftig unersetzbaren Artikel zu erweitern. Die Rede ist von einem Overall für „drunter“ – also eigentlich einem Underall. Kurz: Funktionsunterwäsche als Einteiler, Testsieger bei Blablabla-Magazin usw.etc.

Er verließ also klammheimlich mit seinem schwarzen Spaßmofa das unbedeutende Hochtal in einem ebenso unbedeutenden Flusstal im schon bedeutsameren Schwarzwald. Wie geplant erstand er besagten Artikel und strebte voller Freude, fröhlich pfeifend der Heimat entgegen.

Irgendwie musste bei der Angabe der Größentabellen ein Fehler passiert sein. Unerklärlicherweise war die Passform sehr – ähh, nennen wir es „körperbetont, seeehr körperbetont, extremst körperbetont. Das Dingen war einfach scheißeeng !!

Na gut, dachte sich Rico, das gibt doch wenigstens Anlass genug, das lockere Töurchen am folgenden Tag zu wiederholen. Die sintflutartigen Regenfälle in der Nacht können ihm doch nichts anhaben – und bei schönem Wetter kann doch jeder.

Die Straßen waren schmierig, die Gischt der vorausfahrenden Bürgerkäfige verschmuddelte die Brille, Feuchtigkeit kroch widerlich und unaufhaltsam durch das klamme Leder. Der Umtausch verlief reibungslos, wenn auch nicht ohne dieses bewusste, so vielsagende Grinsen bei der Frage, „hat die Größe nicht gepasst? Ich will sehen, ob wir ihre Größe vorrätig haben.“ Ricos tiefer Seufzer genügte als Antwort.

Rückfahrt. Den Typen, der für das Wetter verantwortlich ist, sollte man am höchsten Baum des Schwarzwaldes ein langsames, qualvolles Ende …

… fast zu Hause. Das letzte Provinzkaff lag hinter ihm, die Stimmung besserte sich. Die beste ehemalige Sozia von allen würde gleich einen leckeren, starken Kaffee kochen und der Nachmittag würde trägem Dolce Vita gewidmet. Lange Gerade, fünfter Gang, gleich kommt die lange Links. „Diesmal werde ich suuuperspät bremsen.“ Gas zu, Runterschalten – klack, klack, klack – die Kupplung laaangsam kommen lassen …

Mist, schon wieder viel zu früh! Egal. Da vorne, die schrottreife Rentnerkiste greife ich mir noch vor der nächsten Heldenecke. Vollgas, Vierter, Fünfter, vorbei – der nasse Belag interessiert mich einen feuchten Dreck! Wieder Runterschalten – jaaahhh, endlich!! Rico spürte, wie das Heck seiner geliebten Suse nach außen drängte. „Ich bin Ivan Lazzarini, Eddie Seel und Mauno Hermunen in einer Person – ach was, ich bin Gott!!“ Ein unbeschreibliches Gefühl.

Merkwürdig. Irgendetwas stimmte nicht. Plattfuß vielleicht? Rico fuhr rechts ran. Das dumpfe Bollern des Einzylinders verstummte. Grinsend fuhr der Rentner vorbei: „Das haste nun von deiner Raserei!“, dachte der. Erschrocken blickte Rico auf den Motor seiner geliebten Wemse. „Sie blutet“, dachte er. Öl rann tropfend von der Unterseite des Motors. „Sie verblutet, sie wird sterben“, panisch schossen ihm die Gedanken durch den Kopf.

Schiebend, rollend und wieder schiebend erreichte Rico die heimatliche Garage. Eine Mischung aus Trauer und Sorge ergriff von ihm Besitz. Vorsichtig, fast zärtlich entfernte er den Motorschutz und einige Abdeckungen. Nichts zu erkennen. Der Ölstand war nicht mehr messbar, der letzte Tropfen verdunstete in einem alten Stück Pappe unter dem Motor …

… dann das erschütternde Telefonat mit der Werkstatt. Suse müsse gleich auf die Intensivstation – der Chefchirurg würde sich zusammen mit seinem Beraterstab gleich daran machen, böse, entartete Teile zu entfernen und umgehend neue, gesunde zu implantieren.

Als der Rettungs- ähh, Abschleppwagen kam, war Rico schon bereit. Liebevoll verabschiedete er die schwarze Geisha mit einem innigen Streicheln über den Endtopf. Hab’ keine Angst, flüsterte er ihr zu, ich bleibe bei dir. Sie werden dir nichts tun.

Als Suse eingeliefert wurde, kam sie umgehend in den Schockraum. Ärzte und Pflegepersonal kümmerten sich besorgt um sie. Rico ahnte, hier ist die kleine Schwarze in guten Händen. Die Untersuchung dauerte an und man teilte ihm mit, er könne getrost zu Hause auf das Ergebnis warten: „… können wir nichts versprechen. Garantie? Mal sehen. Wenn wir Teile bestellen müssen – sie wissen ja. Und denken sie daran, dass wir ab nächster Woche für vierzehn Tage Betriebsferien machen. Am Besten, sie rufen uns nicht an, wir rufen sie an.“

Endlos tropften die Sekunden, zäh wie Lava schlich die Zeit dahin. Rico starrte das Telefon flehend an. Vielleicht ist ja der Akku leer? Nein, alles im grünen Bereich. Warum bloß, ruft niemand an?! Wie das dauert!

Da! Jetzt! Es klingelte – das musste die Klinik sein. Ausgerechnet jetzt, wo Ricos Blase berstend gefüllt nicht länger auf die längst überfällige Erleichterung warten konnte. „Ich komm’ ja schon“, rief er. Hastig die Treppe hochgestolpert, wo ist das verdammte Telefon: „Hallo? Haaallo! So’n Dreck“ – aufgelegt. Im Display des Hörers wird eine völlig unbekannte Nummer angezeigt; wahrscheinlich falsch verbunden.

Rico, sank auf die Couch nieder. Gedanken ratterten durchs Hirn. Momentaufnahmen aus glücklichen Zeiten. Die ersten Runden auf der Kartbahn, der erste Drift – na ja, eigentlich ein kaum sichtbares Zucken des Hinterrades. Aber immerhin …

Dingelingelingeling! Dingelingelingeling! „Grüß Gott! Die Agentur für Trallala und Hopsassa, mein Name ist Gabriele Rübenschlotzer. Wir haben ein unschlagbares Angebot – wenn sie nur ein paar Augenblicke Zeit hätten …“. „Nein, habe ich nicht!!“ Der freundliche, sympathische junge Mann hatte sich in Sekundenbruchteilen in ein keifendes Monster verwandelt. Die blutunterlaufenen, ausdruckslosen Augen bewegten sich hastig hin und her.

Rico hielt es nicht mehr aus. Er tippte die Nummer der Werkstatt – besetzt. Nochmal! Beep Beep Beep Beep Beep Beep Beep Beep Beep Beep Beep Beep und Beep: Tuut – Tuuuuut – Ahh, endlich frei – Tuuuuut – Tuuu. Noddelmeyer?“ „Hrgmpf.“ KLICK – Huch, er musste sich in der Aufregung verwählt haben.

… „wie bitte ..? Suzuki? Ja, ich … Welle? Welche Welle? Ritzel – aha … Oralwem? – Ach, O-ring … hm, ja … aber. Wann? Ach was! Och nööö, das ist ja kurios! Aber gerne … ja, klar – freu’ mich. Ja, bis später!“

„Das war die Werkstatt“, jubelte Rico zu Andy. „Ich kann Suse abholen.“ „Ach?“ „Ja, Jochen meint, irgendein O-Ring an oder hinter der Ritzelwelle …“ „Hmmm“, sagte sie und gab ihm zu verstehen, dass ihr technisches Verständnis ungefähr auf dem gleichen Niveau wie seines war – nennen wir es interessierte Laien mit mehr oder weniger Basiskenntnissen. Die höflichste Umschreibung, die in diesem Zusammenhang verwendet werden kann, ohne beleidigend zu werden.

Metallisch glänzend wartete die Schwarze ungeduldig auf dem Hof der Werkstatt. In der prächtig strahlenden Sonne wirkte sie, als ob sie ihm aufreizend zuzwinkert: Los, komm! Steig auf, wir rollen ’ne Runde.

Suzuki DR-Z 400 SM

Suzuki DR-Z 400 SM

Jochen, der Chefarzt, erklärte noch mal, was die umfangreichen Tests, die Kernspintomografie, das CCT, Labor- und sonstige Untersuchungen zutage gefördert haben: Suse ist kerngesund und es werden keine bleibenden Schäden erwartet. Möglicherweise hat jemand beim Tausch des Ritzels das vorgeschriebene Drehmoment nicht eingehalten, erklärte er augenzwinkernd …

Später war Rico noch mal bei Jochen, dem Werkstattchef. Er fragte ihn wegen seines Mofas ein paar Löcher in den Bauch, bestellte ’n paar Kleinteile, bekam ein Stück Dichtungspapier für lau und sprach schließlich die Rechnung an. Antwort: „Wir haben doch gar nichts gemacht …“, sprachs und löschte grinsend den Datensatz im Rechner.

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Verkauft …

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Vor wenigen Wochen hatte er nun die letzte von ausgesprochen wenigen Gelegenheiten des Jahres genutzt, um die Zweisamkeit mit Suse zu genießen und ’n paar Ründchen zu drehen. Wie gewöhnlich hatte er anfangs seinen eigenen Schatten gejagt. Doch mit zunehmender Dauer schwanden zunächst die Kräfte, dann die Konzentration und dann verließ ihn schließlich auch das letzte einsame Fünkchen Talent. Er beschloss, den Tag vorzeitig zu beenden, resigniert und begreifend, dass ohne vernünftige körperliche Vorbereitung „kein Blumentopf“ zu gewinnen ist. Und die bittere Erkenntnis, dass er noch so unendlich viel zu lernen hatte, stimmte ihn ziemlich nachdenklich.

580 Kilometer bis Castelletto di Branduzzo – sollte in knapp 6 Stunden zu machen sein. Aber nur noch vier Monate, um den erbärmlichen Rest von Ricos Körper in eine sportlich belastbare Hochleistungsmaschine zu verwandeln. Die ersten Peinlichkeiten erlebte er dann auf dem Zimmerfahrrad. Warum man einen alten Menschen noch mal so schinden muss, erschließt sich oft nur sehr mühsam. Aber Rico hatte nun ein Ziel und entwickelte dabei erstaunlichen Ehrgeiz. Von den ersten Liegestützen und Situps völlig außer Atem kamen ihm gewisse Zweifel. Knapp zwei Wochen später betrachtete seine Tochter Julia prüfend den „alten Herrn“ und ließ sich zu einem anerkennenden „man sieht, dass du wieder Sport machst,“ hinreißen. Uih, da hatte Ricos Motivation aber einen kräftigen Nachschlag erhalten.

Nummerntafel und Bärchen

Nummerntafel und O Ursinho insano (das verrückte Bärchen)

Es hatte ein wenig von der traurig berühmten Geschichte mit dem Titel „Kunde droht mit Auftrag!“ Rico hatte beschlossen, seine umfangreiche Ausrüstung um weitere mehr oder weniger nützliche Details zu ergänzen. Im Besitz eines Hochglanzproduktes eines Händlers, dessen Namen wir zu seinen – denen des Händlers, nicht Ricos – Gunsten verschweigen wollen, konnte er eine gewisse Vorauswahl treffen und wurde schließlich auch auf der entsprechenden Homepage schnell fündig. Die üblichen Prozeduren schlossen sich an und bald war Ricos Konto um einen stattlichen Betrag erleichtert. Danach geschah erst mal nichts.

Man müsse ja auch ’ne gewisse Kulanz bei solchen Bestellungen kalkulieren, beruhigte er sich und wartete weiter geduldig. Etwa eine weitere Woche später wurde Rico nervös. Sollte der eben erwähnte, tatsächlich nicht unerhebliche, Betrag möglicherweise in den Untiefen des globalen Datenozeans verschollen sein? Was ist also einfacher, als mal unverfänglich nachzufragen? „Onlinebestellung? Hmm, da müssten sie mal in unserer Filiale nachfragen. Ich geb’ ihnen die Nummer.“ Rico notiert und tippt: „… der Herr Zucknudel (Anm.: Name vom Verfasser geändert) ist heute leider nicht da. Sie können aber gerne in unserem Ladengeschäft nachfragen. Ich sage ihnen die Nummer …“ „Danke, da habe ich schon nachgefragt“, antwortet Rico höflich. „An wen darf ich mich denn wenden?“, fragt er noch und hört den Namen. Wie kann man nur so heißen, denkt er sich und sucht in der Liste mit den bisher gewählten Nummern.

Der Rest ist schnell erzählt: Nach dem versprochenen (und tatsächlich erfolgten) Rückruf konnte sich Rico sicher sein. Bis Weihnachten – und das waren gerade mal noch drei lächerlich kurze Wochen – würde er, falls nichts Unvorhergesehenes dazwischenkommt, den Gegenwert seines hart verdienten Geldes erhalten haben. Soweit die Theorie.

Dass die gleichen Artikel, die er dann bei einem anderen, namhaften und sehr freundlichen Onlineshop orderte, zudem noch günstiger waren, fiel Rico erst nach der Neubestellung auf und bliebe eigentlich ziemlich nebensächlich aber weitere vier Wochen später war noch immer nicht das Geringste passiert und Rico hatte darauf kurzerhand die Bestellung storniert! Die Moral von der Geschicht‘ – trau’ dem Hochglanzprospekt nicht! Allerdings bekam die Angelegenheit im Nachhinein noch eine ganz besondere Note. Andy berichtete lange Zeit später am Telefon, dass ein Päckchen gekommen sei. Rico hatte nichts bestellt und konnte sich zunächst keinen Reim drauf machen. Als er spät abends nach Hause kam, fand er besagtes Päckchen: Es war die Lieferung, die er sechs Wochen zuvor storniert hatte …

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Geduldprobe

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Wie untrennbar oft Erfreuliches und Unerfreuliches miteinander verbunden sind, wurde in jenen Tagen auch wieder bestätigt. Die Untersuchung von Andys Blutwerten erbrachte niederschmetternde Befunde. Die Stimmung war gedrückt und auch der bevorstehende Besuch von Klaus konnte daran nur wenig ändern. Sein Vater war am vorangegangenen Wochenende verstorben und überhaupt war die Zeit der vorweihnachtlichen Besinnung so gar nicht feierlich.

Weihnachtszeit! Rico konnte dem Thema noch nie etwas abgewinnen. Weihnachten ist wie Ketteputzen. Keiner macht es wirklich gerne aber es lässt sich nicht vermeiden. Ricos Nachwuchs sah das natürlich völlig anders. Und da sie das vergangene Jahr über sooo brav waren, müssten die Geschenke selbstverständlich entsprechend üppig ausfallen – und das sah wiederum Rico völlig anders. Und wie alle Jahre wieder konnten Andy, die beste ehemalige Sozia von allen, und er feststellen, dass die Feiertage für beide gleichermaßen anstrengend waren – aus verschiedenen Gründen zwar aber letztlich waren alle erleichtert, als alles überstanden war.

Plätzchen, Kekse, Schokolade – all die süßen Verlockungen hatte Rico höchst erfolgreich ignoriert. Seine Kondition wurde zunehmend besser und inzwischen schaffte er immerhin eine halbe Stunde auf dem Stubenvelo, ohne tot vom Rad zu fallen. Hat die Quälerei sich zumindest konditionell gelohnt, auch wenn rein äußerlich die traumhafte Bikinifigur nicht mal ansatzweise zu erkennen war.

Wieder ein Jahr älter – und noch immer lässt die Weisheit auf sich warten. Viele Menschen hatten sich an Ricos Geburtstag erinnert und ihn in auf verschiedenste Art mit Aufmerksamkeit bedacht. So rückte auch der letzte Tag des Jahres unaufhaltsam näher. Rico und Thomas, sein Nachbar, hatten beschlossen, bei trockenem Wetter das Grillfass auf die Straße zu rollen und ein paar Happen über der Glut zu rösten. Da Klaus nichts weiter plante, hatte Rico ihn kurzentschlossen überredet, den Jahreswechsel bei ihm zu verbringen. Dass schon die Vorbereitungen dazu im absoluten Chaos münden würden, war ihm bis dahin noch nicht klar.

Januar: Die AZP – Aufzündparty – eine Veranstaltung, deren einziger Sinn darin besteht, viele Menschen unterschiedlichster Herkunft bei einem Treffen zusammenzuführen, bei dem die Sinnhaftigkeit der Gespräche in genau umgekehrt proportionalem Verhältnis zum alkoholischen Gehalt der konsumierten Getränke steht. Das Rahmenprogramm bildete ein kleiner Wettbewerb in eine Karthalle im Odenwald und die AZP selbst war, nach Ricos Meinung, auf der Skala der besten Feste ein Top-Ten-Event.

nopa, DLG, Rico, Beamer (von links)

kleine AZP – Talkrunde: nopa, Bundy alias DLG, Rico, Beamer (von links)

Viele der „wemsenden Hackfressen“ wirkten in natura auf Anhieb sogar durchaus sympathisch und die Begegnung mit den Meisten konnte Rico als Bereicherung verbuchen. In einem leiseren Moment wurde er gefragt, ob er es denn bereuen würde. Rico verstand zunächst nicht und fragte nach. Nein, er bereute nicht einen Augenblick, sich dieser, im wörtlichen Sinne, schrägen Gemeinschaft angeschlossen zu haben. Die Zeichen standen auf Veränderung. In verschiedenen Gesprächen wurde deutlich, dass manche Bereiche des so geliebten Sports einer grundlegenden Erneuerung bedurften. Auch Klaus hatte sich vorgenommen, seiner leidenschaftlichen Begeisterung mehr nachgeben zu wollen.

Rico hatte unterdessen seinen unpanischen Freund dazu bewegt, bei den Alten Säcken anzuheuern. Keine zwei Tage später wusste jeder im Forum, worauf man sich mit dem Neuankömmling, der sich hinter dem Pseudonym „Pirat“ verbarg, eingelassen hatte.

Die hartnäckige Erkältung, die ihn schon einige Zeit plagte, hinderte ihn, seinen Trainingsplan wie gewünscht zu verfolgen. Rico musste sich weiter schinden aber die ungewöhnlich milden Temperaturen des Winters gestatteten ihm wenigstens kleine Runden über die Hausstrecke. Auf der Liste mit den Vorbereitungen auf den Trip nach Italien wurden immer mehr Häkchen sichtbar. Vorfreude und ein unbestimmtes Kribbeln im Bauch überkamen ihn nun immer häufiger, wenn er an das Frühjahrstraining dachte. Nicht mehr lange – sechs Wochen noch – und auch im Forum merkte man, dass die Winterpause bei einigen die Nerven unangenehm reizte. Es wurde Zeit!

Samstagnachmittag. Wieder mal Nachtdienst. Eben aufgestanden ließ er sich mechanisch vom Hometrainer quälen und betäubte seine Müdigkeit mit Tönen aus der Klangwelt von Ronnie James Dio, der unentwegt auf ihn einhämmerte. Rico ließ es widerstandslos geschehen.

Eine kleine Exkursion ins Gelände hatte er mit der Feststellung beendet, dass es wenig Erfolg versprechend ist, wenn ein mäßig befähigter Offroadneuling matschigem Erdreich und physikalischen Grundsätzen begegnet. Zumindest wurde ihm dabei aber klar, dass er mit Intuition alleine und ohne Hilfe keinen Schritt in seiner angestrebten Entwicklung zum künftigen Supermotohelden weiter vorankommen würde. Und weil er inzwischen auch gelernt hatte, gute Ratschläge von den gut gemeinten zu unterscheiden, hatte er sich mit der empfohlenen Literatur eingedeckt und begann damit, theoretische Grundlagen zu studieren. Das würde seine eingeübten Fehler zwar nicht von selbst ausmerzen aber dafür wusste er jetzt, was er ändern musste, wenn er seine Fähigkeiten verbessern wollte.

Unterdessen hatte Klaus seine Anstrengungen um die Veröffentlichung seines Buches weiter intensiviert. Unzufrieden mit der Untätigkeit des Verlegers würde er in Eigenregie an der Umsetzung weiterarbeiten. Besonders geehrt fühlte sich Rico, als er erfuhr, dass „Ricoletta“ auf der Rückseite des Buchumschlages zu sehen sein würde.

Der Wemsberichterstatter und der beste Admin im www

Der Wemsberichterstatter und der beste Admin im www

No Sports, das legendäre Zitat von Winston Churchill auf die Frage eines Reporters, wie man ein derart hohes Alter erreichen könne. Rico hatte diesen Ratschlag nicht befolgt. Bei einem kleinen Hobbykick kam es dann so: Mit einer gewaltigen Blutgrätsche, die dem unvergesslichen Hans-Peter Briegel zur Ehre gereicht hätte, wollte Rico einen eigentlich ziemlich harmlosen Ball klären und dabei eine Kostprobe seiner brasilianischen Ballkunst zelebrieren. Das Resultat daraus war das unerwartet plötzliche Ende des Spiels, ein eindrucksvoll geschwollener Unterschenkel und eine Gangart, die einem in gleicher Weise lahmenden Pferd den erlösenden Gnadenschuss beschert hätte.

Hämatom

Hämatom

Der Hausarzt begutachtete den in dolbysurroundtechnicolor schillerndleuchtenden Bluterguss und meinte kurzerhand, dass er eine Thrombose nicht ausschließen könne, was der besten ehemaligen Sozia von allen die Gelegenheit gab, die verordneten Mono-Embolex-Fertigspritzen zwar fachgerecht aber trotzdem durchaus schmerzhaft in Ricos Fleisch zu versenken. Als Krankenschwester versteht sie sich perfekt auf die Pflege leidender Menschen und Rico wurde die Behandlung zuteil, die er verdiente – was durchaus auch doppeldeutig verstanden werden darf. Ein anderer Leitsatz Churchills schwächt übrigens die Aussage „No Sports“ auch erheblich ab: Keine Stunde, die man mit Sport im Sattel (Anmerkung des Verfassers: … einer Supermoto?) verbringt, ist verloren.

Trotzdem wurde Rico dadurch in seinem Trainingskonzept erneut weiter zurückgeworfen. Die Schinderei auf dem Hometrainer würde wieder für eine gewisse Zeit der Rekonvaleszenz ins Stocken geraten – nur noch knapp drei Wochen. Um nicht untätig zu sein, vertiefte Rico das Studium der Lehrbücher und pflegte den Kontakt zu seiner schwarzen Geisha mit liebevollem Eifer – Streicheleinheiten, die beide vermissten.

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Parlare Italiano?

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Nur noch knapp zwei Wochen. Es fing schon beim Gedanken daran an, heftig im Bauch zu kribbeln. Die Vorfreude machte sich zwischendurch immer wieder mit zwar kleinen aber höchst absonderlichen Ausbrüchen Luft. Rico ertappte sich häufiger dabei, wie er bei der Vorstellung an die Tage in Italien stumm vor sich hingrinste – genau die Art Grinsen, die einem diesen gewissen debilen Gesichtsausdruck verleihen kann. Vor Aufregung würde er die Hälfte vergessen und insgeheim tat ihm Klaus jetzt schon fast ein wenig Leid. Er wusste ja nicht annähernd, was er sich mit der Einladung eingehandelt hatte. Rico würde ihn während der Reise, während des Auspackens, des Aufbaus, einfach ständig mit Fragen zunächst dezent quälen und dann vermutlich irgendwann nerven. Er würde sich wie ein hysterisch kreischender Teenie aufführen, jede Selbstbeherrschung verlieren und von der sonstigen Gelassenheit würde irgendwann nicht das geringste übrig geblieben sein – wie uncool. Trotzdem würde es jetzt bald ernst werden. Ein richtiges Trainingslager mit vielen Gleichgesinnten und noch dazu im Ausland – aufregend, berauschend, überwältigend … Rico fand keine passende Umschreibung, die seine Gedanken und Gefühle in diesem Augenblick auch nur annähernd treffend veranschaulichen könnten. Zeit für den Hometrainer.

Ach, und die Packliste musste ja auch noch erstellt werden. Gleich im Anschluss daran ist es bemerkenswert hilfreich, die Liste um 50 Prozent zu kürzen und wirklich nur die wichtigen Sachen zu notieren. Wenn man davon wiederum nur die Hälfte mitnimmt, würde alles Brauchbare im Überfluss vorhanden sein.

Stevie Ray Vaughan hatte Ricos alte Liebe zum Blues neu entfacht. Musik überhaupt. Vom Handwerk zur Kunst. Seit seinem 16. Lebensjahr etwa hatte Rico sich immer fleißig aber mit einigermaßen wechselhaftem Erfolg mit seinen verschiedenen Gitarren befasst, von den er zwischenzeitlich eine Handvoll besaß. Zunächst unter Anleitung klassisches Exercitium genießend hatte er dann als Autodidakt weitergelernt und spielte bald darauf in verschiedenen Bands. Eine höchst interessante Zeit, in der Rico außergewöhnlich viel Spass hatte. Und so ist es auch nicht verwunderlich, dass er sich fortan mehr in Musikläden und Proberäumen aufhielt, als zu Hause oder in der Schule – doch davon vielleicht später etwas mehr. Die Seite dazu gibt es hier.

Ibanez RG 440

Ibanez RG 440

Seit jenem Tag im November war nun einige Zeit vergangen. Inzwischen hatte Klaus auch sein neues Wemsmobil in Besitz genommen, dass nun für seine „Jungfernfahrt“ vorbereitet wurde. Es würde für die Woche in Italien Schlafzimmer und Küche, Garage und Werkstatt für die Vier sein. Und natürlich Lastesel, der gemütlich kauend Kilometer für Kilometer unermüdlich knabbert. Bleibt nur noch zu erwähnen, dass das Panic Mobil äußerlich zwar kompakt und übersichtlich aussieht, innen aber die Ladekapazität eines mittleren Frankfurter Flughafenhangars bietet. Trotz dieser unglaublichen Dimensionen fand Ricos geliebtes Kopfkissen leider keinen Platz mehr und musste schweren Herzens zu Hause gelassen werden – um ehrlich zu sein, er hatte es schlicht und ergreifend vergessen …

A5 bei Basel - Grenze zur Schweiz

A5 bei Basel – Grenze zur Schweiz

Das regnerische Wetter begleitete sie bis zum Gotthardtunnel. Danach wurden die Sonnenbrillen ausgepackt. Erst wegen des Schnees und dann wegen der prächtig strahlenden Sonne.

Lugano - Grenze zwischen Italien und der Schweiz

Lugano – Grenze zwischen Italien und der Schweiz

Der Grenzübertritt nach Italien gestaltete die Reise dann wenigstens etwas abwechslungsreicher. Um Zöllner werden zu dürfen, müssen Bewerber schon in frühester Jugend einen Gesichtsausdruck einüben, der vermitteln soll: Vorsicht! Ich ernähre mich ausschließlich von Zitronen, Brennesseln, Batteriesäure und Essigkonzentrat – und ich habe heute ganz besonders schlechte Laune. Wenn man dann einer gefühlten Hundertschaft grimmiger Gesichter italienischer Zöllner begegnet, die sich zu dem auch nicht einig sein kann – lassen wir die „Tedesci“ jetzt durch oder wollen wir sie mal gründlich filzen – dann ist Zurückhaltung noch die vorsichtigste Empfehlung für das weitere Verhalten.

So dauerte es auch nicht lange und Rico schloss mit dem ihm zugewandten Beamten innige Freundschaft. Denn nach dem dieser merkte, dass er sich redlich bemühte mit ihm in seiner Sprache zu kommunizieren, war seine herzliche Einladung zur Hochzeit seiner jüngsten Tochter die einzig logische Reaktion. Überaus geschickt und unerschrocken wie Rico nun mal ist, schaffte er es auch, das Fehlen der Papiere für den treuen Rasmus zu erklären – was auch durch Klaus‘ unterstützende Bemerkung „… only for Racing …“ die tief empfundene Ehrfurcht der Zöllner erklärt.

Rasmus II. - only for racing

Rasmus II. – only for racing

Die italienische Straßenverkehrsordnung sieht sich in der glücklichen Lage, dass die darin enthaltenen Vorschriften eher als freie Interpretation denn als tatsächliches Muss verstanden werden können. Diesem Umstand Rechnung tragend, hielt sich auch die Anfahrtsbeschreibung nicht lange mit lästigen Details auf sondern wollte lediglich als grobe Orientierungshilfe dienen. So blieb auch die Frage „Wo liegt eigentlich dieses Castelletto?“ lange Zeit ein Rätsel, an dessen Lösung der Zufall dann aber auch ein wenig mithelfen durfte. Zum Ausgleich dafür konnte Klaus ausgiebig das Fahrverhalten des Panic Mobils im Kreisverkehr testen.

Linie, Sitzhaltung, Blickführung, die Arbeit auf dem Motorrad – alles Begriffe, die Rico zwar schon gehört hatte aber ihnen keinen wirklich sinnvollen Inhalt geben konnte. Und diese Begriffe sollten dann auch für die nächsten vier Tage das Programm bestimmen. „Arme hoch!“, war das Kommando, das von nun an, meist pantomimisch unterstützt, den geneigten Teilnehmern geduldig und unaufhörlich eingetrichtert wurde. Was man beim Motorradfahren im Allgemeinen und beim Supermoto im Besonderen alles falsch machen kann, demonstrierte Rico eindrucksvoll auf den ersten Runden in Castelletto. Fahrpraxis auf der Straße hat nichts mit dem zu tun, was hier gefordert ist. „Lass’ das mit dem Driften“, war Felices gut gemeinte Bitte, die zu den ersten Verbesserungen gezählt werden sollte. Das regelmäßige Fahren einer sauberen Linie bei gleichzeitiger Lockerheit, wobei aber trotzdem die ausreichende Körperspannung und aufmerksame Beobachtung der Streckenführung nicht außer Acht gelassen werden soll? Kein Problem, wenn man – ARME HOCH!! – also, kein Problem, wenn man sich nur ein bisschen konzentriert.

Klaus und Rasmus II.

Klaus und Rasmus II.

Klaus hatte sich in Schale geworfen und trug zum eleganten Anzug nagelneue Alpensterne, die jedem hochglanzpoliertem Maßschuh feinster italienischer Handwerkskunst à la Gatto oder Bestetti in Nichts nachstehen. Nach der Mittagspause wurden die verschiedenen Gruppen wechselweise auf die Strecke gelassen – später auch mit Offroad, der für einen absoluten Neuling trotzdem erstaunlich gut zu bewältigen war. Überhaupt kann man den Betreibern beider Strecken nur zur vorbildlichen Präparierung gratulieren, was man allerdings von den Sanitärbereichen nur zurückhaltend behaupten darf. Aber Rico war ja nicht zum Duschen nach Italien gekommen.

Das freie Fahren brachte schnell die Gewissheit, dass die bisherigen Runden in Walldorf und Kronau nur wenig mit dem gemein haben, was für das Bestehen auf einem solchen Kurs notwendig ist. Und Nopas Coaching brachte vorerst zwar keinen äußerlich sichtbaren Erfolg, half aber immens die Komponente „Kopf“ nachhaltig in den Griff zu bekommen. Schon am folgenden Tag konnte Rico sich erheblich besser auf die Umsetzung – ARME HOCH!! – des Gelernten konzentrieren, was ihm einen Großteil an Leistungsfähigkeit über einen erheblich längeren Zeitraum bescherte. Er freute sich, hatte er doch wieder was begriffen …

Pista di Motodromo di Castelletto di Branduzzo

Pista di Motodromo di Castelletto di Branduzzo

Eine kleine Gruppe unter den Teilnehmern wollte sich wohl die Kräfte für die kommenden Tage etwas besser einteilen und schlug vor, den Streckenverlauf minimal zu kürzen. Widerstrebend würden sie auf das Fahren im Offroad verzichten wollen, was von den anderen Fahrern, die ja schließlich nicht zum Spielen im Dreck sondern zum Supermotofahren angereist waren, reserviert und mit unterdrücktem Jubel zur Kenntnis genommen wurde. Kurzerhand wurde das Programm also geändert und gab damit den Befürwortern der schmutzig-staubigen Variante die Gelegenheit, den vorgesehenen Streckenwechsel etwas früher vorzunehmen.

Der Umzug nach Ottobiano verlief dann nach dem üblichen Muster. Rico hielt den Ausdruck eines Routenplaners in Händen, versuchte die kryptischen Zeichen zu deuten und Klaus freute sich, endlich mal wieder einen Kreisverkehr in voller Länge durchfahren zu dürfen. Die kurze Frage nach dem richtigen Weg auf der Piazza eines kleinen Dörfchens am Rande der Zivilisation wurde von drei Jugendlichen mit der gestenreichen Angabe von vier verschiedenen Richtungen beantwortet. Rico bedankte sich pathetisch und gewohnt wortgewandt mit einem freundlichem „Mille Grazie“.

Das Klaus schließlich doch die Einfahrt und einen netten Platz im Fahrerlager fand, war dann auch mehr dem Prinzip Hoffnung und Ricos scharfer Beobachtungsgabe zu verdanken. Die Atmosphäre in so einem Fahrerlager hat ihre Besonderheiten. Schon vorher, in Freiburg, hatte Rico die Gelegenheit, das lockere und freundschaftliche Miteinander zu bestaunen. Abgesehen von einer Ausnahme – scheinbar muss es die leider wohl immer irgendwo geben – erlebte er auch hier das nachbarschaftliche Beisammensein durchaus als ebenso ungezwungen. Gegenseitige Hilfsbereitschaft ist selbstverständlich und es ergibt sich immer die Gelegenheit zu einem netten Plausch, einer harmlosen Neckerei oder einem kleinen Scherz. Eine sehr entspannte Gemeinschaft, in deren Mitte Rico sich schnell sehr wohl fühlte und deren unverkrampfte Stimmung er überaus genoss.

Pista South Milano - Circuito Internazionale di Ottobiano

Pista South Milano – Circuito Internazionale di Ottobiano

Das eingeschaltete Flutlicht auf dem Circuito Internazionale di Ottobiano erlaubte einen ersten Eindruck vom Streckenverlauf – grandios. Glücklich und voller Enthusiasmus versank Rico in seinem Schlafsack und träumte einmal mehr von Kurven (ARME HOCH!!), staubigem Offroad und idealen Linien.

Die Fahrerbesprechung am folgenden Morgen begann, wie üblich, mit Jürgens Frage nach vollständiger Anwesenheit. Diese würde mit einer stimmgewaltigen, weithin hörbaren Antwort erwidert. Keine Frage, hier standen Profis zusammen, die schon früh am Abend zu Bett gegangen waren, um hoch motiviert Kraft und Konzentration für die anstehenden Aufgaben zu tanken. Sie alle hatten der übermächtigen Versuchung trotzig widerstanden, den Ausflug nach Italien dazu zu nutzen, um sich bis spät in die Nacht mit dem Austausch von Anekdoten und dem Konsum alkoholischer Getränke zu vergnügen.

Fahrschule

Fahrschule

Die ersten Fahrübungen in der frischen Luft hatten nichts von dem Glamour, den Rennstrecken ansonsten ausstrahlen. Die kühle Feuchte der Nacht kroch widerstandslos in die Lederkombi und lähmte Ricos geradezu sprichwörtliche Geschmeidigkeit. Damit nicht genug, wurden an den Schlüsselstellen Pylonen aufgestellt, um den Übenden das Leben noch weiter zu erschweren – Supermoto ist definitiv kein Spass und inzwischen hörte man hinter vorgehaltener Hand immer häufiger die Bezeichnung „Drillinstructor“. Der Eindruck eines Bootcamps wurde auch durch die ständigen Ermahnungen – ARME HOCH!! – nicht gemindert. Nein, Supermoto hat augenscheinlich wirklich nicht das Geringste mit Vergnügen zu tun!

Mauno Hermunnen und Jan Deitenbach

Mauno Hermunnen und Jan Deitenbach

Als die Gruppen darauf durchgewechselt wurden, konnte Rico beobachten, wie Mauno Hermunen, Jan Deitenbach und der Rest der Topfahrer in nahezu jeder Runde eben genau die von den Pylonen vorgegebene Line „trafen“ – mit traumwandlerischer Sicherheit. Rico war äußerst beeindruckt, nein, er versank in ehrfürchtiger Andächtigkeit.

Für den Mittag war eine Unterweisung im Offroad vorgesehen. Für Rico bedeutete dies, wiederum mit völlig neuen theoretischen Grundlagen und hoffnungslos anspruchsvollen Lektionen in der Praxis konfrontiert zu werden. Nach einer endlos gedehnten Viertelstunde war er um Jahrzehnte gealtert und so erschöpft, dass er sich selbst von den weiteren Übungen beurlauben musste. Kraft und Koordinationsvermögen reichten einfach nicht mehr aus, Stürze zu vermeiden.

Offroad

Offroad

Apfelsaftschorle in unglaublichen Mengen floss durch Ricos durstige Kehle. Nopas gastronomische Kunstfertigkeit und der Nachschub an lukullischen Genüssen mit Gegrilltem und Gebrautem ließ keine Wünsche offen. Eine mutige Exkursion ins Landesinnere brachte später jedoch eine wichtige Erkenntnis: In ganz Italien gibt es scheinbar keine einzige Pizzeria – zumindest nicht, wenn man müde und hungrig danach sucht. Eine Verkaufstheke in einem Supermarkt brachte vorübergehende Linderung, wenn man auch bei 3 Euro für ein winziges Stückchen lauwarmer Pizza mit etwas Schinken von einem etwas exklusiveren Vergnügen sprechen darf. Nicht unerwähnt bleiben sollte jedoch die Tatsache, dass das freundschaftliche Angebot zur Teilnahme an dem kleinen Ausflug immerhin die Besichtigung des Zentrums einer typischen norditalienischen Kleinstadt ermöglichte – wenn auch nur vom Auto aus, denn dessen Navigationssystem weigerte sich beharrlich, bei der Suche nach einer Pizzeria behilflich zu sein – in Italien gibt es davon vermutlich auch denkbar wenige.

Am Morgen des vierten Tages war Rico früh erwacht. Die Dusche am Vorabend war unfreiwillig erfrischend, war doch der Vorrat an warmem Wasser für jeden Teilnehmer auf wenige Tropfen beschränkt. Er wunderte sich selbst ein wenig über den Tatendrang, den er auch nach den Anstrengungen der letzten Tage noch immer verspürte. Gestern, am späten Nachmittag, waren das Gefühl für das Motorrad und die Reifen plötzlich buchstäblich greifbar. Rico ertastete förmlich jede noch so geringfügige Veränderung in Haltung und Schräglage. Die Rastenprotektoren wurden endlich ihrer Bestimmung zugeführt und das Vertrauen in die Fähigkeiten von Maschine und Pilot wuchs von Runde zu Runde. Rico war heiß auf das Fahren. Schon in der ersten Runde wollte er dort anknüpfen, wo er tags zuvor aufgehört hatte. Das Ergebnis war ein kapitaler Rutscher, der ihn heftig erschrecken ließ. Dass sich die Strecke mit den kühlen Nachttemperaturen so stark verändern würde, war ihm nicht klar. Ein weiteres „ich–hab’s–gelernt“ wurde mit einem Ausrufezeichen versehen und konnte auf der Habenseite verbucht werden.

Ottobiano

… mit der Schwarzen Geisha in Ottobiano

Die ersten Runden des Vormittags verbrachte Rico dann auch damit, sich auf die bisher gewonnenen Erfahrungen zu konzentrieren. Er probierte verschiedene Linien, variierte seine Sitzposition und schnell war das Vertrauen zurückgekehrt. Beide, die schwarze Geisha und er wussten nun, was sie voneinander zu halten hatten. Wie wohl Rico sich nun fühlte, begriff er erst, als er sich bei Horst vom Team G.F. fragen hörte, wann denn endlich der Offroad geöffnet werden würde. Keine Frage, Rico und Suse waren in den vergangenen Tagen mit kleinen Schrittchen in die angestrebte Richtung gegangen. Als schließlich am Nachmittag der Offroad endlich geöffnet wurde, hatte er allerdings schon nach wenigen Runden genug – die schwindende Kraft ließ ihn in dem anstrengenden Geländeteil jede Konzentration verlieren und so beschloss er, seine Suse und sich selbst zu schonen …

Der letzte Abend in Italien fand seinen Höhepunkt in einem spontan organisierten Fest, bei dem nicht nur Freudentränchen – P. und Artur feierten jeweils Geburtstag und wurden auf unvergleichliche Weise beschenkt – sondern auch unglaubliche Mengen an Dosenbier vergossen wurden. Rico hatte die Gelegenheit mit „alten Hasen“ aus der Supermotogründerzeit zu plaudern und außerdem kleine Geheimnisse zu erfahren. Er hörte auch, dass man Uhren ohne Ziffernblatt „Armbänder“ nennt und freute sich, sehr nette Menschen ein bisschen kennen zu lernen. Ganz besonders gefiel ihm ein Kompliment, dass sein Herz ein klein wenig aufgeregter hüpfen ließ. Es galt seiner Suse, der er in den vergangenen vier Tagen auch ein wenig näher kam.

Wann die Feier endete und der neue Tag begann, ist nicht mehr schlüssig zu klären. Jedenfalls hatte der Morgen danach mit dem Abend davor nichts zu tun – dafür war das Dosenbier viel zu lecker! Fest steht jedoch, dass das Panic Mobil irgendwann am Mittag als Letztes den Bogen mit der Aufschrift „Pista South Milano – Circuito Internazionale di Ottobiano“ durchquerte und die Rückreise begann.

Zufahrt zur Strecke in Ottobiano

Zufahrt zur Strecke in Ottobiano

Ein schnelles Essen bei einem amerikanischen Spezialitätenrestaurant, dazu ein, abgesehen vom üblichen Stau, erstaunlich unspektakulärer Grenzübertritt und ein kurzer Tankstopp waren die letzten Besonderheiten einer Rückreise ohne sonstige erwähnenswerte Ereignisse. Auf den Schnee am Gotthardnordportal waren Klaus und Rico durch die Nachrichten von zu Hause schon vorbereitet und die routinemäßige Frage des deutschen Zöllners, später an der Grenze, was sich denn im Inneren des Panic Mobil verberge, beantworteten die beiden unisono: Motorräder. Mit einem emotionslosen, knappen „Na, denn …“ forderte der Beamte zur Weiterfahrt auf.

Irgendwann in der hereinbrechenden Dunkelheit parkte Klaus den T4 in die Einfahrt, begleitet vom wachsamen Bellen der Hunde, die der gesamten Nachbarschaft die Rückkehr bekannt gaben. Ricos Nachwuchs stürmte freudig kreischend aus dem Haus und half fleißig beim Entladen. Klaus hatte es eilig und während er noch zurückhetzte, tauchte Rico in sein Bett, umarmte sein so sehr entbehrtes Kissen und fiel in einen tiefen traumlosen Schlaf.

Das erste Erwachen zu Hause, Ostersonntag. Es hatte die ganze Nacht hindurch geschneit und Schnee gehört bekanntlich zu den Dingen, die er überhaupt nicht mag.

Session finished ...

Session finished …

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Mongolen im Breisgau

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Rico taumelte durch die Zeit. Klaus hatte ihn mühelos davon überzeugt, dass ein Start beim freien Trainingswochenende in Freiburg quasi zum Pflichtprogramm einer Supermotosaison gehört und so versuchte Rico, sich das fragliche Wochenende freizuschaufeln. Mit allerhand Überredungskunst schaffte er es schließlich, Kolleginnen und Kollegen die lebensnotwendige Bedeutsamkeit klarzumachen – was nicht heißen soll, dass er die Einwilligung zu den benötigten Umstellungen im Dienstplan auch erhalten hätte.

Wenige Wochen vor Ablauf der Meldefrist des Veranstalters war es dann doch noch so weit: Möglicherweise war Ricos Quengelei inzwischen so vielen Kollegen auf die Nerven gegangen, dass sich schließlich eine Mitarbeiterin fand, die bereit war, sich zu opfern und für ihn einzuspringen. Klaus hatte ihm angeboten, für einen Tag seinen Startplatz übernehmen zu dürfen und so waren die Pläne schnell gemacht. Rico beschloss, den nächsten Schritt zu wagen und wollte zum ersten Mal mit Slicks, profillosen Rennreifen, an den Start gehen. In Italien hatte er zumindest zum Schluss so viel von dem Gelernten umsetzen können, dass er schon gespannt auf die bevorstehenden Erfahrungen war – wieder kribbelte es im Bauch. Die gründliche Nachsorge nach dem italienischen Abenteuer hatte sich gelohnt und so war die Umrüstung der schwarzen Geisha an einem Nachmittag erledigt. Suse stand bestens präpariert in der Garage und strahlte stolz grinsend mit Rico um die Wette.

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Die schwarze Geisha

Wie schon wenige Wochen zuvor, war das Wetter eher regnerisch. So hatten Klaus und Rico bei der Abfahrt aus dem idyllischen Schwarzwalddörfchen wieder den gewohnten Eindruck einer Reise, bei der die Scheibenwischer und nicht die Sonnenbrillen für angenehme Sichtverhältnisse sorgen sollten – wobei „regnerisch“ vielleicht nicht die wirklich treffende Bezeichnung für die rekordverdächtigen Niederschläge der vergangenen Tage ist.

On The Road Again ...

On The Road Again …

Klaus fand auf Anhieb und ohne Ricos legendäre Navigationsfähigkeiten den Weg durch die entlegene, wildromantische Landschaft des mittleren Schwarzwalds. Die Streckenführung würde jeder Straßenbiker mit einem Zungenschnalzen genießen, dafür blieb die Aussicht diskret verborgen, versteckte sich doch das sicherlich grandiose Panorama schüchtern hinter den tiefhängenden Regenwolken. Sie unterhielten sich über den glücklichen Umstand, dass Rico in letzter Minute noch den Startplatz eines abgesprungenen Forumskollegen erhalten hatte, machten einen Kurzabstecher ins lauschig gelegene Hintertal und verbrachten schließlich einen entspannten Abend bei Bier und äußerst delikatem chinesischem Essen.

Rico kroch irgendwann todmüde in den Schlafsack, kuschelte sich in sein Lieblingskissen – nie käme er auf die Idee auch nur eine Nacht ohne dieses Kissen zu verbringen – und hörte im Wegdämmern noch die lächerliche Drohung, der Wecker würde um sechs Uhr die ohnehin viel zu kurze Nacht beenden. Irgendwann am frühen Morgen spürte er dann, wie sich eines von Klaus’ krallenbewaffneten Monstern, mit dem furchtgebietenden Namen „Kasper“, Ricos schwindenden Widerstand zunutze machte und sich in der Höhle zwischen den angewinkelten Knien und der Rückenlehne der Couch eine behagliche Unterkunft ertrotzte. Pünktlich beendete der Wecker die Nacht. Der hatte aber das Prinzip der angebrochenen Sommerzeit bisher hartnäckig ignoriert und so kam es, dass das Panic Mobil nur fast pünktlich den Weg ins Motodromo di Breisgau antrat. Unterwegs, so hatten Klaus und Rico übereinstimmend beschlossen, würden sie bei einer der zahlreichen Gelegenheiten, Bekanntschaft mit den gastfreundlichen Einwohnern des Elztals machen, um sich mit den Zutaten für das Frühstück zu versorgen, um dieses zeitgewinnend und knapp gehalten einfach unterwegs einzunehmen.

Beim Kauf von zwei Brötchen erhalten Sie ein Drittes gratis dazu – Aktionspreis 0,99 EUR.“ Rico hatte den kryptischen Inhalt des Schildes an der Bäckertheke auch eine halbe Stunde nach Verlassen des Ladens noch immer nicht durchschaut und auch Nopas geduldige Versuche, ihm das System dieses Angebots zu erklären scheiterten an Ricos störrischer Weigerung, die Antwort der Verkäuferin begreifen zu wollen. „Was hat die gemeint, mit „ … des gloiche Wäckle koschd dann abba scho mehr …“?

Kühl aber sonnig und trocken begann der Samstag und das Panic Mobil drehte zunächst eine Ehrenrunde durch das Fahrerlager, um die Huldigungen der bereits anwesenden Wemser entgegenzunehmen. Während Rico den Inhalt des Frankfurter Flughafenhangars entlud, drehte Klaus ’ne informative Platzrunde. Ein paar „Hallos“ und geschüttelte Hände später war Rico umgezogen und das vorfreudige Kribbeln wurde unwiderstehlich.

Slicks

Slicks

Schon vor der Italientournee hatte Rico öfter Leute gefragt, welche „wies“ und „warums“ es zum Thema Slicks gibt. Diese Leute, die sich offensichtlich damit auch auskennen, haben ihm immer wieder geraten, am Anfang doch zurückhaltend mit Gas und Bremse zu sein. So hatte Rico auch extra einen etwas niedrigeren Luftdruck gewählt, um den Reifen schneller die Gelegenheit zu geben, sich für und an der Strecke zu erwärmen. Wie er später hören sollte, war er nicht der Einzige, der diese Strategie verfolgte, und befand sich damit zumindest mit einem gewissen Markus R. in bester Gesellschaft.

Supermotopark Breisgau

Supermotopark Breisgau – Pitlane Exit

Rico suchte den Zugang zur Strecke, der ihm schon vom IDM-Lauf im vergangenen Herbst bekannt war. Er rollte gemächlich an der Kontrolle vorbei und beschleunigte zaghaft auf die Gerade. Suse benahm sich sehr anständig und wedelte vor Vergnügen ein wenig mit dem Heck. Rico kannte diese Bewegungen vom Offroad, wenn er es mit dem Gasgriff ein wenig übertrieb. Die erste Kurve bremste er sehr früh und vorsichtig an und sah beim Einlenken über die linke Schulter, um sich zu vergewissern, dass er niemandem im Weg stand. Den Linksbogen nahm er, ohne dass ihm etwas Besonderes auffiel und als er gerade dabei war, für etwas Körperspannung und eine vernünftige Sitzposition zu sorgen passierte es. In dem kleinen anschließenden Rechtsknick, der eigentlich gar keine Kurve ist, öffnete Rico den Gasgriff nur ein kleines bisschen mehr. Suse wieherte vor Freude, erschrak sich jedoch über den unvermuteten emotionalen Ausbruch und tat das, was alle hochgezüchteten, nervösen Vollblut–Rennpferde in einer solchen Situation machen – sie keilte heftig hinten aus. Nicht nur das. Sie scheute, bockte und entledigte sich mit einem mächtigen Bocksprung ihres Reiters.

Rico erlebte diesen Moment wie in Zeitlupe. Noch während er spürte, wie das Hinterrad heftig rutschte, tat er das, was alle unerfahrenen, nervösen Vollblut–Anfänger in einer solchen Situation machen – er drehte schlagartig das Gas zu und sorgte so dafür, dass das kopf– und führungslose Hinterrad wieder Halt im Breisgauer Betonboden fand. Genau in diesem Augenblick war ihm klar, der Drops ist gelutscht und so entledigte er sich, unerwartet heftig beflügelt, mit einem mächtigen Bocksprung seines Motorrads. Noch im Absteigen drehte Rico den Kopf nach hinten und sah, wie die Meute auf ihn zuhetzte – blutunterlaufene Augen starrten ihn an und die Lefzen waren gierig nach oben gezogen. Man, sind die aber schnell, dachte er, kurz, bevor er aufschlug … Das stakatohafte Chrrkrrkrr endete mit einem Rumms in Fortissimo – Suse trat im rutschend noch einmal kräftig in den Rücken, bevor beide endlich still auf dem kalten Boden lagen.

Stille – Rico hörte die aufgeregten Rufe der Streckenposten langsam lauter werden, sprang auf und stolperte auf die Geisha zu. Noch während er die Suzuki aufhob und von der Strecke schob, spürte er einen vernichtenden Schmerz in der linken Schulter. Beide standen in der Wiese neben der Strecke, atemlos keuchend. Ein kurzer Blick und Rico wusste, er würde aus eigener Kraft zurück ins Fahrerlager rollen können. Der Lenker zeigte in eine merkwürdige Richtung und der abgebrochene Kupplungshebel ließ eine Bedienung mit zwei Fingern zu.

Suse beendete die Runde und fand im immer dichter werdenden Nebel irgendwie das Panic Mobil. Rasmus blickte verstört und Klaus, dessen Gesicht sich zu einem großen Fragezeichen verformt hatte, fing beide auf. „Kannst Du mir mal den Hubständer rübergeben?“, fragte Rico und Klaus half ihm, der schwarzen Geisha sicheren Stand zu geben. Beine und Hüfte schmerzten pulsierend und er spürte, wie die Blutergüsse sofort zwar langsam aber stetig wuchsen. Beim Versuch die Jacke auszuziehen bohrte eine Armee mongolischer Reiter unter der Führung von Dschingis Khan ihre Lanzen in Ricos Schulter und fügte ihm die Art von Schmerzen zu, bei der nicht klar ist, ob man es für ein Brennen oder Stechen halten soll. Für solche Fälle hatte er sich mit Kältepacks versorgt und während er seine Schulter kühlte, begutachtete er den Schaden am Motorrad. Ein paar Kratzer, verdrehte Hebeleien und Protektoren – nichts, was ihn am Weiterfahren hindern würde. Also begann er damit, den abgebrochenen Kupplungshebel zu ersetzen, den Lenker wieder gerade auszurichten und nach „versteckten“ Beschädigungen zu forschen. Dann war auch schon die Zeit für den nächsten Turn seiner Gruppe und Rico wollte sich fertig machen. Er schlüpfte in die Jacke … vielmehr, er versuchte, in die Jacke zu schlüpfen. Denn als er den Arm nach hinten dehnte, um den Ärmel zu suchen, begegnete im Khans Armee erneut – diesmal hatten sie Verstärkung mitgebracht und die Spitzen ihrer Lanzen hatten sie vorher im Feuer zu glühenden Folterinstrumenten verwandelt. Zornig schleuderte er die Jacke zu Boden und dabei hörte er jemanden eine durchaus repräsentative Sammlung der gebräuchlichsten Verbalinjurien zitieren.

Es dauerte noch einige Minuten, bis Rico schließlich nach und nach klarer im Kopf wurde. Er hatte sich mehrfach selbst abgetastet und seine hochsensiblen Röntgenfinger hatten ihm seinen Erstbefund bestätigt: nichts gebrochen …

Klaus redete in einer merkwürdigen, fremden Sprache. Meinte, man sollte sicherheitshalber einen Abstecher zu einem Krankenhaus machen und gab auch sonst Ratschläge, deren Inhalt Rico zwar leidlich bekannt vorkam, die er aber trotzdem nicht verstand. Die Frühlingssonne stach in Ricos Augen, sein Schädel dröhnte – er suchte seine Sonnenbrille und versteckte sich unter seiner Mütze. Nachdem beide eine in lauwarmen Fett erhitzte Schuhsohle verzehrt hatten, startete die Panic Ambulance nach Bad Krozingen – bekannt für seine Reha–Kliniken und das Herzzentrum.

Klaus suchte den Bahnhof und Rico begriff noch immer nichts von dem, was er ihm sagte. „Dr.-Becker-Klinik“ stand über der Eingangstür und kurz darauf wurde Rico in den Raum geführt, in dem scheinbar üblicherweise die Verhöre stattfinden mussten. Eine freundliche Dame verlangte Versichertenkarte, stellte unendlich viele Fragen, bat Rico um Geld und verjagte Klaus schimpfend, als dieser jede Bekanntschaft mit Rico vehement leugnete. Rico wunderte sich noch, als zwei weitere sehr finstere Gestalten die Klinik betraten. Einer lächelte unentwegt und der andere versuchte, unter einem kleinen Kissen seine Hand zu verstecken.

Ausziehen? Wieso ausziehen? Rico erwachte viele Jahre später in einem Zimmer, das ganz anders aussah als die, die er bisher gesehen hatte. Frauen, ganz in Weiß gekleidet, verlangten lächelnd aber nachdrücklich, dass Rico seine Sachen ausziehen soll. Ihm fehlte die Kraft, Widerstand zu leisten und erst als die Lanzenreiter zu einem erneuten, feigen Angriff aus dem Hinterhalt auftauchten, hörte Rico die besorgte Frage, „… und wenn ich hier drücke, tut es auch weh?“

Radiologische Abteilung - Röntgen

Radiologische Abteilung – Röntgen

Rico schwebte in einen anderen Raum. Es war kalt und eigenartige Geräte standen hier. „Aha“, dachte er. „Hier werden also die Verdächtigen gefoltert.“ Wenige Augenblicke später erklärte ihm die Ärztin, dass sein Schlüsselbein eigentlich hätte brechen müssen. Weil es das aber nicht tat, hat es die Bänder die die Schulter umschließen, auf eine beeindruckende Länge gedehnt. „Hmmpf“, antwortete Rico und erklärte damit sehr anschaulich und detailliert, dass er zwar gehört hatte, was die Fremde ihm berichtete, er aber kein Wort von alledem verstand.

Eine Pfütze auf einem Feldweg, der die Landstraße ein Stück begleitete, regte Ricos Fantasie an. Einige Radfahrer waren auf dem Feldweg unterwegs und Rico stellte sich vor, wie sie in den Fluten, die sich durch den Regen der vergangenen Tage gebildet hatten, versinken würden. Sie unterhielten sich über Benzinhähne und Kissen; hin und wieder kam Dschingis vorbei und kitzelte hämisch lachend Ricos Schulter.

Im Fahrerlager sollte das Panic Mobil dann erneut beladen werden – Klaus hatte vorgeschlagen, Rico nach Hause zu bringen. Unter den gegebenen Umständen zwar eine vernünftige und sinnvolle Lösung aber Rico war alles andere als einverstanden. Er wollte doch wenigstens noch den Abend mit den zahlreich vertretenen Forumswemsern verbringen – darauf hatte er sich ganz besonders gefreut. Unerbittlich bestand Nopa auf der Rückreise und traurig fügte Rico sich, leise ahnend, dass Klaus leider Recht haben würde.

Fürsorglich und fast liebevoll kümmerte Klaus sich um ihn. Trotzdem bekam Dschingis Khan immer wieder die Gelegenheit, unaufmerksame Augenblicke zu nutzen und gnadenlos die Lücken in Ricos Deckung zu finden.

„Sieh zu, dass Du ihn heute noch zu einem richtigen Arzt schaffst“, war die Empfehlung, mit der sich Klaus von Andy und dem Rest von Ricos Familie verabschiedete. Die waren ähnlich konsterniert und wussten mit Rico wenig anzufangen.

Tossy. Rico dachte zunächst an einen Hundenamen. Sehr lustig. Nein, Tossy 2 ist die Bezeichnung für die Verletzung, die er bei dem Sturz erlitten hatte. Tossy 2 bedeutet bei den Medizinmännern eine „AC-Gelenkssprengung mit deutl. Hämatombildung und Knochenmarksödem der angrenzenden Knochenanteile. Sehnen und Bänder intakt und gedehnt.

Therapie: Antiphlogistika und Analgetika unter Immobilisation mit Gilchristverband bis Schmerzfreiheit.

Röntgenbild linke Schulter

Röntgenbild linke Schulter

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Der Pate im Odenwald

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Rico hatte einen weitreichenden Entschluss gefasst. Die schwarze Geisha würde ihm zu schade sein, um sie weiter auf der Straße zu plagen. Für die Fahrten zur Arbeit und die kleinen Besorgungen des Alltags würde es ein gutmütiges Arbeitspferd auch tun. Kurzerhand setzte er dieses Vorhaben um und ersteigerte bei einer bekannten Auktionsplattform im Internet eine 28 Jahre alte Honda CB 250 N/T. Zu einem sehr günstigen Preis – einem äußerst günstigen Preis.

Das Eisenpony - HONDA CB 250 N/T - Bj. 1978

Das Eisenpony – HONDA CB 250 N/T – Bj. 1978

Suse würde fortan nur noch in artgerechter Umgebung flitzen und seit Rico die Reifenwärmer auf ähnlich erschwingliche Art erstanden hatte, war seine Ausrüstung im Prinzip vollständig – mehr würde man als Spass– und Gelegenheitswemser nicht brauchen.

Einem sehr hilfsbereiten Menschling war es dann zu verdanken, dass Ricos Eisenpony auch unbeschadet die lange Reise vom Bodensee in das beschaulichbürgerliche Schwarzwalddörfchen überstand – in einem Raumtransporter mit dem wunderlichen Namen „panic mobil“. Bei dieser Gelegenheit lud der Captain des Sternenkreuzers Rico ein, das nahende Wochenende beim Deutschen Supermotopokal in Schaafheim mit ihm zu verbringen – die beste ehemalige Sozia ließ sich bereitwillig überreden.

Odenwaldring Schaafheim

Odenwaldring Schaafheim

Wie gewöhnlich übernahm Rico die Navigation und freute sich, als er entdeckte, dass auf ihrem Kurs gleich mehrere kreisförmige Kreuzungen liegen würden. Schaafheim war Rico nur aus Erzählungen bekannt, oder aus Onboardvideos eines begabten Hobbyfilmers, der diese Strecke allerdings noch nicht zu seinen engeren Favoriten zählen möchte.

„Ey, du kommst hier ned rein!“ Der Torwächter des Odenwaldrings bedeutete Rico auf unnachahmlich charmante Art, dass hinter dieser unsichtbaren Linie das Tragen eines Bändchens notwendig sei. „Ein Bändchen?“ Der Torwächter bemühte sich, anhand einer Schautafel mit farbigen Vergleichsmustern Ricos Frage zu beantworten: kein Bändchen? Kein Gucken!

Die Geschichte könnte an dieser Stelle eigentlich zu Ende sein. Sie würde damit aufhören, dass Rico traurig schluchzend im Sternenkreuzer auf die Rückkehr des Captains und die Rückreise zu seiner Heimatgalaxy wartet …

… aber natürlich geht die Geschichte weiter, sonst wäre es ja keine. Während Captain nopa also unbehelligt seines Weges ziehen konnte, ersann Rico eine außergewöhnlich kluge List. So außergewöhnlich, dass Rico sich vermutlich sogar dabei selbst überlistet hätte, wäre er nicht unerwartet plötzlich vor dem V.I.P.– und Pressezelt gestanden. Eine sehr freundliche, junge Dame begrüßte ihn sehr herzlich und fragte wohlwollend, wie sie behilflich sein könne. Sie konnte ja zu diesem Zeitpunkt nicht ahnen, dass Rico sich auf unglaublich infame Weise den Zugang zur Strecke erschwindeln wollte. Rico unterstellte ihr unausgesprochen, dass sie ihm Schwierigkeiten machen wolle und erst als – der beste Admin im World Wide Web schlichtend eingriff, konnte Rico daran gehindert werden, die gütige Fee weiterhin auf so abscheuliche Weise zu attackieren.

Der weitere Vormittag gestaltete sich weiter wechselhaft. Der eben erwähnte Hobbyfilmer war es auch, dem der bärtige Captain und sein Navigator zuerst begegneten, gleich als sie das Kontrollzentrum des Raumhafens nach weiterer eingehender Prüfung passieren durften. Nach einer höchst unterhaltsamen Anekdote zum Thema „alternative Antriebsmöglichkeiten im Motorsport unter dem Einsatz verbrauchsminimierender Hilfsmittel“, die übrigens nicht minder amüsant erzählt wurde, hatte die Crew des panic mobils Gelegenheit, die Strecke genauer zu besichtigen. Ein Ritual, das Rico schon aus Italien kannte und dessen lehrreichen Hintergrund er schnell begriffen hatte.

Schräge Typen

Auf ihrer weiteren Wanderung begegneten die beiden vielen bekannten und – zumindest für Rico – noch ein paar unbekannten Wemslingen, die mehr oder minder beschäftigt ihre Vorbereitungen trafen. Diese Atmosphäre, das Aroma – eine Mischung aus verbrannten fossilen Brennstoffen, verbranntem Fleisch und verbrannter Haut – waberte über Strecke und Fahrerlager. Neugierige Blicke, kurze Hallos, Händeschütteln, Schwätzchen halten – oh, wie Rico diese berauschende Stimmung liebte.

Den weiteren Tag verbrachte Rico mit seiner Kamera, entdeckte ungewöhnliche Dinge und hielt kleine „Merkwürdigkeiten“ fest: irgendwo hatte er dieses Motorrad und diesen Helm schon mal gesehen? Noch während Rico überlegte, welchen Grund es wohl dafür geben könnte, seine Startnummer mit Tape unkenntlich machen zu wollen – 12 ist doch eine redliche Zahl und an die unzähligen KTMs hatte er sich auch längst gewöhnt – stellte er fest, dass der anonyme Fahrer etwas übermotiviert aus dem Rechtsbogen nach dem Offroad in den folgenden Rechtsknick einbog … und stürzte. KLICKKLICKKLICK! Schlagartig erinnerte sich Rico an Dschingis Khan und seine erbarmungslosen mongolischen Horden, er fasste sich unwillkürlich an seine Schulter.

Bernd Hiemer - am Samstag noch inkognito unterwegs

Bernd Hiemer – am Samstag noch inkognito unterwegs

Die war aber schnell vergessen und so brach auch bald der Abend an. Das geschäftige Treiben ebbte langsam ab und während die Kids fußballspielend die Strecke in Besitz nahmen, widmeten sich Klaus und Rico der Speisekarte des Racinghouse.

Die weitere Beschreibung des Abends erhebt weder Anspruch auf Vollständigkeit, noch können an dieser Stelle alle Details berichtet werden – die Gründe dafür sind mit ein wenig Phantasie aber einfach zu erahnen. Rico wunderte sich über das Angebot von Spareribbs – und deren Mengenangabe in Metern. Wie schon in Italien hörte er später am Abend einige sehr unterhaltsame Geschichten aus der Steinzeit des deutschen Supermoto. Und noch etwas später staunte er über die Schlafkabine des unpanischen Raumschiffes – Rico erlebte seine nächtlichen Träume in völliger Schwerelosigkeit. Das mag auch der Grund sein, warum die Bildqualität des Nachtkinos die sonstige Klarheit vermissen ließ.

Der Sonntag begann, wie es der Name schon sagt, mit Sonne. Sonne satt. So viel Sonne, dass Rico eigentlich mehrere Schutzgläser gleichzeitig hätte tragen müssen, um das gleißende Licht auf ein verträgliches Maß zu dämpfen. Die einzig dazu passende Assoziation sind die Begriffe Netzhaut und Burnout.

Und auch die Geräusche empfand er als eigenartig laut. Der Schmiedehammer in Ricos Kopf lieferte sich ein erbarmungsloses Duell mit Motorenlärm und den fachkundig überzeugenden Kommentaren des erfahrenen Streckensprechers denen sich zu entziehen durch die zahlreichen und flächendeckend verteilten Lautsprecher unmöglich war.

Nachdem das rekordverdächtige Füllungsvermögen seiner Blase Rico ziemlich beeindruck hatte, machten der Kommandant und er sich auf den Weg nach einer üppig sprudelnden Kaffeequelle. Die netten Mädels vom Personal des Roadhouse waren die ersten freundlich blickenden Gesichter, die Rico wiedererkannte. Nach und nach erlangte er Kontrolle über seine Körperfunktionen zurück und versuchte sich an der Bedienung seiner Kamera.

Der Erste, auf den er anlegte, war der Pate, der nun auch offiziell von der Strecke Besitz nahm und die immer zahlreicher werdenden Zuschauer mit einigen entspannten Kostproben seines Könnens verwöhnte.

Der Renntag selbst verlief dann nach dem Motto, alle fahren sich die Seele aus dem Leib und Romain Febvre gewinnt. So kam es also, dass ein 16jähriger Franzose zum König von Schaafheim wurde …

DSR Pilot Romain Fevre auf der 250er Suzuki RM-Z

DSR Pilot Romain Fevre auf der 250er Suzuki RM-Z

Supermoto kann aber gelegentlich einen sehr unansehnlichen Anblick bieten. Beim Startunfall im Hoffnungslauf der Amateure mussten glücklicherweise nur geringe Schäden am einen oder anderen Ego und am Material zur Kenntnis genommen werden. Viel verheerender war jedoch der Schaden, der entstand, als sich ein maßlos untalentierter Plagiator eines Schirmchens bemächtigte und in einem Akt größter Verzweiflung versuchte, die Aufmerksamkeit auf sich und seinen beschirmten Fahrer zu ziehen. Die erschrockenen Reaktionen unter den zahlreichen Familien müssen an dieser Stelle aus Gründen des Jugendschutzes verschwiegen werden. Fest steht, dass das fachkundige Publikum die beklagenswert armselige Imitation sofort erkannte und diese Peinlichkeit fortan keines Blickes mehr würdigte.

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Von den Alten Säcken, dem Eisenpony und dem Tatzenbär

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Andys Oma, eine liebenswerte, rüstige Rentnerin, hatte sich bei einem Surz den Oberschenkelhals gebrochen. Sie musste operiert werden und vorerst schien es, als ob Andys anfängliche Sorge unbegründet wäre, verlief doch alles problemlos. Doch wenige Tage später, Rico verbrachte das Wochenende mit Klaus in Schaafheim, erhielt Andy die Nachricht, dass sich der Zustand ihrer Oma dramatisch verschlechtert hatte. Am folgenden Montag verstarb sie an den Folgen des bei der OP erlittenen Blutverlustes. Die Beerdigung sollte am darauf folgenden Freitag stattfinden, an dem Tag, an dem die ersten Gäste des „TUDGJ“-Events anreisen wollten. Die Abkürzung hat merkwürdig verstrickte Gründe, deren Erläuterung ein eigenes Kapitel in Anspruch nähme.

Andy und Rico überlegten, ob es besser sei, das Fest abzusagen. Letztlich entschieden sie sich aber dann doch dafür und so feierten die Alten Säcke zünftig durch das Pfingstwochenende.

Lisa, Ina und Andy beim TUDGJ

Lisa, Ina und Andy beim TUDGJ 2008

Besonders Andy machte dabei eine Erfahrung, die sich mit den Begriffen „Basaltfeuer, Kupferkessel, Infusionsbesen und Fremdsprachenkenntnisse“ am vorsichtigsten umschreiben lässt, ohne ihre Gefühle damit zu sehr zu verletzen. Derart mit dem Thema vertraut geworden, waren die Pläne für die nächste Feier schnell gemacht: Die MC-AS-Generalversammlung in Vierzehnheiligen.

Josi und Rico beim Bikertreff des MC-Alte Säcke in Vierzehnheiligen

Jo(sie) und Rico beim Bikertreff des MC-Alte Säcke in Vierzehnheiligen

Der Mai verabschiedete sich unerträglich schwül. Wieder eine drückend heiße Nacht. In der Ferne konnte Rico die infernalisch zuckenden Blitze erkennen. Olly Tatzenbär, sein treuer, Hund, der – altersschwach – unter der Schwüle litt, und er unternahmen, wie üblich, den letzten Spaziergang vor dem Schlafengehen. Die Gewitterfront kam unterdessen immer näher und zu Hause angekommen sorgte Rico dafür, dass alle Fenster gesichert waren, denn der aufkommende Wind war böig und entwickelte sich rasch zu einem kräftigen Sturm. Hagel prasselte aufs Dach und das ohrenbetäubende Trommeln wurde nur von dem tosenden Donner übertönt, während gleißende Blitze die Nacht durchschnitten.

Die Findelhündin mit Adelstitel – Lisa von der Huschelwiese, bemerkte es als Erste. Sie hatte sich Schutz suchend unter dem Nachttisch versteckt, bis sie plötzlich ängstlich aufsprang und nicht mehr zu beruhigen war. Rico entdeckte eine Pfütze auf dem Schlafzimmerboden – eine ziemlich große Pfütze. Na toll, dachte er. Jetzt hat das arme Vieh in Panik auf den Boden gepinkelt. Bei genauerer Betrachtung stellte sich jedoch schnell heraus, dass das Wasser immer mehr wurde und zu dem stetig anstieg. In der benachbarten Waschküche drang die Sturmflut durch den Gully ins Haus …

Was folgte, war simple Schadensbegrenzung. Andy und Rico schnappten sich alle verfügbaren Schöpfgefäße, Wischutensilien und Schrubber, um im Widerstand gegen die Flut nicht ganz wehrlos dazustehen.

Und was dann folgte … ist eine Geschichte in mehreren unerfreulichen Folgen – später mehr.

Die Sorge der folgenden Tage galt jedoch mehr Ricos Hund, der, wie erwähnt, schon fortgeschrittenen Alters war. Eigentlich war es der Hund seiner Frau. Andy meinte damals immer, „wenn du Nachtdienst hast, brauchen die Kinder und ich jemanden, der uns beschützt.“ Ricos Gegenwehr hielt immerhin gute vier Wochen – dann entdeckten sie im Tierheim einen Welpen, dessen Pfoten so riesig waren, dass Rico zu der tapsig unbeholfenen Art nur ein Name einfiel: Tatzenbär. Aus dem Welpen mit dem viel zu großen schwarzen Fell wurde bald ein stattlicher Rüde, der allein durch seine äußerliche Erscheinung so manchen Bösewicht hätte vertreiben können. Hätte, … denn Olly, so der Name, den er vom Tierheim bekam, war in Wirklichkeit ein ausgemachter Angsthase. Er hatte Angst vor Schafen, vor Pferden, selbst vor dem Wind hatte er Angst. Er mochte kein Wasser, konnte Hitze nicht leiden und musste immer und überall mit dabei sein: Rico ging zur Mülltonne – Olly kam mit. Rico ging einkaufen – Olly musste mit. Rico ging in den Keller – nein, vor dem Keller hatte Olly auch Angst.

Seither war Olly Tatzenbär schon zwölf Jahre alt geworden und in den letzten Tagen hatte sein Gesundheitszustand sehr gelitten. Die Untersuchung beim Tierarzt bestätigte einen schlimmen Verdacht: Olly hatte ein Osteosarkom, einen aggressiven, schnell wachsenden Knochenkrebs. Die Entscheidung, den Hund einschläfern zu lassen, war so unabwendbar wie schwierig. Dem geliebten Tier weitere Schmerzen zuzumuten wollte Rico keinesfalls zulassen – das treue Herz hatte aufgehört zu schlagen …

Olly Tatzenbär

Olly Tatzenbär – R.I.P.

Rückblende: Beim Frühjahrstraining in Freiburg hatte Rico sich einen Ruf als verwegener Freestyler geschaffen – mit einem seltenen Trick:

No-Grip-Rearwheel-And-One-Foot-Heelclicker-With-No-Bike-Single-Flip-Freehanded-LandingToLazyBoy – ohne geile Mucke oder coole Kameraeinstellungen in Slow Motion. Seit dieser ebenso spektakulären wie schmerzhaften Szene war die Liste der Mimimis wieder um einen weiteren Punkt verlängert. Das eindrucksvolle Farbspiel, dass Rico vorübergehend in einen mobilen Regenbogen verwandelt hatte, war nach und nach verblasst.

Das mühsame Training, das seinen Körper in eine schonungslose Kampfmaschine verwandelt hatte, war erneut nutzlos geworden und ebenso unbeirrbar begann Rico mit dem Wiederaufbauversuch. Gleich das erste Wochenende seines sehnlichst erwarteten Urlaubs würde er zusammen mit 59 weiteren hackfressigen Wahnsinnigen in Villars-sous-Écot verbringen, einer Supermotostrecke, die, der Beschreibung nach, eine perfekte Mischung aus Spa Franchorchamps und Laguna Secca sein soll, inklusive Eau Rouge und Cork Screw.

Die ersten Liegestütze erinnerten ihn spontan an seinen alten Bekannten aus der Mongolei – jedoch kein Vergleich zu dem, was ihm in den endlos qualvollen Stunden der Physiotherapie widerfuhr – jeweils 20 Minuten Folter und Terror. Seit der letzten Behandlung, es musste etwa die Zwanzigste gewesen sein, spürte er aber deutliche Besserung und seine Vorbehalte wichen nun zögerlich der Zuversicht. Auch das arme Stubenvelo wurde nun wieder belästigt und ließ die Hechelei geduldig über sich ergehen.

Resultat der Schinderei: der erste Besuch auf der neuen Strecke bei Karlsruhe endete in einem desaströsen Fiasko der konditionellen Art. Rico hatte alles vergessen – Position und Haltung auf dem Motorrad, Blickführung – Begriffe, von denen er noch nie gehört haben konnte. Zur Auffrischung durfte Rico dann im Offroad immerhin zwei Kurven versuchen, bevor er in der Dritten mangels Talent und Routine einfach umkippte. Der Kupplungshebel musste mal wieder dafür büßen. Der Rest des Abends wechselte zwischen Freude über die teilweise gelungenen Drifts und Ärger über den immer wieder an der gleichen Stelle verpassten Bremspunkt. Mit dem Messer zwischen den Zähnen lässt sich keine Strecke lernen – er hatte wirklich alles vergessen.

Einen Tag später, im kühlen Moos am Ufer der Murg mit Familie und Freunden, waren die Gedanken dann bei seinem Eisenpony. Einige Tage zuvor war es auf einer langen Geraden auf dem Nachhauseweg plötzlich verendet. Die Obduktion ergab ein Loch im linken Kolben.

Lochfraß

Lochfraß

Er würde die Honda ausschlachten und in Teilen verkaufen. Trotzdem gab es auch Grund zur Freude. Das bekannte internationale Auktionshaus hatte Rico zu einer Anhängerkupplung für den Familiendiesel verholfen und mit der Hilfe eines netten Mitmenschen würde er bald mit Suse auf dem Anhänger zu den Strecken gelangen können. Die dringend benötigte Praxis für den Start im Ü-40-Cup, zu dem er sich angemeldet hatte, würde so einfacher zu sammeln sein. Die nächste Gelegenheit dazu würde in Villars sein. Je näher der Termin rückte, um so mehr kribbelte es. Rico fühlte sich an das Gefühl vor der Italienreise erinnert. Und auch das debile Grinsen war wieder da.

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Fatsuit

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Dann fuhr endlich das Jeason#74-Werksteam samt Renntruck, Catering– und Mechanikertruppe vor. Eindrucksvoll, wie plötzlich die Abendsonne hinter dem in Ricos Vorgarten parkenden Schwerlastzug verschwand. Nach einem kurzen Kaffeepäuschen wurden die notwendigsten Kleinigkeiten verstaut und es währe sicher auch noch mindestens Platz für Ric%lettas Schminkutensilien gewesen.

Sekundenbruchteile später hatte Lars einen Stellplatz im Fahrerlager mit netter Nachbarschaft gefunden und der Abend hätte eigentlich geruhsam und störungsfrei ausklingen können. Rico besuchte seinen Freund Klaus, nötigte ihm seine Schlafzimmereinrichtung auf und beim Genuss des einen oder anderen kühlen Getränks wurden die üblichen Anekdoten zum Besten gegeben. Rückblickend lässt sich nicht mehr schlüssig klären, wer den verwegenen Entschluss gefasst hatte: Bei aufziehendem Nebel und Vollmond wurde die Strecke zu Fuß inspiziert und Ricos Vorstellung, hier mit dem Motorrad fahren zu müssen, ließ ein mulmiges Gefühl in ihm entstehen. Das war ja schon mit Schuhwemsen kaum zu schaffen.

Von solchen Eindrücken völlig unberührt blieb unterdessen einer der anonymen K%reaner, der den Abend zunächst sitzend in embryonaler Haltung und später stehend, lässig an einen Anhänger gelehnt, schlafend verbrachte. Bisher noch unbestätigte Quellen wollen ihn allerdings kurz zuvor noch bei einem höflichen Nachbarschaftsbesuch in der Nähe von Pfungstadt gesehen haben, was Zeugen in den späteren Befragungen allerdings nur widersprüchlich zu Protokoll geben konnten. Die Ermittlungen dauern an …

Schnappschußjagd

Schnappschußjagd

Dass der Begriff Morgengrauen schon vielfach zu mehrdeutigen Erklärungen herangezogen wurde ist ja längst nicht mehr neu. Dafür wurde aber das Morgenläuten kurzerhand durch einen, ansonsten eher isoliert lebenden, Mitwemsling aus dem benachbarten Ausland ersetzt – und blieb trotzdem ein relativ einseitiges Vergnügen. Der eben erwachte Zweitaktmotor brüllte seine Lebensfreude munter hinaus und ließ auch den Rest des Fahrerlagers an seiner frühmorgendlichen guten Laune großzügig teilhaben.

Die Fahrerbesprechung gestaltete sich kurz und die Teilnehmer der Wemsfreiheit 2008 ließen es sich nicht nehmen, vollzählig, ausgeschlafen und hoch motiviert eine Geschlossenheit zu demonstrieren, was den mit anwesenden Gästen aus den Niederlanden, Belgien und der Schweiz ehrfürchtiges Entsetzen in das erstaunte Mienenspiel bannte.

Gleich zu Beginn wurden die Wartenden durch Jochens Sturz aufgeschreckt. Mechanix hatte seinen Bremspunkt einigermaßen optimistisch gewählt und wurde für seinen Mut mit heftig geprellten Rippen belohnt. Er musste leider frühzeitig aufgeben. Diesem Beispiel folgend schaffte es auch Rico, an der gleichen Stelle eines seiner gefürchteten Manöver durchzuführen, was in einer anderen Sportart mit dem Ausruf „alle Neune“ bejubelt worden wäre.

Nach und nach eroberten sich die mitgereisten Sumoristi den Circuit. Rico versuchte, zunächst die Schlüsselstellen zu lernen und auf dem Rest des Kurses niemandem im Weg zu stehen. Seine ersten Eindrücke lassen sich mit einem Wort kurz zusammenfassen: GRANDIOS! Die Videos und Fotos, die er vorher intensiv studiert hatte, können nicht andeutungsweise den Charakter dieser außergewöhnlichen Strecke wiedergeben.

Ein lockerer Schwatz hier, die üblichen Neckereien dort – Rico fühlte sich in dieser Umgebung und bei diesen merkwürdigen Leuten einfach sauwohl. Fachsimpeln und dabei Ulis Bratpimmel erfreut bestaunen; die Kinder ersannen erstaunlich kreative Spiele, bei denen Kronkorken und Steine die Hauptrolle spielten. Zwischen den Pausen musste allerdings auch noch gefahren werden. Rico bekam zwar die Bremse wieder in den Griff, aber die Linienwahl und die Ausläufer der französischen Alpen, die merkwürdigerweise hier im Offroad ihren Ursprung hatten, bereiteten ihm noch große Schwierigkeiten. Der Kampf zwischen Überwindung und Kondition endete unentschieden, mehr als fünf Runden bekam Rico nicht hin. Immerhin blieb ihm die Bekanntschaft mit dem Streckenbelag erspart.

Dafür hatte es den Mechanix heftig erwischt. Den Brustkorb voller Prellmarken versuchte Jochen, gute Laune zu verbreiten und sich die Schmerzen nicht anmerken zu lassen. Er hatte sogar den Nerv, Rico zu einer Probe fahrt mit seiner schicken 450er einzuladen, fast aufzufordern. Er konnte nicht ahnen, dass Rico insgeheim fürchtete, dem Edelbike größeren Schaden zufügen zu können. Als er vom nächsten Turn zurückkam, war Jochen leider bereits verschwunden.

Mechanix auf der KTM

Mechanix auf der KTM

Bei den zahlreichen Plaudereien sog Rico jedes Detail in sich auf und bemühte sich, aufmerksam jede noch so kleine Winzigkeit im Gedächtnis zu behalten. Dabei waren die urkomischen Episoden, die vom Ende des Alphabets berichtet werden konnten, kaum zu überbieten. Chris saß, gemütlich an dem speziellen Pudding naschend, auf der Bank, verzog kaum eine Miene und fesselte seine Zuhörer mit unzähligen Kurzgeschichten, die immer wieder von Lachsalven unterbrochen wurden.

Nachdenklich und sehr erschöpft beendete Rico den ersten Tag. Wie alle Hochleistungsathleten mahnte er sich selbst, für ausreichend Schlaf und Erholung zu sorgen, sollte der Sonntag nicht nutzlos verstreichen. In seinen Schlafsack eingekuschelt, das Haupt auf sein geliebtes Kissen gebetet, flogen die Eindrücke noch einmal an ihm vorbei, erinnerte er sich an den vorhergehenden Abend: „Fatsuit“ – Rico musste spontan laut loslachen.

... am Ende des Alphabets

… am Ende des Alphabets

Der folgende Morgen began, wie bei solchen Veranstaltungen üblich: Einige waren kurz nach Sonnenaufgang erwacht, genossen Schokocappuccino, frisch gegrillten Toast oder inhalierten den exklusiven Duft der tabakbesteuerten Hausmarke. Die Füllmenge einer handelsüblichen Männerblase wird allgemein mit ca. 1.500 ml angegeben – ein lächerlicher Durchschnittswert, den Rico ohne Umstände um ein Mehrfaches überbieten konnte. Auf seiner anschließenden Wanderung durch das Fahrerlager begegneten ihm Gesichter, denen er zu dieser Tageszeit noch keine Namen zuordnen konnte – aber er bemühte sich, freundlich zu wirken.

Das erste Highlight bildete der Kaffee, den Lars ihm – eben frisch gebraut – anbot. Almählich erlangte er auch über den Rest seiner Körperfunktionen wieder die Kontrolle und schaffte es ohne größere Zwischenfälle, seine Schutzkleidung anzuziehen. Dabei entdeckte er immer neue Einzelheiten an Jeasons Rennanhänger – genial! Genau so würde ich es auch mal machen, dachte Rico.

Die schwarze Geisha und er rollten ein wenig durch die frische Luft, die Vögel zwitscherten, das Leben ist schön. Schön anstrengend – was ihm einige Minuten später die Gelegenheit gab, den kleinen Parkplatz am Rande der Strecke anzusteuern. Er störte ihn auch nicht weiter, wenn alle ihn mitfühlend betrachteten, als er, wie ein Jagdhund nach Luft japsend, kaum noch die Kraft aufbrachte, das tonnenschwere Mofa senkrecht zu halten.

Nappi testet die schwarze Geisha

Nappi testet die schwarze Geisha

Nappi, der Grafikgott des Forums, stellte sich zu ihm und machte seine angekündigte Drohung war: Rico sollte die RM-Z testen. Irgendeine höhere Macht half Rico dabei, seine letzten Reserven zu mobilisieren. Die Mopeds wurden kurzerhand getauscht, was für „Herrn Rossi“ doch ein willkommener Anlass war, das Glück mal auf einer DR-Z 400 zu suchen.

Schon im zweiten Versuch schaffte Rico es, das nervöse Rennpferd mit einem kräftigen Tritt zum Leben zu erwecken. Er war derart begeistert, dass er die Prozedur gleich noch mal wiederholte – wie er doch den kleinen Knopf am Lenker seiner Zette zu schätzen wusste. Gang rein und der Rest glich einem Comic. Das Rennpferd galoppierte los, ohne sich um Ricos Schreie zu kümmern, als dieser, wie ein buntes Fähnchen am Lenker flatternd, unkontrolliert, mit weit aufgerissenen Augen hinterher gezogen wurde. Weniger als eine Sekunde später hatten die beiden etwa Warp 3 erreicht, als Rico daran dachte, dass die Gerade jetzt bald nicht mehr gerade sein würde. Schon beim Gedanken an den Bremshebel setzte eine Verzögerung ein, die ihm das Gefühl gab, alle Organe würden plötzlich innen an den Brustkorb gequetscht.

Rico beschleunigte wieder etwas, denn bis zum Kurveneingang waren es schließlich doch noch ein paar Kilometer. Direkt, ungefiltert, brachial – und trotzdem funktioniert alles wie von selbst. Das Rennpferd hatte ihn mächtig beeindruckt, denn der anschließende Vergleich mit seiner Suse ließ ihn unvermittelt hart zurück in das Hier und jetzt kommen.

Gruppenbild Wemsfreiheit 2008 - Villars-s/s-Écot

Gruppenbild Wemsfreiheit 2008 – Villars-s/s-Écot

Was danach folgte, muss die Zuschauer an und auf der Strecke mit einer Mischung aus Mitleid und Erbarmen erfüllt haben. Aber dadurch sicherte sich Rico eine Reihe wertvoller Tipps, von denen er einen Teil sogar gleich umsetzen konnte. Er wusste jetzt, wie beispielsweise die Ratterei am Vorderrad im Omega ganz einfach in den Griff zu bekommen war – Danke Heizi. Und als Jan – viermal jünger aber auch viermal schneller – ihm nach der Mittagspause noch ein wenig Linienkunde vermittelte, konnte Rico schon ein Zehntelchen schneller fahren.

Den letzten Schliff gab es dann vom Ende des Alphabets: Haltung und Belastung auf dem Bike – Rico lernte immer mehr und konnte auch irgendwann seine Flugangst bei der Überquerung der Hochgebirgskette überwinden. Völlig platt aber stolz nahm er die Glückwünsche des begeisterten Publikums entgegen. Bemerkungen wie „… gar nicht so schlecht …“ ließen ihn innerlich um einige Zentimeter wachsen.

Akrophobie - Höhenangst

Akrophobie – Höhenangst

Die Veranstaltung endete leider genauso, wie sie begann. Der Abflug von SUI und noch zuvor der Sturz seines unpanischen Freundes sorgten für die negativen Highlights und speziell bei nopa waren nicht nur die gesundheitlichen Folgen drastisch.

Der Entschluss, den Helm an den berühmten Nagel zu hängen und die Stiefel an die frische Luft zu stellen sorgte für zahlreiche betroffene Reaktionen. Mag sein, dass damit ein Wemser der ersten Stunde dem aktiven Sport entsagt, dafür hat das Forum aber einen kundigen Organisator mit fundierten Detailkenntnissen hinzugewonnen …

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Wemsen bei der Rinderunion

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Andy war mit Lisa, Simon und Ansgar für eine Woche in die Toskana geflogen. Rico und Julia hüteten gemeinsam das Haus, versorgten die Huschelhündin und bei der Gelegenheit auch den Kleintier-Zoo der Nachbarn.

Rico nutzte die Zeit, um seine schwarze Geisha in alle Einzelteile zu zerlegen, zu reinigen und mit frischem Make-up auf künftige Aufgaben vorzubereiten. Auch die zwischenzeitlich erworbene Anhängerkupplung war längst eingebaut und wartete darauf, endlich in Betrieb genommen werden zu können.

Nakedbike

Nakedbike

Das ließ sich prima mit einem Krankenbesuch verbinden. Klaus und er wollten den Samstag beim freien Training von Jeti-Racing in Ilshofen verbringen. Dort sollte Florian, ein talentierter Nachwuchsfahrer, die Gelegenheit bekommen, wettbewerbsfähiges Material testen zu können.

Nopa hatte Rico schon lange zuvor angeboten, seinen Anhänger leihweise weiterzugeben. In seiner Garage sei sowieso zu wenig Platz und nach dem Entschluss, die aktive Karriere auf dem Kringel zu beenden, brauchte Klaus den Anhänger ja auch nicht mehr – und so erwarb Rico ein seltenes Schnäppchen. Mit angehängtem Anhänger und den unpanischen Hecken-Ex-Wemsling im Familiendiesel verließ er die Untere Höll und das Elztal.

An die vertauschten Rollen mussten sich beide erst gewöhnen – zumal kaum ein Kreisverkehr den Weg nach Ilshofen schmückte. Dennoch erreichten sie ohne Umwege die Arena Ilshofen, in der sonst unter anderem Tierauktionen stattfinden.

Arena Hohenlohe, Ilshofen

Arena Hohenlohe, Ilshofen

Kaum angekommen, wurden die beiden auch schon von Jens „Kucki“ Kuck, dem Organisator und Chef von Jeti-XTreme Racing, begrüßt und mit frischem, heißem Kaffee bestochen. Streckeninspektion: Das Areal war großzügig und flüssig aufgeteilt, der Offroad entsprach dafür eher den Anforderungen der etwas anspruchsloseren Nachbarn aus dem supermoto1-Forum – ca.0,119‰.

Florian, der Testkandidat, war von Berlin aus via Mitfahrzentrale und anderen Gelegenheiten hierher angereist. Er freute sich über die tolle Möglichkeit, die sich ihm bot, und war nur mäßig, eigentlich kaum merkbar, aufgeregt. Rico erkundete weiter die Strecke, traf die üblichen Verdächtigen und begann damit, die Speicherkarte der Kamera mit Daten zu füllen – gut, dass die digitalen Medien dem Autodidakten hier hilfreich und verständnisvoll zur Seite stehen.

Der Wemsberichterstatter hatte sich zwischenzeitlich strategisch günstige Punkte auserkoren, beobachtete und notierte die rasanten Fortschritte des „flotten Otto“. Um die finanziellen Grundlagen zu schaffen, kam Klaus auf eine grandiose Idee: Der Bart musste ab! Warum? Das steht hier.

Der flotte Otto

Der flotte Otto

Der Nachmittag gehörte dann einem Anderen: Harald Ott war an die Strecke gekommen und testete die „Grebenstein“–Wettbewerbs-Aprilia von Manolito Welink, der die Saison vorzeitig wegen Verletzung beenden musste. Ott entlockte den Staunenden rund um die Strecke wiederholt bewundernde „Ahhs“ und „Ohhs“.

Harald Ott auf der "Grebenstein"-Aprilia von Manolito Welink

Harald Ott auf der „Grebenstein“-Aprilia von Manolito Welink

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Herbstlaub

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Tja, und dann war es soweit – endlich. Rico verbrachte die vergangenen Tage damit, den Anhänger funktionell und dekorativ aufzurüsten. Neue Halterungen für die Zurrgurte und die Auffahrrampe brachte er an, und der Holzboden bekam eine frische Lasur. Die Alubox mit Werkzeug, Hubständer und Ersatzteilen bekam ihren Platz und dann schob er die schwarze Geisha zum ersten Mal auf ihre neue Transportbehausung. Stolz betrachtete er das Gespann und die Vorfreude auf den Abend in Maxau stieg.

Gespann

… angespannt

Nach dem er sich mühsam durch den Stau des abendlichen Pendlerverkehrs auf der B10 gequält hatte, entdeckte er gleich den Marlboro–Mann und gemeinsam erledigten sie die Anmeldeprozedur. Abladen, Umziehen und dann konnte es losgehen.

Das Übliche: Rico war schneller als sein Schatten und nach Runde 5, es kann auch die Vierte gewesen sein, war es doch mal Zeit, dem geschundenen Material eine kleine Pause zu gönnen. Wie gut, dass es in der Feuerpause Brösels Musteraufkleber zu bestaunen gab und danach konnten alle erholt den nächsten Turn starten.

Wie ein Welpe, der Herrchens Hausschuh entdeckt und verschleppt hat, jetzt genüsslich daran nagt, bis nur noch Winzigkeiten, flächendeckend verstreut, übrig sind – so nagte Rico am Hinterrad der – zugegeben langsamsten – KTM. Das schaffte er immerhin für knapp dreieinhalb Runden, bis ein kleiner Fehler beim Bremsen ihn jeder noch so geringen Chance zum Überholen beraubte. Er konnte danach zwar schnell wieder Anschluss finden, die Kraft für eine neue Attacke fehlte aber.

Chancen dazu gab es zuvor wenigstens ein paar. Da die schwarze Geisha zu wenig Leistung hat, konnte er nur versuchen, sich in den langsamen Teilen einen Vorteil zu nutzen. Der endlos lange Linksbogen führt auf einen kleinen Linksknick zu. Hier schaffte Rico es immer wieder sich daneben zu setzen – innen, außen, aber es war zu wenig Platz, um sicher an seinem „Gegner“ vorbei zu kommen. Höchstens mit der oft zitierten Brechstange. Das muss aber nun wirklich nicht sein, schon gar nicht, wenn es um Nichts geht. Auch hier hatte er noch viel zu lernen.

Der Abend klang aus und inzwischen war die Dunkelheit hereingebrochen – merkwürdig früh. Und auf dem Weg nach Hause bemerkte er die ersten fallenden Blätter des Herbstes. Die Saison würde bald zu Ende gehen …

… aber vorher sollte noch das Jahresabschlußwemsen gefeiert werden. Welcher Anlass eignet sich dazu besser als der Tag der Deutschen Einheit – der 3. Oktober.

Spickzettel

Spickzettel

Udo, der Urheber der Karlsruher Supermotoinitiative, hatte im Forum einen entsprechenden Hinweis gegeben. In kürzester Zeit war das Event durchgeplant und die zahlreichen Anmeldungen bestätigten den Erfolg der Idee. Einige wollten direkt im Anschluss nach St. Wendel, dem Finale der IDM-Saison und der letzten Zusammenkunft vor dem Winter. Schließlich sollte eine einmalige Aktion – die Hecke muss weg! – den Fonds für Nachwuchsracer weiter füllen. Auch Rico hatte diesen Termin schon fest verplant und so fieberte er dem entgegen.

Die schlechte Nachricht zuerst – das Ganztagestraining in Karlsruhe musste abgesagt werden. Zunächst Gerücht und dann Gewissheit – ein Mitbürger, auf den die umweltzerstörenden Verrückten auf dem Gelände der Verkehrswacht seit dem ersten Tag wie ein rotes Tuch wirkten, hatte es mit Blockwartmentalität und Akribie erreicht, dass zunächst mal eine erneute rechtliche Überprüfung von Verordnungen und Vorschriften den Buchstaben des Gesetzes zu ihrer ordnungsgemäßen Geltung verholfen werden solle. Udo blieb also nichts übrig, als den Trainingsbetrieb vorläufig einzustellen und die Wartenden mit Zwischenmeldungen auf dem Laufenden zu halten. Ein genauer Blick in den Pachtvertrag der Verkehrswacht mit der Stadt Karlsruhe hätte allerdings genügt – die Verkehrswacht dürfe nur mit ausdrücklicher Genehmigung untervermieten. Und genau diese Zustimmung wollten die Verantwortlichen bei der Stadtverwaltung nicht erteilen. Die Hoffnung war letztlich vergebens …

Ein Ersatz für den Saisonabschluss war schnell gefunden. Rico und viele andere würden stattdessen am Training des Team G.F. in Kronau teilnehmen. Zeitgleich würden auf dem Harzring die „Super-Six“ stattfinden, zu denen Klaus und er als „mental and technical Support“ anreisen wollten. Dazu hätte Rico zwei Tage frei benötigt, die ihm sicher zugestanden hätten, wäre sein Abteilungsleiter nicht schon beim Thema „Frei für Freiburg“ auf Block gegangen. Steigende Frustration, viele ernste Gespräche und ein Stelleninserat hatten dafür gesorgt, dass er sich völlig neu orientieren und Bewerbungen verschicken würde. Auch da hieß es zunächst abwarten …

Auch das Eisenpony hatte einen neuen Besitzer gefunden, der ihm das Gnadenbrot reichen würde. In der kurzen Zeit war die kleine Honda ein günstiges Transportmittel gewesen und der nahezu kostenneutrale Verkauf hinterließ wenigstens hier keinen bitteren Nachgeschmack.

„Frei für Freiburg?“, fragte der Abteilungsleiter. „Nun ja, es ist ja so …“, weiter kam er nicht. Rico war von der schroff ablehnenden Haltung seines Chefs überrascht. Schließlich hatte dieser ihm noch vor wenigen Wochen zugesagt, dass es immer eine Möglichkeit gäbe, wenn es um die Wemserei geht. Schnell entwickelte sich ein weiterer Disput, der einer langen Reihe ähnlicher Vorfälle nur ein weiteres, trauriges Kapitel hinzufügte. Auch diesmal war Rico nicht gewillt, die ungerechte Handlungsweise ohne Weiteres zu akzeptieren – er konnte letztenendes aber nichts dagegen unternehmen. Noch nichts, den seine Bewerbung wurde ohne Einladung u einem Vorstellungsgespräch zurückgereicht.

Der Herbst hat aber auch seine schönen Seiten. Spätestens beim Genuss von Andys Zwiebelkuchen und neuem Wein war er mit der Welt wieder versöhnt. Besonders, da dieser neue Wein seine Unschuld längst verloren und dafür Rico einen abwechslungsreichen Abend gestattet hatte.

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Akutes Abdomen

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Das Finale der deutschen Meisterschaft in St. Wendel rückte zunehmend in den Vordergrund. Im Forum herrschte rege Betriebsamkeit und detaillierte Pläne zur Verpflegung, zur Unterstützung der teilnehmenden Fahrer und sonstige Strategien zur Bewältigung des Wochenendes wurden ausgetüftelt. Rico war voller Vorfreude, hatte die Akkus der Kamera und deren Ladezustand mehrfach überprüft, das Reisgepäck schon zusammengestellt und freute sich ein Loch in den Bauch.

Das sollte wiederum das Stichwort für eine ebenso ungewollte wie unabänderliche Änderung seiner eigenen Pläne sein: Es fing zunächst mit „harmlosen“ Bauchschmerzen an. Rico konnte sich später nur noch daran erinnern, wie ihm in der Klinik eine Magensonde gelegt wurde. Eine Erfahrung, die er rückblickend und mit gewohnt zurückhaltender Sachlichkeit als „sehr interessant“ beschrieb. Wenn man die Qual, das heftige Erbrechen und das mit „unangenehm“ noch behutsam umschriebene Fremdkörpergefühl im Rachen vorläufig als nebensächlich betrachtet.

Später, im Einleitungsraum für die Narkose, wurde ihm dafür eine Erster–Klasse–Reise mit sonderbar grellbunten Farben mittels des Erzeugnisses eines nicht näher bezeichneten Herstellers pharmazeutischer Produkte bewilligt. Da konnte nicht mal das Endoskop, das samt Tubus in seine Nase geschoben wurde, für nachhaltiges Entsetzen sorgen.

Schlagartig verblassten die Farben und das Nächste, woran Rico sich erinnern konnte, war das nervende Gehupe des Überwachungsmonitors, der ihn durch seine automatische Alarmfunktion immer wieder lautstark dazu aufforderte, gleichmäßig und ausreichend tief zu atmen.

Einige Zeit später, inzwischen hatte er die Überwachungsstation verlassen dürfen, wurde ihm von einer netten Schwester eine selten kostbare Gaumenfreude angeboten: ungesüßter Kräutertee. Eigentlich sehr traurig, dass Rico die freundliche Einladung so undankbar und noch dazu zwar wortlos aber schmerzwimmernd ablehnte.

Zumindest konnte er sich jetzt über drei neue Körperöffnungen freuen, die er zu gegebener Zeit, weil gut erreichbar, genauer kennen lernen wollte – der passende Begriff für die Suchmaschine: diagnostische Laparoskopie (zu deutsch: Bauchspiegelung).

laparoskopische OP

laparoskopische OP

Er wurde auf die chirurgische Station verlegt und konnte seine Freude kaum verbergen, als ihm die Schwester mit einem Platz in einem Vierbett–Zimmer überraschte: Leider sei die Station ohnehin hoffnungslos überbelegt und auf der Notaufnahme könne er nicht bleiben, erklärte sie entschuldigend. Da lag er nun, neben einem Patienten, der „colonresiziert“ war, einem Anderen mit frisch operierter Bauchspeicheldrüse und einem Weiteren, dessen Art der Erkrankung Rico Anlass zu unzähligen fantasievollen Spekulationen gab. Das bevorzugte Radioprogramm der Herren – SWR4-Baden Württemberg – wurde zwar auch aus seinen Rundfunkgebühren finanziert, stand aber inhaltlich in krassem Gegensatz zu seinem Bedürfnis nach Ruhe und Erholung. Immer wieder dämmerte er weg und glitt dabei durch eigenartige Traumlandschaften – wenigstens die Narkoseärztin hatte es gut mit ihm gemeint.

Visite kurz zusammen gefasst: die Entscheidung über einen günstigen Zeitpunkt zur Entlassung obliegt – trotz Ricos aufmerksamen und wiederholten Hinweises auf die desolate Belegungssituation der Klinik und trotz des vorgeschobenen „wichtigen Termins am Wochenende“ – immer noch dem behandelnden Arzt und sei zu dem nicht verhandelbar. Der ursprünglich befürchtete Darmverschluss konnte aber in der OP ausgeschlossen werden, die Voruntersuchungen mit Ultraschall und die Laborwerte deuteten nun am ehesten auf eine fulminant verlaufende Gastroenteritis hin. Im Hintergrund berichtete der Nachrichtensprecher zeitgleich von den Verhandlungen über die Beitragsanpassung der Krankenkassen.

Andy hatte im Forum seinen Account genutzt, um die „Krankmeldung“ weiterzugeben. Kurz nacheinander erreichten ihn zwei Anrufe, die es dann aber schafften, seine Stimmung, die inzwischen den Nullpunkt weit unterschritten hatte, zumindest kurzfristig wieder ins Gleichgewicht zu bringen. „Nopa“ und „gassini“ ließen es sich nicht nehmen, ihm wenigstens am Telefon ihre Besserungswünsche aufzunötigen. Rico freute sich sehr über die Gespräche, nicht nur, weil sie ihm die Gelegenheit gaben, wenigstens mental für einen Augenblick die freudlose Umgebung zu verlassen.

Erwähnenswert blieben höchstens noch die respektabel ausgedehnten Atempausen eines Mitpatienten, der es immerhin während etwa eines Drittels seines Schlafs schaffte ganz ohne Atmung auszukommen, um aber dafür den Rest der Zeit damit zu nutzen, alle anderen an seiner tiefen Einspannung geräuschvoll teilhaben zu lassen. Oder die zwar freundlich dargereichten aber ansonsten eher verzichtbaren Bemühungen der Krankenhausküche, den Nährstoffhaushalt der Patienten im Gleichgewicht zu halten. Der Rest ist Tagesroutine im Krankenhaus, wie sie täglich Millionen anderer Patienten widerfährt und auch Rico hier keine Ausnahmestellung beanspruchen konnte.

Hartnäckigkeit zahlt sich aber dann doch irgendwann aus. Der Stationsarzt gab schließlich entnervt auf und versprach, wenn die Blutwerte sich stabil im Normbereich bewegten, würde er auch die Wunddrainage entfernen und Rico schleunigst in die Obhut seiner Familie entlassen.

Die neu erworbenen Körperöffnungen erwiesen sich relativ schnell als Reinfall. Einerseits, weil mit ihnen nicht der geringste Spaß zu haben war und andererseits, weil die Hämatome, die sich darunter gebildet hatten, nicht wirklich zu experimentellen Selbsterkundungen einluden.

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Haftungsverzicht

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Wenigstens der Abschluss der Saison sollte dann noch versöhnlich sein. Rico hatte schon freitags sämtliche großen und kleinen Kleinigkeiten ge- und verpackt, natürlich später alles mehrfach kontrolliert und abends schließlich mit einem Schluck aus der Bügelflasche auf den Samstag beim Team G.F. angestoßen.

Wie üblich fand Arthur erst nach langer Suche Rico in der Liste der braven Frühzahler. Und wie üblich begrüßte Carolin Reiber, die sich auf unerklärliche Weise in der Gestalt Jürgen Löfflers verbarg, die Wemswilligen mit gewohnt rollendem „R“, das auf gestenreiche Unterstützung wohlwollend verzichten konnte.

Fahrerbesprechung

Fahrerbesprechung – Saisonabschluß 2008 mit dem Team G.F. in Kronau

Technische Abnahme, Gruppeneinteilung und Zeitplan – dann konnte es endlich losgehen. Diesmal wollte Rico alles unter Kontrolle behalten. Das Missgeschick von Freiburg sollte ihm nicht wieder geschehen. In Villars hatte er es ja auch geschafft, mit dem ersten Wurf alle Neune abzukegeln. Die erste Runde, gemächliches Tempo – Runde zwei … und in der Doppellinks nach der Geraden passierte es: ein klitzekleiner Zupfer am Gas und die Geisha stand sofort quer. Hui, da war Rico doch schlagartig geweckt. Die Streckentemperatur war in der vergangenen Nacht in einstellige Bereiche gesunken und die Reifen erreichten nicht die notwendige, vertrauenerweckende Betriebstemperatur. Das war, nicht zuletzt dank des Ratschlags eines ausgewiesenen Reifenluftdruckexperten, schnell behoben. Wissenschaftliche Akribie wich jahrelanger Erfahrung und für den Rest des Training blieb Rico auch von solchen ungewollten Zwischenfällen verschont – sieht man mal vom letzten Turn ab, wo mal wieder der Offroad zu einer ausgiebigen Bodenprobe einlud.

Dazwischen lief es teilweise richtig gut und Rico schaffte es, immer wieder mehrere flotte Runden am Stück fehlerfrei und halbwegs gleichmäßig zu fahren. Und so wurde er auch mit kleinen Erfolgserlebnissen belohnt – er konnte sich gegen die meisten Fahrer seiner Gruppe behaupten und ihm gelangen sogar einige Überholmanöver – das Grinsen im Gesicht wechselte sich immer wieder mit konditionsschwachem Hecheln ab.

... mit der Schwarzen Geisha in Kronau

… mit der Schwarzen Geisha in Kronau

Die Mittagspause füllte Rico mit Fahrwerkseinstellungen an seiner Suse. Ronny von White Power Suspension Germany stand ihm mit viel Geduld und noch mehr Fachkompetenz zur Seite. Mit seinen Wunderhänden, einem Klick hier und einem Dreh da zauberte er die berühmte Sekunde ins feinjustierte Fahrwerk – wenn auch 75% davon sicher reine Kopfsache waren.

Rico wartet

Rico wartet …

Die Forumskollegen hatten sich unterdessen darauf geeinigt, bodenständige Leistungen zeigen zu wollen und lediglich der Fachmann für wirklich schmutzige Angelegenheiten ließ es sich nicht nehmen, dem Begriff Haftungsverzicht eine völlig neue Bedeutung geben zu wollen, in dem er rundenlang den Offroad querbeschleunigend verließ. Da konnten selbst Michi Herrmann, Ralf Rausch und der schnelle Rest nicht annähernd konkurrieren. Unbestätigten Gerüchten zu Folge, sollen eben diese Schnellwemser ihren daraus entstandenen Kummer bei der abendlichen Abschlußveranstaltung in Unmengen von alkoholischen Getränken ersäuft haben.

Auch der Grafikgott hatte sich dazu entschlossen, die Aufmerksamkeit der zwischenzeitlich angereisten Jessica Baruth auf sich zu ziehen und präsentierte kurzentschlossen den neuesten Trick aus seinem reichhaltigen, spektakulären Stuntrepertoire: Frontwheel-Lock-up-Lowside-to-lazy-Boy … dafür wurde er immerhin mit einer Taxifahrt ins Fahrerlager belohnt – ein Privileg, das neidvoll vom Publikum bestaunt wurde. Rico ließ es sich nicht nehmen, das Makita-Rennpferd, das er ja schon in Villars etwas näher kennen lernen durfte, zurück in seinen Stall zu geleiten.

Felice und Jürgen verteilen die Gewinne

Felice und Jürgen verteilen die Gewinne

Weitere sensationelle Nachrichten sickerten dann später bei der traditionellen Preisverleihung durch: Es wurden Proben eines Präparates verteilt, dass es eigentlich erst im kommenden Jahr gibt – manchmal sind Wemser ihrer Zeit weit voraus …

Wieder November. Im Forum wurden eifrig Pläne für die nächste AZP geschmiedet. Die Spendenaktion für Flo lief auf Hochtouren und auch sonst war alles im grünen Bereich.

Johnny Kotletti hatte Rico gefragt, ob er Lust hätte auf einer der elsässischen Strecken ein wenig Cross zu trainieren. Natürlich – egal wie blamabel es werden würde … man muss alles mal probiert haben. Ein kurzes Telefonat später waren alle notwendigen Absprachen getroffen. Dank ausgezeichneter Beschreibung konnte Rico ohne Umwege die Strecke finden – obwohl das einzige Hinweisschild eher unauffällig am Straßenrand angebracht war. Die kurze Begrüßung auf Französisch reichte völlig, um den Streckenbetreiber zu dem Satz, „sie können auch deutsch sprechen“ zu veranlassen. Satte elf Euro reicher und einen nachdenklichen Blick auf das abgefahrene Straßenprofil an der Geisha werfend bedeutete er Rico mit einer Handbewegung, dass ihm das Gelände uneingeschränkt zur Verfügung steht.

Nach einer Informationsrunde, auf der Johnny ihn auf die Besonderheiten des Kurses aufmerksam machte, konnte Rico sich auch von der Bodenbeschaffenheit ein genaueres Bild machen. Die neuen Handprotektoren schützten dabei sehr effektiv den Kupplungshebel.

Rico versuchte durch Senken des Luftdrucks den Reifen wenigstens ein Minimum an Grip abzufordern – erfolglos. So blieb ihm nichts weiter übrig, als mit leidlich flüssiger Fahrweise Kurs und Linie zu lernen. Die Pausen dazwischen dienten dem eingehenden Studium der Crosser, die routiniert und mit beachtlichem Sprungvermögen Rico stille Bewunderung abnötigten. Außerdem erholte sich die übersäuerte Muskulatur, während er um Luft ringend den anderen Fahrern zusah. Inzwischen hatte er sich auch auf die schmierig-schwierigen Bedingungen eingestellt und konnte sich sogar zu kleinen Sprungeinlagen mit immerhin sichtbarer Flughöhe steigern.

Johnny hatte die Strecke als „überwiegend trocken“ bezeichnet. Das schmatzende Geräusch des Vorderrades und das Heck, das auch auf den Geraden wie ein aufgeregtes Lämmerschwänzchen wedelte, ließen durchaus einen geringfügig abweichenden Eindruck vom Belagzustand entstehen. Trotzdem verbesserte sich Rico zusehends und zwischenzeitlich hatte er richtig Spaß an dem „neuen“ Fahrgefühl. Kein Zweifel, hier würde er zukünftig weitere Ründchen drehen.

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Plattensammlung

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Mit Frost und Schnee hatte für Rico der überwiegend freudlose Teil des Jahres begonnen. Die Zeit der Ehrungen war gekommen. Nopa war zur Weltmeisterschaftsfeier von Bernd Hiemer eingeladen worden, der in der abgelaufenen Saison den Titel in der S1-WM gewonnen hatte. Rico durfte ihn als Gast begleiten und war daher bester Stimmung. Drei Backbleche mit Ricos „Pizza dopo il gusto del Papa“ später waren die Pläne für den Samstag gemacht – Klaus war schon am Vorabend angereist und so blieb noch Gelegenheit, gemeinsam ein Fläschchen Blähbrause zu lenzen.

Udo und Klaus

Klaus und Udo

Noch vor Reisebeginn informierte nopa sich aus erster Hand über den Stand der Dinge am Verkehrsübungsplatz in Karlsruhe-Maxau. Udo Nagel, Inhaber einer Motorrad-Meisterwerkstatt und Dealer u.a. für die beliebten Schlittenhunde aus italienischer Fertigung, hatte mit riesigem Engagement und einigem Herzblut auf dem besagten Gelände im Industriegebiet eine bestens präparierte Trainingsmöglichkeit für die Schräglinge geschaffen. Doch schon bald gab es erhebliche Schwierigkeiten. Wie schrieb Schiller einst in Wilhelm Tell: „Es kann der Frömmste nicht im Frieden bleiben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt.“ Zunächst wurden die Trainingssitzungen am Nachmittag ausgesetzt und zuletzt musste die Tagesveranstaltung am 3. Oktober komplett abgesagt werden.

Auf dem Weg ins Allgäu – die Meisterfeier sollte in Hiemers Heimatort Friesenhofen bei Leutkirch stattfinden – gab es kaum Berichtenswertes, wenn man mal von Ortsnahmen wie „Ewigkeit“ und „Urlau“ ohne „B“ absieht. Mit Einbruch der Dunkelheit zog Nebel auf und machte die ohnehin schon schwierige Navigation fast unmöglich. Natürlich ließ Rico sich nicht aus der Ruhe bringen und dirigierte mit gewohnter Lässigkeit souverän durch nahezu unerschlossene Landstriche. Die verborgenen Pfade, die nur den Eingeborenen bekannt sein konnten, hatten jedoch schnell ihren Schrecken verloren und als nopa einen passenden Stellplatz für das Panic Mobil gefunden hatte, konnte es endlich losgehen – fast pünktlich.

KTM SX-F 450 SM

KTM SX-F 450 SM

Die Halle war festlich geschmückt, zur Stirnseite erhob sich die Bühne, auf der das WM-Motorrad – oder zumindest eines seiner sicher zahllosen Geschwister – zusammen mit einer ansehnlichen Sammlung an Pokalen Platz gefunden hatte. Dahinter hatte der örtliche Musikverein Stellung bezogen, der die Pausen mit bemerkenswert gut präsentierten, modern orientierten Titeln überbrückte. Im Vordergrund das Rednerpult, an dem die Interviews geführt wurden. So war bald jeder Gast mit den wichtigsten Informationen versorgt – vom Vater, vom Bürgermeister, von Hiemers Grundschullehrer und natürlich von Bernd selbst. Den Abschluss des offiziellen Teils bildete dann auch dessen Dankesrede, an deren Ende Rico dann aber doch dezent enttäuscht die Erwähnung der beschwerlichen Anreise im Panic Mobil vermisste. Das Allgäuer Musikkorps wich alsbald einem eigens engagierten DJ, dessen Leistungen für den Rest des Abends am Besten mit „schwankend“ zu beschreiben sind.

Interview mit Bernd Hiemer

Interview mit Bernd Hiemer

Zwischen den ersten Gläsern und der Ankunft des besten Admins im www, in dessen Gefolge sich „Jessi“ Rutzl und seine Freundin befanden, kam der große Augenblick: Klaus und Rico näherten sich dem Champion und durften Bernds Hand schütteln. Mit der Konsequenz, dass er sogleich beschloss, diese Hand nie wieder waschen zu wollen. Rico outete sich, in dem er dem sichtlich überraschten Gastgeber gestand: „Ich habe alle deine Platten!“

Der weitere Verlauf ist dann auch schnell berichtet. Die Performance des erwähnten DJs gab immer wieder Gelegenheit zu einer kleinen Zigarettenpause vor der Halle – und das, obwohl Rico schon seit weit mehr als zehn Jahren nicht mehr rauchte. In einer dieser Pausen lernte er den persönlichen Mechaniker von Ruben Xaus, der in der kommenden Saison für das neue BMW-Team in der Superbike-WM starten würde, kennen. Der fachsimpelte mit Rutzl und erklärte, dass die beteiligten Entwicklungsingeneure gewissermaßen an den Bedürfnissen vorbei orientiert seien – ein Satz, der sich doch nachhaltig einprägte.

Unterdessen hatte der Forumsadmin den Pressekoordinator von „Youthstream“, Daniele Rizzi, in seine Gewalt gebracht und zwang ihn, Unmengen des angebotenen Erzeugnisses aus der Region zu trinken. Die ersten drei Gläser eines dort ansässigen Brauers waren durchaus lecker und süffig aber danach schmeckte es einfach nur nach Bier. Der dauerhafte Genuss verursacht allerdings schwerste Sprachstörungen und lässt die Menschen der Region in einer Mischung aus bayerisch, schwäbisch und alkoholisch kommunizieren.

Auch Ricos Fremdsprachenkenntnisse mussten unter Beweis gestellt werden und so absolvierte er das mündliche Examen mit „Dove sono il gabinetti?“ (Wo sind die Toiletten?) Signore Rizzi zeigte sich augenscheinlich tief beeindruckt.

Über die Details des weiteren Verlaufs gehen die Meinungen auseinander. Zum einen, weil zu vorgerückter Stunde die Konzentrationsfähigkeit einiger Gäste stark nachließ – zum andern, weil verschiedene Begebenheiten nicht einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden können. Einzig die geplante Liveschaltung zu einer Außengruppe einer bekannten Splitterfraktion im südwestbadischpfälzischen Wemsgebiet scheiterte an simplen technischen Gegebenheiten: in der riesigen Friesenhofen-Arena war leider kein Mobilfunknetz zu finden.

Immerhin wurde Rico später erfolgreich von nopa daran gehindert, sich ein Bein oder andere wichtige Körperteile abzusägen, während er den Rest der Nacht dazu nutzte, die Brennholzvorräte aufzustocken.

Der Morgen begann sonnig aber frostig. Bei Tageslicht sah die Landschaft freundlich, fast einladend aus, wenn man mal vom Schnee absieht. Das erste vorbeikommende Schnellrestaurant sollte die beiden mit dem zunächst Lebenswichtigsten versorgen: Kaffee. An zwei verschiedenen Theken konnte bestellt werden. Während Rico in kürzester Zeit einen durchaus genießbaren Cappuccino im Supersize-Me-Format erhielt, wartete nopa noch immer darauf überhaupt bestellen zu können. Rico beschloss, sich vor der Tür noch etwas von der Sonne und der frischen Morgenluft zu gönnen. Irgendwann war der Riesenbecher geleert und von Klaus war noch immer nichts zu sehen. Etwas beunruhigt betrat er wieder den Laden und entdeckte seinen Freund an der Theke. Dieser klärte ihn ungefragt auf: Das bestellte Croissant war nicht zwingend Bestandteil des Wortschatzes der Mitarbeiter in der Küche. Auch die Zubereitung von Blätterteig, Schinken und sonstigen Zutaten schienen wenig mit dem Begriff Fastfood gemeinsam zu haben. Als Klaus schließlich doch noch seine Bestellung erhielt, wollte sich die Dame hinter dem Tresen mit einer kleinen Bestechung entschuldigen: „Darf ich ihnen als Entschädigung eine Apfeltasche anbieten?“, fragte sie. Ohne nopas Antwort abzuwarten entgegnete Rico: „Nein danke! So viel Zeit haben wir leider nicht.

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Ein unmoralisches Angebot

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Die PM kam unerwartet: „Hi Rico, hab mir da was überlegt: Wie du weißt hab ich gerade ne Yamsel zu verkaufen. Außerdem such ich für meine Freundin ne DRZ. Du hast ne DRZ und bräuchtest doch eigentlich mal was Schnelleres….. Passt doch eigentlich ganz gut?!?!?! Hast evtl. Tauschinteresse?“

Ob Rico Interesse hätte? Welche Frage! Die nächsten Stunden verbrachte er damit, im Internet sämtliche verfügbaren Informationen zur YAMAHA YZ 450-F, so das angebotene Modell, zu sammeln. Begeistert, fast euphorisch berichtete er der besten ehemaligen Sozia von allen davon. Ihr Verständnis hielt sich in überschaubaren Grenzen und überhaupt konnte sie ihre Freude erstaunlich gut verbergen.

Die Details zu dem Deal wurden verhandelt und so ergab sich für beide Seiten ein akzeptables Ergebnis. Auch Andy hatte sich irgendwann mit dem Gedanken abgefunden und signalisierte indes sogar ein gewisses Wohlwollen. Ende Januar würde die Abwicklung stattfinden. So wurde es dann auch Zeit, das vernachlässigte Fitnessprogramm wieder aufzunehmen. Denn nun hatte Rico keine Ausreden mehr. Und das letzte sinnvolle Tuning konnte er nur an sich selbst vornehmen.

Ohnedies: Er kämpfte sich auch durch die bürokratischen Hürden, die eines dieser wenig hinreißenden Nennformulare des DMSB bereithält. Wieder einmal war es einer der Erfahrenen, der ihm in einem kurzen Telefongespräch die entscheidenden Tipps gab. Schließlich fand er die notwendigen Unterlagen im Briefkasten, das Warten endete mit dem erhofften Ergebnis. Er hielt ein kleines, scheckkartengroßes Plastikstück in Händen, dass ihn in der anstehenden Saison als Inhaber einer C-Lizenz auswies.

Dann kam abermals alles ganz anders. Eine weitere Nachricht im Postfach musste er vorab mehrfach lesen, um den Inhalt tatsächlich zu begreifen: Der Tausch sollte nun doch nicht erfolgen, die Suzuki war nicht weiter von Interesse. Dessen ungeachtet würde das Angebot, die Yamaha zu den ausgehandelten Konditionen bekommen zu können, trotzdem eine Zeit lang weiter bestehen.

Rico kämpfte die anfängliche Enttäuschung nieder, inserierte bei einer der gebräuchlichen Verkaufsplattformen für Kraftfahrzeuge und kaum zwei Wochen später hatte die Suzuki einen neuen Eigentümer gefunden. Als dieser nach einer ausgiebigen Probefahrt beim Abnehmen seines Helmes nicht gegen dieses bewusste Grinsen ankämpfen konnte, wusste Rico: Die Geisha würde zukünftig einem Anderen dienen. Sein Blick folgte ihr noch lange, als sie, auf den Anhänger geladen, schließlich entschwand.

Abschied - Suzuki DR-Z 400 SM

Abschied …

In der folgenden Woche war es soweit – endlich! Da stand sie also: langbeinig, grazil, und augenzwinkernd herausfordernd – kein seelen- und makelloses Modepüppchen sondern eine echte Grande Dame: Feudal, äußerst attraktiv und dazu erfahren … Ja sicher, Suse war zuverlässig, jederzeit verfügbar, willig – eine Geisha. Aber hier begegnete Rico einer echten Lady mit aristokratischer Ausstrahlung, die hofiert, umgarnt, erobert werden wollte

„Ich war nur schnell mal in der Garage … äääh … wollte nur was nachschauen“, war in den folgenden Tagen der meist gehörte Satz. Rico trotzte dem ungemütlichen Wetter und verbrachte viel Zeit mit der blauen Lady.

riconized Yamaha YZ 450 F

riconized Yamaha YZ 450 F ’05 Supermoto

… aber ist es nicht merkwürdig? Rico wollte morgens, es musste etwa gegen 4 Uhr 42 gewesen sein, noch mal kurz in die Garage. Da raunzte ihn die bestehe Ehefrau von allen unwirsch an, ob die nächtliche Rennerei jetzt bald mal ein Ende hätte!?! Und was er überhaupt nicht verstehen konnte: Wieso durfte die Yamsel nicht mit ins Schlafzimmer – sie ist doch stubenrein …

Schnee, Schnee, Schnee. Wie erwähnt, war Ricos Verhältnis zur weißen Pracht eher von stiller Begeisterung geprägt. Jetzt, Mitte Februar, würde er lieber mit dem Mountainbike ein wenig den nördlichen Schwarzwald unsicher machen, als sich auf dem ungeliebten Stubenvelo abzuschinden. Und „ungeliebt“ ist dabei noch die freundlichste Formulierung, um die Beziehung zwischen Rico und dem stummen Folterutensil zu beschreiben. Andy meinte zwar, er habe eine „festere“ Figur bekommen – aber die Quälerei wurde dadurch trotzdem nicht erträglicher. Seine Kondition hatte sich dafür spürbar gebessert – immerhin.

Aus den Erfahrungen der letzten Zeit wusste Rico jedoch nur zu gut, wie wichtig eine gewisse Fitness ist, um in diesem Sport wenigstens ein wenig Spaß zu haben – von Erfolg ganz zu schweigen. Um so in die Saison zu starten, wie er sich das vorstellte, wie sein stiller Ergeiz es beanspruchte, wollte er aber wenigstens die Vorbereitung optimal gestalten. Jetzt gab es einfach keine Ausreden mehr.

Oh, wenn es doch nur endlich so weit wäre. Die blaue Lady schaute jedes Mal vorwurfsvoll wenn Rico sie in der Garage besuchte; wollte ihm zu verstehen geben, dass sie nicht den weiten Weg aus Bayern in den Schwarzwald auf sich genommen hatte, um dann tatenlos, unbeschäftigt zu warten.

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Daumendrücken und Stoppelcross

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Von extremer Unterbewemsung befallen, diese zeitweise Benachteiligung teilte Rico allerdings mit den meisten anderen Forumisti, sank der Launepegel knapp über den Gefrierpunkt. Genau wie die Temperaturen, die sich auf ähnlich niedrigem Niveau hielten und nicht im Geringsten gewillt waren, auch nur einen Hauch von Frühling zuzulassen.

Einen Tag in der Woche frei, trockenes Wetter und ein Anruf in Walldorf: Eine halbe Stunde später waren die Lady und Rico unterwegs um die erste gemeinsame Ausfahrt zu wagen. Er war überrascht. Seit dem letzten Besuch am Waldparkring hatte sich einiges verändert. Wichtigste Änderung: Die Strecke war etwas umgebaut und mit neuem Belag versehen worden.

Während Rico die Yamaha und sich selbst vorbereitete, versuchte er sich auf die Dinge zu konzentrieren, die bisher immer zu folgenreichen Fehlern geführt hatten. Er würde also nicht von der ersten Sekunde an Attacke fahren sondern sich langsam und behutsam mit Strecke und Motorrad vertraut machen.

Die Schinderei auf dem Hometrainer hatte sich auch gelohnt. Ohne spürbare Ermüdung konnte Rico etwa 30 Minuten durchfahren, bevor er sich die erste Pause gönnte. Das Fahrwerk war so sensibel, dass er förmlich spüren konnte, an welchen Stellen der Belag Grip lieferte oder nicht. Er justierte die Hebeleien und probierte dabei verschiedene Varianten.

Was dann letztlich zum Sturz führte, konnte er nicht sagen. Die Spuren, die er später am Reifen fand, waren eindeutig: überbremstes Vorderrad. Vielleicht hatte es ja schon ausgereicht, den Bremshebel eine Raste in der Griffweite zu ändern … ja, er bremste wie gewohnt und schlagartig knickte die Front ein.

Ein paar Kratzer und ein gerissener Heckfender waren das Ergebnis. Die Protektoren hatten ihre Aufgabe gut gemacht und das Schlimmste verhindert. Einmal kräftig durchgeschüttelt. Die Blessuren an Ricos Ego waren schon bitter genug, aber als der Arzt ihm erklärte, dass der Daumen gebrochen sei, war er kurz ziemlich entmutigt. Mindestens drei Wochen würde der Daumen ruhig gestellt sein müssen und damit würde auch das Training in Freiburg wieder ohne ihn stattfinden.

Rico staunte nicht schlecht. Die kleinen lokalen Mimimis hatten sich über Nacht in ein großes generalisiertes Aua gewandelt. Um so mehr Respekt hatte er vor den Bücklingen, die, nach einem fulminanten Abflug im Samstagstraining, kalt lächelnd am nächsten Tag ein komplettes GP-Rennen bestreiten.

Gepriesen als optimale Trainingsmöglichkeit für die Ü40-Cup-Offroadsaison und glänzende Gelegenheit, die Partytauglichkeit der betagten Teilnehmer nach dem langen Winter zu überprüfen, wurde im Rahmen des Waldäcker Parkfestes auf dem Stoppelacker in Mühlacker eine Motocross-Veranstaltung „ohne Renncharakter“ – so die augenzwinkernde offizielle Bezeichnung – ausgetragen.

Den passenden Hinweis dazu fand Rico auf der Ü-40-Cup-Homepage: „Der Kurs ist absolut 17-Zoll-tauglich und bei genügend Startern wird eine spezielle 17-Zoll Klasse eingerichtet.“ Diese Ankündigung war Grund genug, seinem Erfahrungsschatz in der unbefestigten Landschaft zu neuen Eindrücken verhelfen zu wollen. Bis zum Freitag waren immerhin neun Fahrer in dieser Kategorie gemeldet und so würde Rico in jedem Fall ein Top-Ten-Ergebnis feiern können.

Schon bei der Anreise erinnerte er sich für einen Sekundenbruchteil an das italienische Abenteuer: Da meldete der Verkehrswarnfunk doch, dass jemand auf irgendeiner Autobahn der Republik „ein Kissen verloren“ hätte. Wer kann den so unvorsichtig sein? Rico würde SEIN Kissen NIE aus den Augen lassen.

Und auch die Ausschilderung vor Ort glich der, die er schon in Italien bestaunt hatte. Sparsam und kommunikationsfördernd: „Entschuldigen sie, bitte. Ich suche …“ Das wortlose Achselzucken hätte Rico nun in jede erdenkliche Richtung interpretieren können. Er ging davon aus, dass seine Phonetik nicht den lokalen orthoepischen Normen entspräche, was sich zu seinem Leidwesen später häufiger bestätigte, und wählte eine andere Taktik. So fand er intuitiv das Fahrerlager #2, bevor er davon erfuhr, dass es auch ein Fahrerlager #1 gab. Egal. Obwohl, so egal nun doch wieder nicht. Dieser Standort hatte Vorteile aber eben auch einen Nachteil … wie sich etwas später herausstellen sollte.

Die Organisation hatte bei der Bestätigung der Nennungen ein scheinbar bisher unbekanntes Verfahren angewandt, welches sich selbst nur höchst widerwillig einem erkennbaren System unterziehen wollte. Die nächste Suche galt also der Rennleitung. An einem Anhänger mit Werbebeschriftung, auffallend unauffällig am Streckenrand abgestellt, war eine junge Frau damit beschäftigt, sehr beschäftigt auszusehen. „Entschuldigung?“ „Sehen sie nicht, dass ich beschäftigt bin?“ „Ähem, ja … ich suche die Rennleitung?“ „Ich BIN die Rennleitung!!“ Rico hatte sich also doch tatsächlich von ihrem äußeren Eindruck täuschen lassen – kurzer Jeansrock und ein Top, das mehr zeigte, als es verbarg. Dass damit möglicherweise die falschen Attribute betont würden, war der jungen Frau möglicherweise nicht aufgefallen. Das gilt natürlich nur im Zusammenhang mit ihrer Tätigkeit als Rennleitung – in anderen Bereichen hätte sie damit sicher größere Erfolge erzielt, dessen war er sich sicher.

Den folgenden Dialog naturgetreu wiederzugeben, würde Rico als frauenfeindlichen Macho entlarven – nicht zuletzt deshalb strebte er auch ein rasches Ende der formellen Abwicklung an. Zumindest war damit aber jeder Verdacht auf einen tiefergehenden professionellen Anspruch endgültig ausgeräumt.

In Ricos Rücken hatte sich inzwischen ein großer Teil der „Pfungstädter Befreiungsfront“ und deren Gefolge ins Fahrerlager #2 geschlichen, dort eifrig Landraub betrieben und somit das zwar unsichtbare aber trotzdem nicht zu übersehende Forumsbanner gehisst.

Die Begrüßung brachte Rico schnell hinter sich und kümmerte sich erleichtert um die Vorbereitung der eigenen Lagerstätte. Die musikalische Untermalung hierzu kam von der überdimensionierten Beschallung des Nachbargrundstücks und war, wenn man Ricos musikalischen Geschmack als Maßstab anlegen mag, schon im mehrstellig negativen Bereich – aber dafür immerhin schön laut.

Forumskollege Brösel hatte sich von einigen Ausrüstungsgegenständen getrennt und so nahm Rico die Vorbereitungen für das erste freie Training in Angriff. Lernen, Eindrücke sammeln, Gaudi haben – mit dieser Zielsetzung hatte er das „Messer zwischen den Zähnen“ zu Hause gelassen und begab sich gemütlich rollend auf Streckenerkundung.

Die Slicks gaben ihm auf dem staubig losen Untergrund kaum Halt und so war es ihm unmöglich, auch nur ansatzweise einen Grenzbereich auszuloten – schaffte es auch nicht, der Yamaha einen gemeinsamen Kurs vorzuschlagen. So waren erste Erfahrung und Lernerfolg schmerzhaft miteinander verknüpft: Wenn man über den Anlieger hinaus in den treibsandähnlichen Untergrund steuert, gibt es blaue Flecken. Aber fehlende Technik, fehlende Kraft und fehlendes Talent glich er mit Eifer und Hartnäckigkeit aus – sogar die mittelgebirgshohen Hügelchen hatten bald ihren Schrecken verloren und es begann sogar richtig Spaß zu machen, sie mutig zu überhüpfen. Da kümmerte es ihn wenig, dass der Rest des Feldes ihn mehrfach mit Lichtgeschwindigkeit überholte.

Stoppelcrossen

Stoppelcrossen

Die beeindruckende Staubentwicklung zwang den Veranstalter dazu, die Strecke wässern zu lassen und die örtliche Feuerwehr sorgte mit entschlossenem Einsatz für Besserung – kurzfristig. Denn damit entpuppte sich die Strecke überraschend als grandioses Schlammbad, dass, zur großen Freude vieler Teilnehmer, zu ausgiebigen Fangopackungen einlud.

So beschloss Rico, den ersten Tag als aktiver Supermotoheld mit zweifellos weltmeisterlichen Ambitionen, kräfteschonend ausklingen zu lassen. Gemeinsam mit seinem Nachbarn, der im Forum den martialisch anmutenden Namen „Messerharry“ trägt, machte er sich auf die Suche nach Verwertbarem, dass die eingebüßten Kalorien in vielfältiger Form den ausgemergelten Körpern wieder zuführen sollte. Alkoholische Getränke verwandelten sich in Stronzooos Mobilkühlhaus zu grellbuntem Stangeneis und der Gott der Holzkohle forderte die üblichen Opfergaben. Zwischenzeitlich hatte auch der Organisator des Ü-4zig-Cups seine Drohung umgesetzt und war mit jungfräulich glänzendem Sportgerät erschienen. Schmatzend wurden die üblichen Beleidigungen ausgetauscht und Anekdoten zum Besten gegeben. Rico sog diese Eindrücke gierig in sich auf.

Derweil verschaffte sich der eigens engagierte Barde, der entschuldigend oder drohend seine Herkunft mit „Steiermark“ angab, immer wieder schmerzhaft laut Gehör. „Country Roads“ und „Let It Be“ durfte er dabei zu den populärsten Beispielen seines akustischen Verbrechens zählen, wobei seine Tatwaffe, die Gitarre, noch am Besten „in Stimmung“ blieb.

Während einige der mehr oder weniger aktiven Wemser noch gewissenhaft am Ausgleich ihres Flüssigkeitsdefizits arbeiteten, schlummerte Rico bereits selig im Familiendiesel, der für dieses Wochenende mit allem erdenklichen Schlafkomfort ausgerüstet wurde.

Vom Nachbargebäude waberte früh lieblicher Kaffeeduft herüber und so fragte er die fleißigen Mitarbeiter, ob er denn ein Schlückchen des erquickenden Gebräus für sich erwerben dürfe. Höchst erfreut nahm er die Einladung an und entledigte sich bei der Gelegenheit in dem eigentlich für Angestellte vorgesehenen gekachelten Raum der drückendsten Dringlichkeiten. Der Tag fing prächtig an.

Ein kleiner Spaziergang über die Strecke dämpfte seine Zuversicht etwas. Mit ihm war nur Stronzooo mit reinen Slicks angetreten. Dessen mangelhaften Leistungen in Physik machten sich nun wieder bezahlt. Rico konnte nur staunend und heimlich bewundernd anerkennen, was Rainer auf dem losen Untergrund zu leisten im Stande war. Er nahm Harrys Angebot an, den Slicks mit dem Reifenschneider etwas Profil zu geben.

Bei der ungeduldig erwarteten Fahrerbesprechung wurde ein korrigierter Zeitplan vorgestellt, der später noch mehrfach korrigiert wurde. Die Trainingssitzungen am Vormittag verliefen ohne Zwischenfälle und Rico hatte schließlich ein gewisses Maß an Gleichmäßigkeit gefunden. Gleichmäßig langsam zwar aber eben konstant.

Im Publikum hatte er bekannte Gesichter entdeckt und freute sich riesig über den überraschenden Besuch aus seinem Stammforum, den Alten Säcken. Als später noch Gassini mit seiner hübscheren Hälfte am Streckenrand auftauchte, war der Motivationsschub perfekt.

le-mans-start

Le-Mans-Start …

Der Le-Mans-Start – außerhalb von Le Mans eher selten und beim Supermoto durchaus unüblich – verlangte den Fahrern schon fast alles ab. Das lag aber weniger an deren biologisch bedingten körperlichen Malessen als an der schlechten Sicht, bei der die Motorräder in der großen Entfernung nur noch schemenhaft zu erkennen waren. Rico freute sich über einen guten Start und wurde erst nach der Hälfte der ersten Runde vom bis dahin Letzten überholt. Für den Rest des Rennens fehlte ihm anschließend jede Erinnerung. Er konzentrierte sich darauf, keine Fehler zu machen, freute sich über den Jubel des Publikums und seine gelungene Taktik, das Feld geschlossen vor sich hertreiben zu wollen. Und das, obwohl ihm gegen Rennende seine Hände und Unterarme auf unerklärliche Weise abhanden kamen. Die Anzeige der letzten Runde war ihm da schon fast egal.

Es dauerte eine ganze Weile bis Rico wieder ins Hier und Jetzt zurückkehrte. Er hatte es irgendwie geschafft, die Yamaha auf dem Hubständer zu parken, Helm und Handschuhe auszuziehen. Merkwürdig schwer so ’ne Hand, dachte er sich. Seine Arme brannten, in seinem Kopf pochte es. Er hatte vielleicht das Rennen nicht gewonnen, dafür aber einen viel größeren Sieg errungen. Da war die Platzierung nebensächlich geworden.

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Es wird schon wieder hell …

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Rico saß am Schreibtisch, blätterte in einer Hochglanzbroschüre mit dem bedeutungsvollen Titel „Deutscher Supermoto Pokal – Nendingen/Tuttlingen 5.-7. Juni 2009“ und fand auf der Seite mit der Überschrift „Ü40“ seinen Namen. Etwas weiter vorne im Heft hatten sich die Honoratioren – Oberbürgermeister, Ortsvorsteher, der ADAC-Motorbootreferent – pflichtschuldigst ihrer Laudatio zum „1. Race in Town“ entledigt. In eigenwilliger Weise bemerkenswert waren die Formulierungen des eben erwähnten Motorbootreferenten, der von der „Supermotowelle“ und der Hoffnung für „schönstes Rennwetter“ sprach.

Rico fand Zeit- und Lagepläne und die Listen der Fahrer der einzelnen Klassen. Und tatsächlich stand in der erwähnten Rubrik immer noch sein Name. Er konnte es kaum fassen.

Nendingen Flyer

Nendingen Flyer

Die Resonanz im Forum verfolgend, freute er sich über die zahlreichen Bilder, die nicht nur von bestechend guter Qualität waren – sie zeigten auch einen Fahrer, der, zumindest auf den Fotos, erstaunlich zügig unterwegs zu sein schien. Doch der Reihe nach.

Als Forumskollege Heizi vor langer Zeit die Frage stellte, wer den Lust hätte, an einem von ihm initiierten Ü-40-Cup teilzunehmen, waren die resultierenden Folgen noch nicht mal ansatzweise zu erahnen. Rico hatte sehr spontan, einigermaßen unbedarft aber um so erfreuter zugesagt. Mit der Yamaha stand ihm ja auch ein passendes Fahrzeug zur Verfügung. Zwar musste er aus verschiedenen Gründen die ersten beiden Läufe auslassen aber diesmal waren alle Vorbereitungen planmäßig und reibungslos verlaufen und so konnte das große Abenteuer Supermotorennen stattfinden.

Immerhin hatte er vor diesem Wochenende schon ganze drei Gelegenheiten nutzen können, sich mit der Yamaha vertraut zu machen – und sie sich mit ihm. So konnte er auf immense Erfahrung vertrauen und machte sich auf den Weg Richtung Bodensee.

Schon die Wetterprognosen ließen vermuten, dass die Veranstaltung möglicherweise nicht ganz den erhofft störungsfreien Verlauf nehmen würde. Aber es bedurfte nur einiger persönlicher Nachrichten im Forum und es war ihm gelungen, wenigstens einen passenden Regenreifen für das Hinterrad zu ergattern. Für die wenig gebräuchliche 16,5-Zoll-Felge am Vorderrad musste ein vorgeschnittener Slick die nötige Haftung bereitstellen.

Die Anfahrtsbeschreibung zum Kap der schrägen Hoffnung versprach auch wieder die beliebten kreisförmigen Kreuzungen und so fand der Tross – die beste ehemalige Sozia von allen, eine Freundin  und sein siebenjähriger Sohn begleiteten ihn – direkt zum Wellcome-Center, untergebracht im Treppenhaus der örtlichen freiwilligen Feuerwehr.

Auch die Pfungstadtdelegation war wieder mit großem Gefolge erschienen und Rico wählte einen Platz in nicht zu aufdringlicher Nähe. Ein paar geschüttelte Hände, herzhaft gewürzt mit gehässigen Begrüßungsformeln und kurze Zeit später steckte er seinen Claim im Fahrerlager ab.

Der Rest des Abends verlief wie immer, wenn sich die hässlichsten Hackfressen des Forums zu ihren bizarren Versammlungen treffen und daher soll an dieser Stelle auf die erschütternden Details verzichtet werden, die in erschreckender Weise denen aus St. Wendel ähnelten, wo wenige Wochen zuvor ein IDM-Lauf stattfand.

Auch nopa fand den netten Platz im Fahrerlager nahe der Ü-40-Zentrale, aber die Strecke bot ja im Umfeld mannigfaltige Ausweichzonen und das Fahrerlager war echt weitläufig.

„Was?! Mit den Reifen willst du fahren?“ „Och, das wird schon“, räumte er äußerst überzeugend die Bedenken einiger Fahrer seinen Vorderreifen betreffend aus. „Eine geheime Spezialtaktik, du verstehst?“ Die Mischung aus mildem Lächeln und Stirnrunzeln reichte als Antwort völlig aus.

Die angekündigten Schauer hatten den Wetterfröschen recht gegeben und Rico stand vor der Frage, wie er den Slick am Hinterrad gegen einen passenden Regenreifen tauschen könne. Glücklicherweise erklärte sich Otti – multitalentierte Improvisationstechnikerin, Teamchefin, Managerin von Flos Rennstall und ganz nebenbei seine Mama – sich bereit, Rico beim Wechseln zu helfen. Staunend und mit heimlicher Bewunderung beobachtete er, wie sie geschickt der Yamaha zum notwendigen Nassgrip verhalf. Nebensächlich zu erwähnen, dass er selbst noch nie mit Regenreifen, geschweige denn mit Slicks bei Nässe unterwegs war.

Copyright by Chr. Klee

Ü-40-Cup beim Race in Town 2009 – Copyright by Chr. Klee

Das erste Training hatte er also ausgelassen und somit konnte er sich stressfrei auf die nächste Sitzung vorbereiten. Die Mischung aus Slick vorne und Regenreifen hinten sorgte auch im Vorstart für Verwunderung, die aber nicht lange anhielt, weil die Yamaha sich standhaft weigerte anzuspringen. Dass dies ohne den gezogenen Kaltstart viel besser funktioniert, durfte Rico kurz danach erleichtert in die große Kiste mit der Aufschrift „Erfahrungen“ einsortieren. Was er dann erlebte, war seinen Hoffnungen für das Zeittraining eher abträglich. Auf dem nassen Belag fand er nur wenig Grip was ihn zunehmend verunsicherte, zumal der Rest des Feldes erheblich besser mit den Bedingungen zurecht kam.

Bei der üblichen Streckenbegehung am Vorabend hatte er sich schon seine eigenen Gedanken zum Zustand und Verlauf der Strecke gemacht. Inzwischen mehrten sich die kritischen Stimmen der Cupfahrer, die wegen der fehlenden Sturzräume und der Enge der Strecke mehr als besorgt waren. Leider gipfelte diese Diskussion in teilweise polemische Anfeindungen, die nun gar nicht zu Ricos Bild von Supermoto passen wollten.

Das Qualifying des Ü-40-Cups stand an und schnell machte sich die fehlende Trainingssitzung des Vormittags bemerkbar. Rico orientierte sich mehr nach hinten und kam selber zu keiner freien Runde – nur gut, dass mit der frühzeitigen Entscheidung, die Veranstaltung ohne Wertung abzuhalten, die größten Gefahrenpunkte entschärft waren.

Photo by K.

Ü-40-Cup beim Race in Town 2009 – Photo by K.

Startplatz 26 – angesichts der Umstände und der völlig fehlenden Rennerfahrung eigentlich zu erwarten, aber was Rico störte, war der Zeitabstand zum Nächstplatzierten. Egal. Er hatte sich den widrigen Bedingungen gestellt und freute sich über ein paar anerkennende Bemerkungen des Cup-Oberhaupts.

Rico war viel zu aufgeregt, um sich über das Mittagessen Gedanken zu machen. Die Zeit bis zum Beginn des ersten Laufs verbrachte er damit, den Anderen zuzusehen. Die ADAC-Junioren und der S3-Nachwuchs gingen dabei ebenso herherzt zur Sache wie die Amateure und die Fahrer der Klassen C1 und C2.

Dann war es schließlich soweit. Rico rollte zum Vorstart, gab dem Kontrolleur zu verstehen, dass er die Anweisungen verstanden hatte und stellte den Motor ab. Endlos verstrichen die Sekunden. Er sah sich um, versuchte sich zu konzentrieren und ging im Kopf noch mal den Streckenverlauf durch, der zum wiederholten Male verändert worden war. Der Vorstart wurde geöffnet, 2 Einführungsrunden angezeigt und der Mann mit den roten Flaggen hastete durch die Startreihen, um die Meute auf die Strecke zu entlassen. Zum Ende der Einführungsrunden fuhr Rico zu seiner Startposition und stellte fest, dass der Motor aus war.

am Start

… am Start

Kickstarter raus – Ampel rot – Rico trat auf den Kickstarthebel – Ampel aus – die Yamaha sprang endlich an und Rico hastete dem Feld hinterher. Schon in der ersten Kurve schmierte ihm fast das Vorderrad weg – der Slick fand auf dem feuchten Belag keinen Halt. So konzentrierte er sich in den folgenden Runden darauf, niemandem im Weg zu stehen und als Überrundeter „brav“ Platz zu machen.

Im Geschlängel beim Lagerhaus fehlte schlagartig der Vortrieb. Rico rollte mit stehendem Motor aus und dies an einer Stelle der Strecke, an der ohnehin sehr wenig Platz war. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als die Yamaha an den Rand zu schieben, um dort den Motor erneut zu starten.

Und so würde Rico vermutlich noch heute auf dem Kickstarter rumtrampeln, wenn ihm nicht irgendwann vorher schlicht und ergreifend die Kraft ausgegangen wäre. Enttäuscht und mutlos schob er das Motorrad zurück ins Fahrerlager, stellte es auf den Hubständer und entschied, dass für heute Feierabend sein sollte. Inzwischen kehrten die Anderen zurück und schickten fragende Blicke rüber. Er hatte keine Lust, der Ursache auf den Grund zu gehen, die Fehlersuche hatte er frustriert auf den nächsten Morgen verschoben. Entweder der Motor würde starten oder der zweite Lauf müsste ohne ihn stattfinden.

Der Abend verlief wieder feuchter als erwartet, was aber weniger am wechselhaften Wetter lag. Und „wechselhaft“ ist noch die freundlichste Bezeichnung für das, was in der Wetterküche produziert wurde. Immerhin wurde in diesem Zusammenhang auch der Satz des Wochenendes kreiert: „Awass, do hinne weerds jo schon widder hell.

Im Festzelt wussten die eigens engagierten Tonkünstler, das erwartungsvolle Publikum standesgemäß zu unterhalten. Glücklicherweise war der Zeitplan gnädig und so würde die erste Sitzung des Sonntags zu erträglicher Zeit stattfinden. Viele nette Menschen fanden sich unter Ricos Pavillon ein und so wurde beim gemütlichen Bierchen bis spät in die Nacht extremverbalisiert – zu Deutsch: Schwätzle gehalten.

Am Sonntag zeigte sich Zeus wohlwollend. Es war warm und freundlich und Rico überlegte sich schon, ob er den weichen Regengummi gegen den mitgebrachten Slick tauschen wolle. „Schauerrisiko am Nachmittag 90%“, war eine Warnung, die er ernst nahm und so fiel die Entscheidung, die Reifenkonfiguration so beizubehalten nicht schwer – aber Alternativen gab es ja sowieso fast keine. Klaus wackelte zu Rico rüber, warf ein paar Gemeinheiten in die Runde und tigerte an die Strecke.

„Schau mal in den Ausgleichsbehälter“, war einer der Ratschläge, die er wegen der Startprobleme bekommen hatte. „Wenn der voll ist, kann der Motor nicht anspringen.“ Der Ausgleichsbehälter war fast leer. Eine kurze Verdachtskontrolle des Tanks und er stellte fest … der Tank war ebenso leer. Merkwürdig. Er hatte doch vor dem ersten Lauf extra noch mal kontrolliert. Na gut, ein paar Tröpfchen Kraftbrause könnten ja nicht schaden. Er füllte nach, trat auf den Kickstarter und der Motor jubelte kraftvoll los, als wolle er seine wiedergewonnene Lebensfreude förmlich in die Welt hinausschreien. Rico sank völlig konsterniert in den Campingsessel. Wie kann man nur sooo dumm sein?, fragte er sich kopfschüttelnd.

Er füllte den Tank bis zum Rand und absolvierte entspannt das Warm-up. Die Wetterbedingungen ignorierte er ebenso wie die Frage, ob nun mit oder Offroad gefahren werden solle. Hier gab es zwei Stellen, mit denen er überhaupt nicht zurechtkam: Der Anlieger vor dem Table, in dem er keinen Halt für das Vorderrad fand und der Linksknick vor dem Sprung aus dem Offroad heraus – dort ging es ihm ähnlich. An dieser Stelle hatte er sogar einmal den Motor abgewürgt, als die Yamaha, übellaunig und heftig bockend wie ein Rodeopferd, versuchte, ihn abzuwerfen.

Im Vorstart zum zweiten Lauf wollte der Motor ihm erneut den Dienst verweigern. Würde alles vorbei sein, bevor es überhaupt angefangen hatte? Wieder trat er auf dem Kickstart herum, als er hinter sich er dieses unsägliche Geräusch hörte, das ihm so vertraut war: Chrrrrkkk. Forumskollege Brösel hatte Rico zu Hilfe eilen wollen und hatte dabei jeden Halt verloren. Die Yamaha sprang an, Streckenwart und Rico warfen Brösel einen verwunderten Blick zu und dann war es soweit: Stiefel zu? Brille fest? Tank voll? Motor läuft? Gang drin? – die Ampel erlosch und Rico war mittendrin. Der „Roarrr“ – das grollende Dröhnen, das entsteht, wenn das geschlossene Feld aus dem Stand unisono brüllend zur ersten Kurve beschleunigt. Dieser Roarrr verursacht schon dem Außenstehenden Gänsehaut. Hier, mitten im Feld, war das Gefühl unbeschreiblich. Ricos Taktik, nichts mit der Brechstange zu versuchen und sich aus allen Rangeleien heraus zu halten funktionierte.

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SamV kassierte ihn im Offroad und Rico schrie ihm üble Verwünschungen nach. Vor der Spitzkehre und zu Beginn des Geschlängels auf dem Fabrikgelände konnte Rico die Schnelleren gefahrlos vorbeilassen.

Harry, eben der mit dem martialischen Nick, hatte dezent übermotiviert im Offroad die Orientierung verloren und grüßte freundlich die Entgegenkommenden, während er das Zweitaktmonster mit wuchtigen Tritten wieder zum Leben erweckte. Noch knapp drei Minuten zu fahren. Ricos Kondition hielt, wenn man die Taubheit seiner Arme großzügig vernachlässigt. Die Strecke bot keine Zeit zum Ausruhen und die Anzeige behauptete, es seien noch drei endlos lange Minuten zu fahren.

Achim hatte scheinbar etwas die Lust verloren und Rico gelang es, im Offroad an ihn vorbei zu fahren. Bei Start und Ziel wurde die kleine Tafel mit der „1“ in die Luft gehalten – letzte Runde. Holger, mit der magischen 42 gestartet, hatte sich eingangs der ersten Kurve verschätzt und Rico kam auch an ihm vorbei. Ein letztes Mal durch den Offroad, die Spitzkehre nahm er ganz eng und im Geschlängel wurde die blaue Lady plötzlich breit wie ein Möbellaster. Noch einmal über den bösartigen Gullydeckel, der dem Zaundoc gleich zweimal zum Verhängnis wurde, und ab Richtung Ziellinie. Rico wurde zum ersten Mal nicht als Letzter abgewunken und fühlte sich, als ob er eben Mauno Hermunen und Thierry van den Bosch im Entscheidungskampf um die WM niedergerungen hätte. Ende der Zielgerade stand der Cup-Chef und folterte seinen Hinterreifen mit einem gewaltigen Burnout. Rico feierte mit, indem auch er direkt vor den Zuschauern den Hinterreifen kräftig durchdrehen ließ. Standesgemäß für jemanden, der gerade seine erste Weltmeisterschaft gewonnen hatte.

Burnout - Copyright by Marc Stibbe

Burnout – Copyright by Marc Stibbe

Er sprang von der Yamaha, küsste die beste ehemalige Sozia von allen, die neben der Streckenausfahrt auf ihn wartete, klatschte sich mit den anderen Fahrern ab und umarmte jubelnd die ganze Welt.

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Finale furioso

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Wieder war endlose Bettelei notwendig, um Ricos Chef von der lebenswichtigen Notwendigkeit seiner Teilnahme am Saisonabschluss in Bilstain zu überzeugen.

Als Rico seinerzeit von der Austragung des Ü-40-Cups erfuhr, hatte er sich in den Kopf gesetzt, unbedingt teilnehmen zu wollen. Es kam aber alles etwas anders: Am Nürburgring konnte er wegen des gebrochenen Daumens nicht starten. Schaafheim war die erste Enttäuschung, als es um das in Aussicht gestellte Wohlwollen bei der Dienstplangestaltung ging – Rico musste arbeiten, obwohl er so gerne gestartet wäre. Nendingen war seine aufregende Premiere in einer offiziellen Rennveranstaltung. Für Lichtenberg hatte er sich extra Urlaub genommen und erfuhr darauf, dass das Rennen eine Woche vorverlegt werden würde – „… Dienstplanänderung? So kurzfristig nicht möglich!“

Rückblickend war also die Saison nicht unbedingt so verlaufen, wie er sich das gewünscht hatte. Aber die Belgium Supermoto Masters sollten nun wenigstens in dieser Hinsicht für einiges entschädigen. Der Cup durfte im Rahmenprogramm starten und hier einen würdigen Höhepunkt und gleichzeitig das Finale feiern.

Die Vorbereitungen liefen für Rico eher durchwachsen. Schon vor dem geplanten Training in Walldorf hatte er festgestellt, dass der linke Gabelholm Öl verliert. Obwohl die Gabel entspannt und der Simmerring gereinigt waren, konnte die Leckage nicht endgültig behoben werden. Rico musste mit einer angeschlagenen Yamaha nach Belgien reisen. Mit dem Ferienende in den Niederlanden und Nordrhein-Westfalen war damit auch für prächtig gefüllte Autobahnen gesorgt. Dennoch gelang es nicht nur bei Tageslicht das Fahrerlager zu erreichen sondern dort auch einen gemütlichen Stellplatz für Pavillon, Zelte und die sonstigen Unverzichtbarkeiten zu finden. Im Gefolge waren auch wieder Nadine (aka Manic Mechanic) und Andy, die beste ehemalige Sozia von allen. Die gaben sich selbst den Namen „Ricos TeamTussis“, was später noch gravierende Folgen haben sollte. Auch Simon und Lisa wollten bei Papas Rennen nicht fehlen.

Während die TeamTussis sich mit einer gewissen Routine an den Aufbau der Lagerstatt begaben, schlenderte Rico durch das Fahrerlager. Durch eigenes Verschulden fiel er hier auch den ersten Hackfressen in die Hände und scheiterte kläglich mit seinen verzweifelten Fluchtversuchen.

Holger und Thomas schleppten ihn unverzüglich zur Strecke und behaupteten, bei der anstehenden Besichtigung wertvolle Tipps weitergeben zu können. Eingebettet in ein riesiges Areal liegt die Strecke idyllisch in einer Senke zwischen Kuhweiden. Dieser Teil Belgiens scheint vornehmlich die wirtschaftlichen Interessen des nationalen Milchkartells zu stützen.

... von der Strecke Richtung Fahrerlager

… von der Strecke Richtung Fahrerlager

Das Layout würde bei einem Teil des Supermotouniversums auf verständnislose Ablehnung stoßen und endlose Diskussionen nach sich ziehen. Hier in Belgien sei jedoch alles völlig normal, versicherte man Rico. Holger erklärte ihm geduldig verschiedene Schlüsselstellen, zu denen auch der das Ende einer lange ansteigenden Geraden durch ein Waldstück gehörte. Dieses Ende wurde durch ein nahezu senkrecht abfallendes, unendlich tiefes Nichts markiert …

… als Rico langsam wieder zu sich kam, er sich vom ersten Schock aber noch nicht wirklich erholt hatte, waren sie schon auf dem Rückweg ins Paddock, wo sich die üblichen Zeremonien anschlossen: Rohes Fleisch wurde durch Erhitzen über glühender Kohle in lukullische Genüsse verwandelt und gegorene Getränke löschten, gut gekühlt, den Durst.

Das aufgeregte, anhaltende „Ihaaahh Ihaaahh“ der Eselherde wurde mit einem beschwichtigenden „Mmmouuuh“ der Kühe beantwortet – in echtem HiFi-Stereopanorama von der nebenan gelegenen Wiese. Rico setzte den Gaskocher in Gang und begrüßte Thomas, der im Forum besser als „Zaundoc“ bekannt ist. Er war aus seiner Biergarniturtischzeltkonstruktion geklettert, die als kreatives Provisorium nächtlichen Unterschlupf gewähren sollte. Beim Einladen waren die Zeltstangen vergessen worden.

Für Thomas würde Bilstain der Abschluss seiner aktiven Karriere im Rennstreckensport sein – in mehrfacher Bedeutung … er trug schon tags zuvor ein Hemd mit der Rückenaufschrift: Mein letztes Rennen – 15.-16. August 2009 – Bilstain.

Rico brühte den Kaffee auf, genoss die frische Luft und sah dabei zu, wie der feucht-kühle Morgen die Nacht vertrieb, der Tag langsam erwachte. Rico begleitete Thomas zur Strecke, wo er das Banner des Ü-40-Cups an einem Gitter befestigte.

Der Ü-40-Cup bei den Belgian Supermoto Masters in Bilstain

Der Ü-40-Cup bei den Belgian Supermoto Masters in Bilstain

Um zehn Uhr sollte mit dem freien Training das Wochenende beginnen. Genügend Zeit, um mit der Kamera noch ein wenig die Gegend zu erkunden und sich in aller Ruhe vorzubereiten.

Noch etwas zögerlich nahmen Rico und die Yamsel die ersten Meter der Strecke in Angriff. Trotz der allgegenwärtigen Staubschicht bot der Belag guten Grip. Bilstain bietet in dieser Variante drei Offroadsektionen, die durch kurze Asphaltpassagen verbunden sind. Der erste Teil besteht aus zwei langen Geraden, die parallel zueinander verlaufen. Gleich im Anschluss folgt die Überleitung in den zweiten Geländeteil. An der Außenseite bieten Betonteile, wie man sie als Fahrspurteiler in Autobahnbaustellen kennt, eine Möglichkeit zum Anlehnen. Das ist auch zwingend notwenig, weil jeder unkontrollierte Gasstoß mit einem wild auskeilendem Heck belohnt wird.

Verbindung zwischen den Offroadpassagen

Verbindung zwischen den Offroadpassagen

Ricos Anfahrt über den ersten Sprung war für seine Verhältnisse mutig – um nicht zu sagen leichtsinnig. Er hatte sich schlampig darauf vorbereitet und der fehlende Knieschluss wurde umgehend bestraft. Nach der nächsten Kante wartet ein romantisch gelegener Schlammsee auf Badegäste. Der folgende Anlieger führt dann nach rechts in die Bergaufpassage durch den Wald.

... durch den Wald ...

… durch den Wald …

Zwischen den Bäumen hält sich der Staub etwas länger in der Luft und das Wechselspiel zwischen Licht und Schatten macht die Orientierung auch nicht wirklich einfach. Unnötig zu erwähnen, dass der gesamte Offroad von Löchern in Rippen durchzogen ist und jede Unachtsamkeit mit einer ebenso unwillkürlichen wie unfreiwilligen Richtungsänderung verbunden ist. An einer beschaulichen Lichtung wartet dann rechts die Klippe mit dem oben bereits erwähnten Nichts.

Der optische Eindruck ist erschreckend, zumal tief unten am Ende der Schanze ein Linksknick wartet, der innen mit einem Sprung genommen werden kann oder, für die etwas vorsichtigeren Fahrer, außen umfahren werden kann. Für Fehler ist an dieser Stelle kein Platz. Ganz außen dienen lediglich robuste Holzwände und quer gelegte Reifenstapel als Schutz vor der geduldig wartenden Baumgruppe.

Over The Edge - Copyright 2009 by Motomonster (Chr. Queens)

Over The Edge – Copyright 2009 by MotoMonster.de (Chr. Queens)

Ein kurzes Waschbrett mit vier Höckern bildet den Abschluss des Offroads und schickt den Wemser mit einer kurzen Geraden und einer langer Links-Aufwärts-Kombination auf den höchstgelegenen Streckenteil.

Auch hier sind zwei parallel liegende Geraden mit einer engen Haarnadelkurve verbunden und nach einer Rechts-Links-Schikane führt der nächste Rechtsbogen wieder zurück zu Start und Ziel.

Rico und die Yamaha hatten die erste Runde überlebt und waren sogleich uneins über die weitere Taktik. Das Motorrad drängte ungestüm nach vorne, was in komplett entgegengesetztem Verhältnis zu Ricos zwischenzeitlich reduziertem Vorrat an Mut stand. Immerhin konnten beide sich langsam steigern und ab Runde vier etwa bemerkte Rico, dass die Yamaha immer mehr Freude an ihrem wedelnden Heck fand. Das lag aber leider mehr an dem eingefahrenen Nagel im Hinterreifen, der hinterhältig den Rest der Druckluft aus dem Rad sog. Für Rico bedeutete dies das viel zu frühe Ende des freien Trainings.

... so steckte der Nagel im Schlauch

… so steckte der Nagel im Schlauch

Oft hatte Rico sich über den freundschaftlichen Zusammenhalt im Fahrerlager gefreut. Auch er durfte davon schon profitieren und diesmal war es Achim, der von den Hackfressen liebevoll als „Mann ohne Hals“ verehrt wird, der spontan einen nagelneu verpackten Schlauch als Ersatz anbot. In polytechnischer Kooperation gelang es „Ü“, „Ziege“, und „Bürcher“, den heimtückischen Terrorakt des rostigen Nagels zu vereiteln und dem Reifen zu einer frisch belüfteten Lunge zu verhelfen.

Das Qualifying war für 14 Uhr angesetzt und würde somit bei mollig warmen Temperaturen stattfinden. Rico achtete darauf, dass beiden genügend Flüssigkeit zur Verfügung stehen würde und füllte den Tank der Yamaha.

Kraftbrause

Kraftbrause

Die TeamTussis hatten sich inzwischen auf den Weg zum nächsten Supermarkt begeben, um für Nachschub zu sorgen – an Getränken und Opfergaben für den Gott der Grillroste. Und so konnte Rico gemütlich im Klappsessel liegend vor sich hindösen und die zunehmende Hektik der Teilnehmer in den anderen Klassen beobachten. Die Quadfahrer schienen dabei noch mehr Nervosität zu verbreiten als Rico selbst.

Der schlenderte umher, schwatzte ein wenig und begegnete Balou, Harros kleinem Pferd, das immer von sich behauptet, ein Hund zu sein und, ob seiner Größe, für Angst und Schrecken sorgt oder sich einfach mit Streicheleinheiten oder Leckereien bestechen lässt.

Balou, das kleine Pferd, hält sich für einen Hund ...

Balou, das kleine Pferd, hält sich für einen Hund …

Harro hatte den offiziellen Teil der Veranstaltung auf ein sehr entspanntes Maß herunterreduziert. Zusammen mit der nie um passende Antworten verlegenen Daniela hatte er für eine perfekte Organisation gesorgt. Auch Harry hatte endlich das Fahrerlager erreicht und berichtete vom desaströsen Kollaps seines Wemsmobils.

Für das Zeittraining wollte Rico seinen Rückstand aufholen und sich Runde für Runde steigern. Das gelang ihm, auch bis der erste Anlieger plötzlich und unerwartet einen kleinen Hüpfer abwärts machte und das Vorderrad der Yamaha kurzerhand über die obere Kante rutschte. Ein zufällig anwesender Fotograf sprach später von einer katzenhaften Eleganz, die im Tierreich nur durch die ganz großen, grauen Rüsseltiere noch übertroffen wird.

Anlieger ...

Anlieger …

... Anflieger ...

… Anflieger …

... Hinleger - alle Fotos Copyright 2009 by Motomonster (Chr. Queens)

… Hinleger – alle Fotos Copyright 2009 by MotoMonster.de (Chr. Queens)

Die Yamsel hatte genug und verweigerte trotzig den Dienst. Rico schaffte es nicht mehr, den Motor in Gang zu bringen und gab auf. Spätestens jetzt wünschte er sich den kleinen roten Knopf, links unter dem Gasgriff wieder her. Tief enttäuscht schob er das Motorrad hinter die Absperrung und wartete, immer noch um Luft ringend, auf das Ende der Session. In solchen oder ähnlichen Situationen fasst man schnell leichtsinnige Entschlüsse, die auf die Intensivierung des Konditionstrainings ausgerichtet sind.

Später im Fahrerlager bemerkte er, dass sich beim Sturz ein Schleifer am Stiefel gelöst hatte und so spazierte er, begleitet von den Kindern, wieder runter zur Strecke. Einerseits, um nach dem Schleifer zu suchen, andererseits um den Fahrern der anderen Gruppen noch etwas zuzusehen.

Den Schleifer fand er schnell wieder und als er sich noch über das Glück freute, begegnetem ihm plötzlich die Monstermacher, Murkser und Rutzel. Der übliche Austausch von Verbalinjurien gipfelte in der Vorführung eines erschütternden Schauspiels, dass zuvor im Zeittraining des Ü-40-Cups zu beobachten war. Auf dem Display der Kamera war zu sehen, wie einer der Teilnehmer im ersten Anlieger zu weit nach oben kam und stürzte. Das beruhigende Versprechen, die lückenlose Dokumentation mit der üblichen Diskretion zu behandeln, verursachte bei Rico kurzfristig ein mulmiges Gefühl.

Mulmig blieb es auch später und je näher das erste Rennen rückte, um so stärker wurde das Gefühl. Keine Frage, Rico stand hier vor einer Aufgabe, die über die selbst gesteckten Grenzen einen Schritt hinaus ging. Aber kneifen gilt nicht und wo er nun schon mal hier war, wollte er auch den alten Haufen wie üblich vor sich hertreiben.

Seine Zeit im Qualifying hatte ausgereicht, um nicht als Letzter starten zu müssen. Mit Jörg Petry lieferte er sich ein erbittertes Fernduell um die „Laterne Rouge“. Am Ende der Einführungsrunde wurde ihm der Startplatz zugewiesen. Er sah den Mann mit der Flagge vor dem Feld zur Seite laufen, die Ampel sprang auf rot und wenige Augenblicke später brach die Meute los. Anders als in Nendingen war er im ersten Gang gestartet und musste früh vom Gas, um im ersten Linksknick nicht gleich die komplette Startreihe abzuräumen. Richtung Offroad und schon wurden gelbe Fahnen rausgehalten. Die ersten Bodenproben wurden genommen und Rico versuchte wieder, sich aus allen Rangeleien rauszuhalten. Auf der Anfahrt zur „Kante“ streckte sich das Feld und in der Kurve linksaufwärts kassierte er die 21.

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Ü-40-Cup bei den Belgium Supermoto Masters 2009 – Copyright by MotoMonster.de (Chr. Queens)

In den folgenden Runden vergrößerte Rico seinen Vorsprung, achtete auf die Flaggen und versuchte, den Schnelleren fair Platz zu machen.

Nach einer kleinen Unendlichkeit und trotzdem doch merkwürdig früh wurde bei Start und Ziel die letzte Runde angezeigt. Rico hatte genügend Vorsprung und nach vorne würde er nun niemanden mehr gefährden können. So rollte er die letzte Runde kraftschonend zu Ende und es kam, wie es kommen musste: Ohne diese letzte Runde komplettieren zu können, wurde er von den Streckenmarshalls Richtung Parc fermé gewunken … und schaffte es damit nicht in die Wertung. Daniela war es, die ihm später erklärte, dass er nur noch ein einziges Mal über die Ziellinie hätte fahren müssen, um der Zeitmessanlage die Gelegenheit zu geben, sein Transpondersignal zu empfangen … wieder hatte Rico aus Unerfahrenheit ein besseres Resultat verschenkt.

Nur kurz ärgerte Rico sich über den vermeidbaren Fehler, hakte ihn schnell unter dem weiter stetig wachsenden Kapitel „Erfahrungen“ ab und der Abend wurde dann doch noch ganz nett. Er las die Kurzmitteilungen auf dem Mobiltelefon. Einige Mitglieder aus dem Alte-Säcke-Forum hatten ihm schon im Vorfeld damit gedroht, ihn am Sonntag kräftig zu unterstützen – jetzt machten sie ernst.

Mitten in der Nacht erwachte er durch einen laut in einer Mischung aus Französisch und Alkoholisch gehaltenen Disput, der sich mit den Belgiern im Allgemeinen und den Flamen und Wallonen im Besonderen beschäftigte. So viel war zu verstehen. Und noch während er darüber nachdachte, warum der Rest des Fahrerlagers sich nicht mit schlagkräftigen Argumenten an der Diskussion beteiligt, glitt er wieder hinüber in einen tiefen Schlaf, mit merkwürdigen Träumen aber unterhaltsamer Inszenierung.

Der gelungene Zaubertrank des gestrigen Morgens war wohl ein glücklicher Zufall gewesen. Das musste er beim ersten Probieren des neu gebrauten Morgenkaffees feststellen. Er beschloss ausnahmsweise ohne kraftspendene Heißgetränke den Tag zu beginnen und beobachtete beim Zähneputzen die Kühe, wie sie aufgeregt muhend in schnurgerader Reihe, ein unsichtbares Ziel ansteuernd, hektisch über ihre Wiese hetzten – die Esel blieben völlig gelassen.

Der zweite Lauf des Ü-40-Cups war im Zeitplan für 15 Uhr vorgesehen, ein WarmUp nicht geplant und so pendelte er immer wieder zwischen Strecke und Fahrerlager und freute sich über den nicht enden wollenden Andrang von Zuschauern. Auch eine Kostprobe der viel gerühmten belgischen Fritten wollte er sich nicht entgehen lassen. „Bonjour Madame! Je ne parle pas trèsbienfrançais. Je … “. Die freundliche Dame an der Theke wusste wohl sofort, was Rico wollte und erklärte geduldig die notwendigen Schritte.

Simon, der Jüngste, und er saßen schweigend im Schatten und mampften die Pommes. Welche Sauce sie haben wollten, wurde er gefragt und dabei rechnete Rico mit einer Auswahl aus mindestens 51 verschiedenen Spezialitäten – es gäbe Ketchup oder Mayo meinte die Dame an der Fritteuse und forderte mimisch eine rasche Entscheidung.

Die Alten Säcke machen niemals leere Drohungen und nachdem Krissi und Marco schon am Samstag zu einem kurzen Abstecher im Fahrerlager gelandet waren, gesellten sich heute Jo (sie), Mike, René und Guido mit seinen beiden Jungs dazu. Während der erste Lauf der Masters absolviert wurde, Eddy Seel lieferte sich im Hyperraum einen packenden Zweikampf mit Gerald Delepine, umrundeten sie gemeinsam die Strecke und Rico beantwortete die zahllosen Fragen des angereisten Fanclubs.

Die Bande verteilte sich später um sie Strecke und Rico begab sich zurück ins Fahrerlager, um seiner langsam aufsteigenden Nervosität mit nutzloser Geschäftigkeit zu begegnen. Der Zaundoc hatte damit begonnen, seine Lederkombi mit einem Schriftzug zu präparieren. „Last Race“ stand da auf dem Rückenteil zu lesen.

"Last Race" - Bilstain 2009

„Last Race“ – Bilstain 2009

Ein Sturz bei den Junioren am Vormittag hatte den Zeitplan durcheinander gebracht und der Start für den zweiten und abschließenden Lauf des Ü-40-Cups war für 16 Uhr neu angesetzt worden. Rico fühlte das wohlige Kribbeln im Bauch und freute sich auf das Rennen. Luftdruck und Tankfüllstand hatte er schon mehrfach kontrolliert und um wirklich ganz sicher zu sein, überprüfte er alles noch mal.

Es ging los. Er setzte den Helm auf, ließ die Yamaha vom Hubständer und wünschte Thomas ein gutes Rennen und dass er gesund zurückkommen möge. Der Motor sprang auf den ersten Kick an und grollte ungeduldig los. Auf dem Weg zum Vorstart winkte Rico den anderen Cupfahrern, die sich um Harros Lager versammelt hatten fröhlich zu und rollte den langen Weg nach unten zur Strecke.

„Trente“ rief die Chefin des Vorstarts Rico entgegen. Die Startreihenfolge wurde analog zum Ergebnis des ersten Laufes ermittelt. Er fand das Täfelchen mit der 30 und beobachtete, wie die Anderen nach und nach zu ihren Plätze kamen. Ein paar Albernheiten vertrieben die letzte Nervosität, Daniela informierte jeden darüber, dass direkt im Anschluss die Siegerehrung an der Strecke stattfinden sollte und schickte schließlich die Meute los. Auf der Einührungsrunde hatte er die letzte Gelegenheit, sich den besten Weg durch den inzwischen kräftig zerschossenen Offroad zu merken. Als er endlich seine Startposition erreicht hatte, dauerte es nur wenige Augenblicke: Wieder kreuzte der Mann mit der roten Flagge vor dem Feld, die Ampel sprang auf rot und einen Sekundenbruchteil danach brüllte der Rrroarrr die Zuschauer an.

Noch vor der ersten Kurve gelang es Rico, einige Plätze gut zu machen, die er allerdings eingangs des ersten Offroads wieder verlor. Er versuchte, früh aus der nächsten Haarnadel heraus zu beschleunigen und fluchte über den heftigen Rutscher am Hinterrad. Der kostete Zeit und so kam er als Letzter zum ersten Sprung. Heftig geschwenkte gelbe Flaggen kündigten es an: Vor dem Anlieger waren zwei Fahrer gestürzt. Rico erkannte die 74, den Zaundoc, der auf allen Vieren kriechend versuchte, sich von der Strecke in Sicherheit zu bringen. Das sieht übel aus, dachte er und nach dem Anlieger sah Rico noch einmal besorgt über seine Schulter nach hinten, sich aber dann an das erinnernd, was Thomas ihm kurz von dem Rennen gesagt hatte: „Fahr’ deinen Stiefel und kümmer’ dich nicht um den Rest.“

Er schnappte sich die 21 und schloss in der zweiten Runde, die übrigens auch seine Schnellste des Rennens war, zu Achim auf.

Achim (aka Bürcher) - Copyright 2009 by MotoMonster.de (Chr. Queens)

Achim (alias Bürcher) – Copyright 2009 by MotoMonster.de (Chr. Queens)

Der bremste in der Haarnadel spät, viel zu spät und Rico konnte leicht innen durchschlüpfen. In der Runde danach sah er aber, dass Achim an genau dieser Stelle ausgerollt und stehen geblieben war. Das bestaunenswerte Überholmanöver war also durch einen Defekt begünstigt gewesen.

Insgesamt kam ihm die Strecke heute irgendwie leichter vor. Er hatte sich einige Punkte gemerkt und versuchte nun immer wieder ein wenig später zu bremsen und früher ans Gas zu kommen. Bei Start und Ziel wurde irgendwann die Tafel, die die letzte Runde ankündigt, rausgehalten – endlich. Viel länger hätte es auch nicht dauern dürfen, denn nach und nach kam Rico das Gefühl für seine Hände und Arme abhanden.

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Ü-40-Cup bei den Belgium Supermoto Masters 2009 – Copyright by MotoMonster.de (Chr. Queens)

Als die Zielflagge geschwenkt wurde, war er enttäuscht und erleichtert zu gleich. Abgesehen von seiner aufgebrauchten Kondition wäre er gerne weiter gefahren aber insgeheim war er froh, die Strecke überstanden und seinen inneren Schweinehund niedergekämpft zu haben, ohne dabei größere Blessuren zu erleiden. Auch die Gabel der Yamaha hatte gehalten und insgesamt konnten beide sehr zufrieden sein – Rico und die Yamsel, nicht der Schweinehund.

Im Parc fermé stand er neben Harry. „Was ist mit Thomas?“, fragte Rico. Andy hatte ihm zwei Wasserflaschen über die Absperrung gereicht, von denen er eine an Harry weitergab. Der konnte auch nur von dem Sturz berichten und wusste keine Einzelheiten. Die Euphorie, die er noch in Nendingen erlebt hatte, blieb diesmal aus.

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Ü-40-Cup bei den Belgium Supermoto Masters 2009 – Copyright by MotoMonster.de (Chr. Queens)

Zurück im Fahrerlager fand er nur Sabrina und Dominik, die Kinder, die Manuela und den Zaundoc begleiteten. Das kleine Mädchen machte ein so trauriges Gesicht, dass Rico tröstend seinen Arm um sie legte, noch bevor er sich aus der verschwitzten Lederpelle schälen konnte. Er wollte sich bei Harro und Daniela nach dem neusten Stand erkundigen und versprach der Kleinen, sofort zurückzukommen, sobald er Neuigkeiten hätte.

Der belgische Rettungswagen kam langsam die Wiese im Fahrerlager heraufgerollt und Rico entdeckte Manuela auf dem Beifahrersitz. Ihr sorgenvoller Gesichtsausdruck verhieß nichts Gutes. Gemeinsam mit den anderen liefen sie hinter dem RTW zum Standplatz. Manuela berichtete vom Sturz und das Thomas am Knie verletzt sei, möglicherweise das Wadenbein gebrochen wäre. Er solle zur genaueren Diagnostik in die Klinik nach Aachen.

Rico erklärte, dass sie sich um das Motorrad und den Wemstransporter (… eine kurze Anmerkung sei an dieser Stelle gestattet: Warum schlägt eigentlich das Rechtschreibprogramm an dieser Stelle immer nur den Begriff „Viehtransporter“ vor ??) kümmern würden und die Kinder solange bei Andy bleiben könnten. Etwas erleichtert willigte sie ein und machte sich mit Thomas, der inzwischen an den selbst mitgebrachten Gehstützen von der Trage zu Manuelas Auto gehumpelt war, auf den Weg ins Krankenhaus.

Während bei Harro eine kleine Siegerehrung improvisiert wurde, packten die TeamTussis, tatkräftig von den Alten Säcken unterstützt, das Equipment zusammen und verteilten es auf die jeweiligen Fahrzeuge. Inzwischen hatte Rico neben seinem eigenen Pokal stellvertretend für den Gesamtersten die Siegerpokale entgegen nehmen dürfen und alberte mit den Anderen noch kurz rum, bevor er sich verabschiedete.

Mit Krissi und Marco, die beide gemeinsam in Aachen wohnen, war schon vorher vereinbart, dass sie den Abend dort verbringen wollten. So fuhren sie in einem merkwürdigen Konvoi Richtung Deutschland. Die Motorräder der beiden AS vorneweg, dann Andy, die den schwarzen „Zaundoktor“-Transporter lenkte und Rico, der mit den Kindern im Familiendiesel dem Grüppchen folgte.

Als gerade die Reihenfolge für die ersehnte Dusche ausgefochten war, klingelte Ricos Telefon. Manuela gab einen ersten Zwischenbericht aus dem Krankenhaus und teilte mit, wo sie zu finden seien. Das Aachener Klinikum – architektonisch eine bedauernswerte Mischung aus Heizkraftwerk, Raumschiff und U-Boot – war Krissi durch ihr Medizinstudium bestens bekannt und so fanden sie ohne Umwege zur Notaufnahme. Dass dies keine Selbstverständlichkeit ist, kann jeder nachvollziehen, der dort erst nach Tagen orientierungslosen Suchens endlich, fast verzweifelnd sein Ziel gefunden hatte.

Klinikum Aachen - Copyright 2009 by Gilbert’s Gallery (www.kuhnert.nl)

Klinikum Aachen – Copyright 2009 by Gilbert’s Gallery (www.kuhnert.nl)

Thomas lag im Bett, Manuela stand daneben und die Kinder fielen jubelnd über beide her. Das Knie war inzwischen auf einen respektablen Umfang angeschwollen. Dem aktuellen Kurzbulletin schloss sich eine lange Wartezeit an.

Thomas schilderte den Unfall später so: „Ich bin links versetzt hinter dem Fahrer vor mir über den ersten Table und dabei habe ich schon mächtig aufgeholt. Am zweiten Table wollte ich ihn dann überholen. Als wir über die Kante sprangen, sah ich rechts einen Fahrer vor dem Anlieger liegen. Mein Vordermann sprang nicht so weit und zog nach der Landung nach links. Ich bin gelandet und in ihn rein … dabei ist meine Maschine nach links umgeklappt und ich bin über mein linkes getrecktes Bein mit einer Linksdrehung abgestiegen. Dabei hat es zwei mal in meinem Knie kräftig gezupft.“

Der Orthopäde kam, der Befund des Radiologen wurde erneut besprochen und nachdem der Unfallchirurg die stationäre Aufnahme in der Klinik durchgesetzt hatte, konnte auch Manuelas ursprünglicher Plan, noch in der Nacht nach Hause fahren zu wollen, endgültig verworfen werden. Sie würden alle gemeinsam in der Studentenbude von Krissi und Marco Platz finden und eine warme Mahlzeit sollte es spät in der Nacht auch geben.

Der Morgen begann mit der logistischen Konzeption. Manuela wurde mit den Kindern zum Klinikum gebracht und nach einem kurzen Krankenbesuch steuerte sie im eigenen Auto die hessische Heimat an. Das Rico im klimatisierten Familiendiesel nur auf Anhänger und Kinder zu achten hatte, kann getrost vernachlässigt werden. Andy als Pilot und Nadine als Navigator – die TeamTussis brachten den schwarzen Transit, vollgepackt und ohne Servolenkung, zurück in den kleinen Ort im Taunus. Eine absolut respektable Leistung, denn das untermotorisierte Gefährt entbehrt nicht nur den geringsten Luxus. Mit dem kompletten Equipment beladen, brachte der Transporter nun das gefühlte Vielfache seines Eigengewichts auf die Waage. Die Zigarette danach sollte diesmal ausnahmsweise genehmigt sein.

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Eiszeit

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Es hatte den ganzen Tag und die ganze Nacht geschneit. Der Radiosender, der sein omnipräsentes Gute-Laune-Programm als das mit der angeblich besten Comedy anpreist, verklappte das Tief Daisyals ungewöhnliche Sensation im Äther. Rico konnte es kaum fassen, dass bei einem im Winter durchaus üblichen Wetterphänomen die Menschheit völlig den Verstand zu verlieren schien … seine innige Freundschaft zur kalten Pracht dürfte nun hinlänglich bekannt sein und inzwischen Beispielcharakter haben.

Mit Dank für die freundliche Genehmigung, gefunden bei Flickr: Sleeping Snow - ©Copyright 2009 by Rainer Schuetz

Sleeping Snow – © 2009 by Rainer Schuetz

Watch out where the Huskies go, and don’t you eat that yellow Snow!– diese Zeile aus Don’t Eat The Yellow Snow – von Frank Zappa (Anm.: Titel #1 von der LP Apostrophe (‚), erschienen am 22. April 1974 bei DiscReet Records – in Stereo) kam ihm in den Sinn, als er im Forum die nachvollziehbare Warnung las, niemals gelben Schnee zu essen.

Rico hatte sein Fitnessprogramm wieder aufgenommen und nahm den ungeliebten Schneeräumdienst von der sportlichen Seite. Die Klimaerwärmung lässt sich unverschämt viel Zeit, grummelte er innerlich.

Die hypnotische Wirkung des Kaminfeuers gab seinen Gedanken die Gelegenheit zu einem kleinen Ausflug. Die wohlige Wärme machte ihn müde und bald glitt er hinüber in eine Welt zwischen Traum und Realität. Bilder der vergangenen Wochen tauchten auf. Die Saison auf dem Motorrad war ereignislos ausgeklungen. Ein paar Besuche in Walldorf – das war’s.

Er erinnerte sich an den Besuch seines lieben Freundes Cosi, der zwar angekündigt hatte, den Jahreswechsel gemeinsam mit Ricos Familie verbringen zu wollen, der aber sein konspiratives Talent dazu genutzt hatte, schon ein paar Tage früher aufzutauchen und mit einer Kollektion an eigens kreierten Fan-Shirts für das Tatzenbär-Räcing-Team für eine sehr gelungene Überraschung zu Ricos Geburtstag sorgte.

Nun gab es also neben dem Mega Macho (Fahrär) auch die Team-Tussis #1 und #2. Dazu die technische Unterstützung (Schraubär) und den nicht zu unterschätzenden Moral Support (Anfeuerär).

Unterstützt wurde Cosi dabei von Nadine, eben jener Team-Tussi #2, die wiederum am Abend der Geburtstagsfeier dem unpanischen Klaus etwas näher kam und sich beide gegenseitig fortan auf den verschiedensten Plattformen zwischen Facebook und den Foren schmachtend–sehnsüchtiger Gewogenheiten bezichtigten.

Das Stubenvelo tauchte plötzlich wieder auf und versprach, fleißig bei den Vorbereitungen für die kommende Saison zu helfen. Das Kärtchen mit der neuen Lizenz hatte der DMSB schon geschickt und ein wichtiger Termin wurde schon ungewöhnlich früh veröffentlicht: In Bilstain würde wieder ein Ü-40-Cup-Rennen ausgetragen und Rico war sich jetzt schon sicher, er könnte sich als Gaststarter erneut in Belgien versuchen.

Gaststarter deshalb, weil die Regularien für das Jahr 2010 geändert worden waren. Es wurde eine feste Einschreibung erforderlich, wenn man im Cup punkteberechtigt starten wollte. Mit Ricos unregelmäßigem Dienstplan war dies nicht vereinbar und so hoffte er, den einen oder anderen Lauf trotzdem bestreiten zu können.

Auf der transarktischen Expedition von der Dienststelle in das entlegene Schwarzwalddörfchen begegneten ihm Zauderschnecken, Kriechhühner und phlegmatische Halbtagsmollusken, deren einziger Lebensinhalt darin zu bestehen schien, seine Ankunft zu Hause und den damit verbundenen, dringend notwendigen Erholungsschlaf denkbar lange hinauszuzögern. Die Flockenschar, die erneut ebenso wirr wie unaufhaltsam ihren bereits am Boden zahlreich verbreiteten Artgenossen zustrebte, schaffte es nicht annähernd die romantische Atmosphäre zu erzeugen, die man ihnen im Allgemeinen zuschreibt.

Winter

Winter

Die traditionelle Aufzündparty des Forums, kurz AZP, hatte auch dieses Jahr ohne Rico stattfinden müssen. Er widmete sich lieber seinem Nachtdienst, als sich von den hässlichen Schräglingen im Odenwälder Fleischkappenheim visuell beleidigen zu lassen. Immerhin konnte er bei der Motorradmesse in Karlsruhe „Ziege“ samt Anhang kurz begrüßen und „Gassini“ mit seiner hübscheren Hälfte knuddeln. Auf einem winzigen Erster–Gang–Parcours in Halle 3 sollte „Supermoto“ präsentiert werden – die Gäste duften wenigstens ein paar Pseudodrifts auf dem eisglatten Betonboden bestaunen. Mit Supermoto oder gar Werbung für den Sport hatte das wirklich nicht das Geringste zu tun. Immerhin stimmten Sound und Geruch – Rico hatte schon Tage zuvor insgeheim mit dem Gedanken gespielt, die Yamaha in der Garage mal für wenige Minuten laufen zu lassen, um wenigstens den schlimmsten Entzugserscheinungen etwas entgegenzuwirken.

Der Winter dauerte ohnehin schon viel zu lange. Eisregen, Dauerfrost mit Temperaturen unter Minus 20°C und noch mindestens acht Wochen würde dies so bleiben – sooo uuuneeendlich laaange, bis das Permafrostklima hoffentlich frühlingshafterem Wetter weichen würde. Doch es schneite und schneite und schneite … einen ersten zaghaften Versuch des Frühlings fegte das Orkantief Xynthiakurzerhand aus dem Land, der Winter wollte einfach nicht aufgeben und sorgte mit eisiger Faust für kollektive Frustration.Der traurige Tiefpunkt war allerdings folgenschwerer als rote Nasen oder klamme Finger. Während des Dienstes stürzte Rico auf einerEisplatte, die durch den frischen Neuschnee nicht zu sehen war. Der notärztlichen Erstversorgung mit Midazolam und Ketamin folgte die in solchen Fällen übliche Tortour in der Klinik. Im MRT (Kernspintomographie) wurden eine Dehnung und lokale Einrisse an den hinteren Kreuzbändern im rechten Knie festgestellt. Die Saison wäre fast zu Ende gewesen, bevor sie richtig begonnen hatte …

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Epilog

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Wie immer, wenn Emotion und Ratio sich in die Quere kommen, bleibt dabei ein Teil zwangsläufig auf der Strecke. Dass damit in diesem Fall ein früh- und vorzeitiges Ende der Geschichte von Rico und seinen Erlebnissen in der schrägen Welt des Supermoto verknüpft sein würde, war in dieser Form ganz sicher nicht geplant, geschweige denn zu ahnen. Und noch während dieser Epilog verfasst wird, kämpfen die Gefühle mit dem Verstand.

Die Fakten: Nach dem Arbeitsunfall und der Knieverletzung fand Rico nicht mehr die geringste Motivation, das Training erneut aufzunehmen. Die Wemslust war ihm auf unerklärliche Weise völlig abhanden gekommen und dies zu erkennen, stimmte ihn sehr nachdenklich. Der geliebte Sport war plötzlich fast uninteressant geworden und so reifte beständig der Entschluss, die Rennerei ganz aufzugeben.

Das Verkaufsangebot im Forum fand ein geteiltes Echo. Unzählige Nachrichten erreichten ihn. Von Unverständnis und „einer vorübergehenden Phase, die jeder mal durchmacht“ war die Rede. Rico wusste aber, es war mehr. Seit dem Rennen in Bilstain hatte er die Yamaha kaum noch bewegt, einmal in Walldorf und zu Hause zum Testen nach der Wartung. Als er endlich mal einen Tag frei hatte, an dem er die Gelegenheit zum Fahren hätte nutzen können, fehlte ihm schlicht die Lust, keine Spur mehr von dem fiebrigen Wahn.

Ernsthaftes Interesse an dem Motorrad hatte nur einer im Forum. Gassini hatte sofort nachgefragt und hatte sich kurzerhand von seiner KTM getrennt. Trotzdem war es wenig tröstlich, dass die blaue Lady „in der Familie“ bleiben würde. Nachdenklich betrachtete er die Karte des DMSB mit der C-Lizenz, dann steckte er sie zurück in den Geldbeutel und beantwortete Gassinis letzte Nachricht im Forum: „… entspanne Dich, Fratello mio. Alles wird wems. Du bekommst die Yamsel, dabei bleibt es. Was willst Du noch an Zubehör (so, wie es im Angebot steht) dazu haben? Dann kann ich den Rest in die Bucht kloppen …“.

Nach dem er die Yamaha übergeben hatte, würde er sich aus dem Forum abmelden. Die Geschichte vom Supermoto hatte für Rico ihr letztes Kapitel erzählt.

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The End
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Kapitelübersicht

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3 Kommentare »

  1. Faszinierender Bericht, konnt gar nicht aufhören und müßte bis zu ende lesen.
    Du bist mit der Yamsel noch gar nicht gewemst, machst aber schon dicke Backen gegen ander Marken!!!
    Komm du mir mal Quer daher, auf der Streck.

    Grüße Harry

    Kommentar von Messerharry — Dienstag, 24. Februar 2009 @ 18:41 (6:41 PM) | Antwort

    • Freut mich, dass ich Dich dafür interessieren durfte. Tatsächlich! Die Lady habe ich noch keinen Millimeter auf der Strecke bewegt – aber klappern gehört doch zum Handwerk?

      Kommentar von ricolikesbikes — Dienstag, 24. Februar 2009 @ 18:55 (6:55 PM) | Antwort

  2. Mist, die Batterie von meinem Heiligenschein ist leer!…

    Dieser Blog-Artikel ist echt schön, ich werde dein Blog jetzt öfters weiterbesuchen, mach weiter so…

    Trackback von FB-Nicks.de — Mittwoch, 20. Oktober 2010 @ 02:17 (2:17 AM) | Antwort


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